Kupferstecher-Weisheiten im Web2.0. Der studierte Kartograph Frank Heidmann wirft einen kritischen Blick auf seine eigene Zunft. Karten sind viel manipulativer und viel weniger objektiv als gemeinhin gedacht.
Text: Ji-Hun Kim, Anton Waldt aus De:Bug 124


Die Öffnung der Kartographie für jedermann macht die Lage nicht einfacher.

Kartographen sind ein ganz besonderer Wissenschaftler-Schlag. Traditionen wie exaktes Schönschreiben durchgenormter Standard-Fonts auf der Kupferplatte wurden noch vor wenigen Jahren praktiziert, die Jahrhunderte als privilegierte, staatstragende Wissenschaft prägen das Fach bis heute. Als exakte Wissenschaft huldigt die Kartographie komplizierten mathematischen Projektionsverfahren und meidet Design. All das führt dazu, dass die Kartographie merkwürdig distanziert dem aktuellen Karten-Boom gegenübersteht. Dabei könnten die emsigen, aber oft ahnungslosen Infografiker und Designer von den Kartographen viel über die Produktion wirklich guter Karten lernen. Wir beleuchten die etwas absurde Situation der Kartographie im Gespräch mit Frank Heidmann: Der studierte Kartograph ist heute Professor für Interfacedesign an der FH Potsdam.

heidmann_239x319_01

Die Kartographie versteht sich ganz offensichtlich als exakte Wissenschaft. Dabei gibt es eigentlich gar keine exakten Landkarten, weil die Erde gekrümmt ist und daher immer mit Projektionen, also Übersetzungen gearbeitet werden muss?

In der Kartographie gibt es tatsächlich keine verzerrungsfreie Darstellung, da ist immer Abstraktion im Spiel. Aber ein klassischer Kartograph würde sein Fach auch heute noch als exakt bezeichnen. Demnach ist eine Karte eine sehr genaue Abbildung der Erde, mit verschiedenen Abbildungsformen, die jeweils für bestimmte Zwecke geeignet sind. Ein generelles Bewusstsein für Schwächen der Karten gibt es aber eigentlich nicht. Mit der Entzerrung von Luftbildern kann man inzwischen übrigens wirklich verzerrungsfreie Abbildungen der Erdoberfläche herstellen. Diese so genannten Orthofotos sind auch die Grundlage für neue Karten.
OK, philosophisch betrachtet gibt es keine 1:1-Abbildung der Erde. Aber es gibt ein Regelwerk für die Übertragung auf die zwei Dimensionen einer Karte. Der Globus ist dabei zunächst eine Kugel, wenn ich es genauer will, ein Ellipsoid, und wenn ich es ganz genau haben will, ein Geoid, das ist dann eine verbeulte Kartoffel. Dazu hat die Kartographie ein Repertoire entwickelt, wann welche Projektion zum Einsatz kommt, um Längetreue oder Flächentreue zu erreichen.

Nur dass das Regelwerk heute bei vielen Kartenproduzenten gar nicht mehr beachtet wird?

Dadurch, dass heute mittels Desktop-Mapping jeder am Rechner Karten erstellen kann, gerät wohl leider auch einiges an Herstellungswissen verloren. Optimistisch gedacht könnten diese Mankos aber mit der nächsten Generation der Desktop-Mapping-Systeme wieder ausgeglichen werden. Etwa indem die Software für jede Zuordnung von Daten zu Zeichen sinnvolle Vorschläge macht.
Die eigentliche Revolution stellen aber ohnehin Geobasisdaten dar. Denn auf diesem Feld herrschten davor sehr privilegierte Verhältnisse. Fast alle geografischen Systeme bedienen sich bei zwei Firmen, Teleatlas und Navteq (2007 von Nokia übernommen), die ihre Daten wiederum von den Landesvermessungsämtern bekommen. Denn auch wenn man das schnell aus den Augen verliert: Irgendwer ist noch draußen unterwegs und vermisst die Welt. Und früher gab es diese Daten bei den Landesvermessungsämtern nur in gedruckter Form. Als Student musste ich mir Ende der 80er Jahre meine digitalen Karten noch selbst herstellen, Vektordaten für Nordamerika waren dann schon mal drei Monate Arbeit mit der Digitalisierlupe.
Heute kann man diese Geobasisdaten relativ leicht einlesen und mit Sachdaten verknüpfen. Damit ist das Kartenherstellen auch kein Privileg mehr. Sammler und Nutzer von Geodaten sind nicht mehr strikt getrennt, sondern arbeiten kooperativ beim Erfassen und Nutzen von Geodaten.

Vom Privileg zum Allgemeingut

Also eine glatte Umkehrung der Verhältnisse, die lange Zeit in der Kartographie herrschten?

Historisch betrachtet war der Umgang mit Karten tatsächlich ein Privileg. Wer Karten hatte, hatte die Macht. Aber aus der Karten-Allmacht ist heute eine Karten-Allgegenwärtigkeit geworden. Dabei führt die Kartographie weiterhin ein Eigenleben jenseits des Infodesigns und anderer Disziplinen. Was auch an der dezidierten Handwerklichkeit der traditionellen Kartenherstellung liegt. Kartentechniker war ein richtiger Lehrberuf. Da ging es wirklich um Handwerk und Kunst, ein Kartentechniker hat ein ganzes Jahr an einer einzigen topographischen Karte gearbeitet. Und obwohl dabei jeder Buchstabe mit der Hand gezeichnet und nach Augenmaß platziert wird, erkennt man solche Arbeiten daran, dass sie so aussehen, als hätte sie eine Maschine hergestellt.

Die Abwesenheit von Gestaltungswillen weist also auf einen Kartographen als Urheber hin? Und die Zurückhaltung gilt als Zeichen von Objektivität?

Ja, ein bisschen schon. Obwohl der Zusammenhang natürlich nicht stimmt, außerdem wollen wir so etwas auch gar nicht sehen. Unser visuelles Verständnis will spannende Karten sehen, weshalb Informationsdesigner immer mehr Karten gestalten werden. Aber wegen ihrer starken handwerklichen Traditionen hat die klassische Kartographie den Wandel viel zu spät begriffen. Den technischen Wandel haben sie natürlich schon verstanden, wenn auch tatsächlich nur als Produktionserleichterung. Dabei wird mit den neuen technischen Möglichkeiten die strikte Trennung zwischen Kartenhersteller und -nutzer aufgehoben. Jetzt geht es um Kooperation, wobei von der klassischen Kartographie wohl nur noch die Basiskarten kommen.

Also Kartographie ohne Kartographen?

Natürlich hat die Entwicklung auch negative Folgen. Durch Navigationssysteme gehen beispielsweise das kartographische Wissen und auch das Raumwissen verloren, die eher unbewusste Nutzung von Rauminformationen. Und wenn sich wirklich GPS-Handys als Navigationshilfe für Fußgänger durchsetzen, wird vielen auch die Mental-Map der Stadt abhanden kommen. Weil man sich natürlich auf die Technologie verlässt. Die Fähigkeit, topographische Karten zu lesen, wird damit zu einer überflüssigen Kulturtechnik. Früher musste man mit Maßstäben umgehen können oder sich mit dem Kompass auf der Karte orientieren. Das geht heute schneller und einfacher, aber die räumliche Orientierungs-Kompetenz geht tendenziell verloren. Und bei der Navigation im Nahbereich ist die Diskussion noch offen: An welcher Stelle macht es Sinn, von der Karte zum Foto zu kommen. Bei der 3D-Darstellung von Straßenschluchten am Handy verschmelzen Darstellung und Geoinformationen, die reine grafische Repräsentation geht im Interface-Design auf. Wobei das notorische “Zweite Straße links abbiegen” hilfreicher sein kann als die Kartendarstellung. Aber so oder so stellt man als Navi-Nutzer sein geografisches Hirn aus.

Im Internet ist es (noch) ziemlich langweilig

Müsste die neue Karten-Allgegenwart das geografische Denken nicht sogar stärken?

Leider erschöpft sich die Omnipräsenz von Karten im Internet derzeit vor allem in der eher langweiligen, wenn auch wichtigen Funktion, zu zeigen, wo was ist. Spannend wird es dagegen mit der Visualisierung von Raummustern, wenn man das Unsichtbare sichtbar macht und neue Korrelationen herstellt. Aber da immer mehr Disziplinen erkennen, dass man raumbezogene Zusammenhänge oft am besten mit Karten darstellen kann, kommt das vielleicht noch.

Karten erleben aber auch rein formal einen Boom. Sollen dadurch vielleicht Objektivität und Sicherheit suggeriert werden und es ist nachher kein Zufall, dass das Thema mit dem “Atlas der Globalisierung” so viel Aufmerksamkeit erhalten hat?

Da ist wohl etwas dran. Aber die Erkenntnis, dass man mit Karten komplexe Dinge auf einen Blick darstellen kann, greift generell um sich, nicht zuletzt bei Redakteuren. Und das bringt auch Probleme mit sich, denn Karten können sehr manipulativ sein, das Missbrauchspotential nimmt also zu. Das ist nicht unerheblich, weil viele politische oder wirtschaftliche Entscheidungen auf der Grundlage von Karten getroffen werden. Ein berühmtes Beispiel ist die “Wohlstandsbanane” des Kartographen Roger Brunet, die in den 80ern sehr viel Staub aufgewirbelt hat. Brunet ging es darum, komplexe Raumphänomene mit wenigen Elementen visualisieren, im Fall der berühmten Banane also die Wohlstandszone in Europa.

Regionale Unterschiede, militärische Vordenker

Franzosen scheinen in der Kartographie prominent vertreten zu sein, wenn man an den Atlas der Le Monde Diplomatique denkt oder die Arte-Sendung “Mit offenen Karten”?

Absolut. Das ist eine Denkschule, die auch mit den französischen Strukturalisten verknüpft ist. Die Kartographie in Osteuropa war unterdessen durch die russische Semiotik und den Konstruktivismus beeinflusst. Daher hatte auch die DDR-Kartographie einen extrem hohen, theoretischen Anspruch. Das klassische Werk “Theoretische Kartographie” von Rudi Ogrissiek aus Dresden war übrigens auch im Westen das Standard-Werk zum Thema. Die Theorie kam tendenziell aus Frankreich oder Osteuropa, die amerikanischen Kartographen sind dagegen eher pragmatisch.

In Frankreich scheint die spezielle Kartographie-Tradition schon länger zu bestehen. Wenn man etwa an die Karte von Charles Minard von 1812 denkt, auf der Napoleons Russlandfeldzug mehrdimensional dargestellt ist?

Multidimensionale Daten auf einer Karte darzustellen ist nichts neues. Und die Karte von Minard ist ein schönes Beispiel, neben dem Weg zeigt sie auch die Zeit, die Temperatur und die Verluste. Solche Karten sind gerade von Militär-Kartographen oft gemacht worden. Aber auch von Forschern wie Alexander von Humboldt: Was er auf seiner Amerikareise alles in eine Karte mit Höhenprofilen gezeichnet hat, ist beeindruckend.
Prinzipiell ist die Trennung von Präsentationsgrafik und Arbeitsgrafik schon lange bekannt, also auf eine Karte, die die Welt abbildet, eine weitere Schicht von Zeichen zu legen.

Wer hat eigentlich die Pfeile als Element von Karten eingeführt?

Die kommen vom Militär und eigentlich sind sämtliche Entwicklungen der Kartographie militärisch geprägt. Die ersten richtig topografischen Karten wurden in Preußen produziert, weil die Artillerie für ihre Flugbahnberechnung genauere Karten benötigte. Aber der Pfeil als grafisches Element ist noch viel älter, es gibt mehre tausend Jahre alte Karten von Marshall-Insulanern, auf denen auch schon Pfeile die Richtungsanzeige oder die Stoßrichtung visualisieren.

Wieso werden solche Zeichensysteme objektiv vereinheitlicht, ist das nicht ein hoffnungsloses Unterfangen?

Der bereits erwähnte Roger Brunet hat eine solche Systematik entwickelt, um Raumphänomene einheitlich dazustellen: Anziehung, Verflechtung, Ausbreitung, Kontakt, Ausrichtung oder Einflussachsen. Auch wenn einzelne Elemente bestimmt schon seit Jahrhunderten verwendet wurden. Das muss man eher als Baukasten verstehen: Ein Kartograph soll den Einfluss von Friedrichshain nach Pankow beschreiben. Welche Variablen kann ich da einsetzen? Das ist einfach eine Systematik von Zeichen, die jeder Kartograph verwendet. Und im Falle von Brunets Banane bestand seine Botschaft ja eigentlich darin, dass es auch in Europa Räume gibt, die verlieren. Darüber konnte man stundenlang diskutieren, weil es politische Entscheidungen nach sich zieht. Im Extremfall als Strich auf einer Karte, den ein Politiker zieht, wie Stalin in den Verhandlungen mit dem deutschen Außenminister Ribbentrop, als es um die Teilung Polens ging, das war ein Bleistiftstrich mit ungeheuren historischen Folgen. Grenzziehungen sollte man aber sowieso nicht auf Basis einer geografischen Abbildung fällen, dazu sollte man eine geodätische Karte nehmen, die ist genauer. Oder das deutsche Grundbuch im Maßstab 1:5000, da sind die Verzerrung vernachlässigenswert gering.

Da ist sie dann doch wieder, die exakte Wissenschaft!

Die Kartographie ist auf jeden Fall verstaubt. Darum ist die Öffnung begrüßenswert, auch wenn es nur eine Reaktion auf die technische Entwicklung ist, bzw. auf die kooperative Art der Kartenherstellung. Jetzt geht es darum den Leuten etwas an die Hand zu geben, damit sie ihre eigenen Karten machen, oder Communities zu nutzen, um Karten zu erstellen.

Entstehen dadurch nicht auch viele banale oder schlechte Karten?

Es gibt einfach viel mehr Karten, was einfach und banal daran liegt, dass die Herstellung so einfach geworden ist. Ob die reine Masse zu besseren Karten führt? Jedenfalls zu schöneren Karten. Aber man muss sich auch eingestehen, dass viele Kartentechnik-Kompetenzen nicht mehr benötigt werden. Bei der Kartengestaltung, also dem richtigen Umgang mit Variablen, wird derzeit viel falsch gemacht. Aber als Technologie-Optimist glaube ich, dass hier zukünftig durch bessere Software Fehler vermieden werden können.
Auf der anderen Seite wird die Betrachtungsdauer der einzelnen Karten eher kürzer, jedenfalls im Web. Früher gab es das Fach “Karteninterpretation”, das auch als Schulfach gelehrt werden sollte. Bei den interaktiven Karten hat man das Handwerk dagegen scheinbar schon an der Hand: Layers ein- und ausblenden, rein- und rauszoomen, da gibt es viel mehr Möglichkeiten. Aber dadurch wird die Beschäftigung mit der Karte wohl eher oberflächlicher. Das ist bedauerlich, weil man sich nicht mehr so intensiv mit dem Inhalt auseinandersetzt, da zieht man schnell falsche Schlüsse. Je mehr Wissen man hat, umso besser kann man interpretieren. Aber das Wissen geht verloren. Vielleicht kann man auch die Karteninterpretation durch Automatismen unterstützen.

Ist es denkbar, dass der Karten-Boom auch eine Relation auf die Verunsicherung angesichts der anschwelenden Datenflut ist?

Das ist auf jeden Fall auch eine Antwort auf Komplexität. Karten sind eben immer eine Möglichkeit komplexe Zusammenhänge einfach darzustellen. Durch die Globalisierung sind aber auch mehr Leute unterwegs, rund um die Welt. Vielleicht gibt es dadurch sogar stellenweise ein größeres geografisches Grundwissen in Form persönlicher Mental-Maps. Wer schon einmal in Thailand war, hat eher ein Gefühl dafür, wo der Tsunami war. Globalisierung erzeugt mehr Mobilität und da machen Karten Sinn. Wer noch nie durch Welt gereist ist und immer in seinem Dorf gehockt hat, für den ist es deutlich schwieriger mit einer Karte umzugehen.

Wem gehören eigentlich Geodaten?

Ob Geobasisdaten frei sein oder etwas kosten sollen, ist von Land zu Land verschieden. Eine Meinung ist, dass es Aufgabe des Staates ist, diese Informationen zur Verfügung zu stellen, damit jeder damit arbeiten kann. In Deutschland ist es aber so, dass ich für jede Nutzung der Daten der Landesvermessungsämter Gebühren zahlen muss … pro Quadratkilometer übrigens. Und gerade bei Karten gibt es da juristisch eine hohe Sensibilität. Schließlich wurde jemand mit staatlichen Geldern bezahlt, um mit der Messlatte Daten zu erheben. Dementsprechend gibt es ein Urheberrecht auf diese Daten. Das ist ja das schöne bei OpenStreetMap. Aber ob die so systematisch die Flächenabdeckung hinbekommen, wie ein Stadtvermessungsamt Dortmund, ist fraglich. Ich glaube, das wird sich eher ergänzen. Und klassische Kartographie-Lehrstühle springen durchaus schon auf den Open-Source-Zug auf: Die Uni Bonn hat zum Beispiel diese Daten mit staatlichen “veredelt”. Klassischer Weise ist es ja so: Der Staat stellt die Geobasisdaten zur Verfügung und die Privatwirtschaft macht die MashUps. Hier ist es umgekehrt, die Community kartiert, die Verwaltung legt ihre Fachdaten darüber.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.