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Text: Aram Lintzel aus De:Bug 31

Digitale Verschwendungsökonomie Das Ende des Raren Etwas ist deshalb wertvoll, weil es mehr Menschen gibt, die es haben wollen, als Menschen, die es haben können. Diese Idee liegt der Marktwirtschaft zugrunde. Nichts hat dieses schon immer fragwürdige kapitalistische Konzept des Raren mehr ins Wanken gebracht als die neue digitale Überproduktion. Die angebotenen Datenmengen in Form von Websites, E-Mails, MPeg-Files etc. sind mehr, als irgend jemand aushalten kann, geschweige denn nachfragt. Dass diese unüberschaubaren Überschüsse in Form von Datenmassen einen Wert haben, weil jetzt Gegenstände, Töne und Gedanken gewollt werden, die nicht rar, sondern die im Überfluss vorhanden sind, zeigt, dass der “digitale Kapitalismus” nicht mehr nach der Logik des Raren funktioniert, sondern nach der des “Standards”. Webpages oder E-Mails sind nicht wertvoll, weil sie selten sind. Sie SIND einfach möglichst viele und werden angeklickt bzw. angeschaut. That’s it! In der digitalen Sphäre bewegt man sich mediengerecht nicht mehr nach dem oldschoolig zielorientierten Marktmodell des “Nachfragens” (ich will ein Buch, eine Platte, eine Jacke, also begebe ich mich auf den Markt und checke das Angebot), sondern man sucht, ohne etwas Bestimmtes zu wollen. Ich jedenfalls. Man kann einfach schauen, was da ist, ohne zu wissen, wozu das jetzt gut ist. Auch trotz noch so ausgeklügelter Suchmaschinen wirkt die alte teleologische Zweck/Mittel-Relation nicht mehr. Neue kommerzielle Orientierungshilfen versuchen zwar zu verhindern, dass man Zeit und Geld (an andere als an sie) verschwendet, indem man im Datenmeer ziellos navigiert. Aber die meisten Website-Anbieter haben schon gelernt, wie man für die Suchmaschine einfach einen falsche Kennung eingibt, und so bei den am häufigsten aufgerufenen Begriffen landet. Marktfetischisten, die die Welt nach Angebot und Nachfrage sortieren, und Kulturpessimisten, die die Datenüberflutung geisseln, haben mit dem Spass am Überflüssigen natürlich ein Problem. Sie setzen ¤ strengkontrollierende Portale ein, auf denen das nicht passiert. Mit ihnen versuchen sie, die digitale Verschwendungsökonomie wieder dem effizienten Regime von Angebot und Nachfrage unterzuordnen, doch verfehlen die Orientierungsautomaten ihre Aufgabe zwangsläufig: Auch dort findet man Links, die mich zum ungerichteten Umherklicken verführen. Doch nur, wer nicht bestimmt sucht, sondern sich auf das Unbestimmte des Datenflusses einlässt, kann es geniessen, seine Zeit surfend zu verschwenden. Wobei dieser Genuss natürlich von Privilegien abhängt: Kreditkarte und “Ich-bin-drin!”, zum Beispiel. Aber von Privilegien haben kapitalistische Ideologien und Theorien ja schon immer skrupellos abstrahiert.

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Elektronische Lebensaspekte.