Text: Tjoss May aus De:Bug 21

Karaoke-Dance Augen auf und Ohren zu beim neuen Tanzsport in Japan Tjoss May h0444fzu@student.hu-berlin.de Daß Karaoke irgendetwas mit Singen oder zumindest mit einer recht eigenen Form gesanglicher Darbietung zu tun hat, kann zwar nicht unbedingt als versierte Beschreibung des vor einigen Jahren so populär gewordenen Phänomens japanischer Herkunft geltend gemacht werden, aber da sich an diesen Begriff jetzt ohnehin eine anders gelagerte Leidenschaft knüpft, braucht uns die Mangelhaftigkeit der Aussage nicht weiter zu stören. Ganz im Gegenteil: denn das, was derzeit in Japans Spielhallen unter dem Stichwort ÇKaraoke-DanceÈ die Besucher in seinen Bann zieht, scheint von der ursprünglichen Idee des Namensgebers ziemlich weit entfernt zu sein. Wo sich beim Karaokesingen das Moment der Nachahmung noch eng mit dem Gedanken verband, sich einmal wie ein ÇwirklicherÈ Star fühlen zu können, dessen persönliche Leistung von einem mehr oder weniger applaudierenden Publikum beurteilt wurde, gewinnt beim Karaoketanzen der/diejenige, der/die dazu befähigt ist, jeglichen Wunsch nach Eigeninitiative auszublenden und sich möglichst perfekt dirigieren zu lassen. Ein spezielles Leuchtsystem, das am Boden abwechselnd einzelne Felder aufblinken läßt, legt fest, welcher Tanzschritt als nächster zu tun ist. Und weil dabei trotzdem nicht auf Musik verzichtet wird, deren rhythmische Reglementierungen jedoch nicht beachtet werden dürfen, gestaltet sich das Karaoketanzen zu einem echten Akt der Konzentration. Dennoch scheint der Unterhaltungswert nicht gänzlich supprimiert, denn wie sonst ließe sich die Leidenschaft der Japaner für diese neue Wettbewerbsart erklären. Möglicherweise ist es auch die Verwandtschaft zum Videospiel, übertragen in den nicht unbedingt wirklicheren, so doch immerhin körperlicheren Raum der Spielhalle, der Karaoketanzen zu einem Erlebnis mit Suchtcharakter macht.

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Elektronische Lebensaspekte.