Die Londonerin Kerstin Kartscher schraffiert sich in ihren Zeichnungen aus den ewigen Referenz-Loops und schafft Synergieeffekte, die die Kunst vom Kopfschmerz der Utopielosigkeit befreien.
Text: Gunter Reski aus De:Bug 55

Pracht und Platz füttern einen Horizont
Kerstin Kartschers Bilder

Kerstin Kartscher protzt hübsch herum mit Fertigkeiten bei der Bildherstellung. In Zeiten, in denen fast jede dritte Hand an einer Computermaus festgeklebt ist, hat Bildvirtuosität per freiem Fingerkönnen etwas unbedingt Erbauliches. Bei Strichcodes denkt man eher an jene schwarzweiß-gebalkten Barcodes, die SupermarktkassierInnen von dieser leidigen Preiseintipperei und folgenden Fingerarthritis befreit haben. Bei Kerstin Kartschers imposant-komplexen Strichbündeln und Zeichenwegen sorgt man sich auch schon ein wenig um Gelenkverschleiß, aber das greift etwas vor. Man wird meist durch einen weit gespannten Horizont in den imaginierten Bildraum gelockt. Man kann an utopische Architekturzeichnungen denken und dass Landschaftsdarstellungen selten so gut wie hier als interessante Kunst funktionieren. Einer alten Entspannungsregel zufolge steht es schlecht um die Entspannungswerte, wenn deine oder meine Netzhaut nicht mindestens 5 Min. täglich an einer realen Horizontkante entlang gleiten können, warum eben alle Seeleute so relaxt aussehen. Der Aspekt “Augenyoga” in ihren großformatigen Zeichnungen ist aber höchstens teilrelevant. Kerstin Kartschers Bündel an Strichcodes umfasst klassische Schraffurlagen, PrinzessInnen- und/oder Postgirlismlook, etwas Knastgrafik und gerade noch hippes Minimalismus-Artwork. Das klingt, richtig, nach Bildwelt mit Zeitreise, wobei die verschiedenen Zeitzonen nichts voneinander gewusst haben können. Vielleicht verstehen sie sich darum so gut. Irreführend ist hier aber der additive Charakter der Aufzählung an Stichworten, als wären die genannten Stilweisen schnäppchenhaft oldschool-PoMo-mäßig aneinandergepappt. Ganz falsch. Vielmehr wird hier, was nach vordefinierten ästhetischen Fertigteilen klingt, auf eine symbiotische Weise zusammengebracht, die die Stilmontage homogen und wie selbstverständlich frisch vom Baum gefallen wirken lässt. Die Zeichnungsweisen sind weder speziell originalitätsgeil noch zu kühl systematisiert. Fiction-Momente werden von jeher am plausibelsten auf dem Zeichenwege und unter einem Oldschool-Deckmäntelchen eingeläutet. Die graduellen Feinheiten, die das in den Zeichnungen möglich machen, sind schwer zu benennen, aber da. Manchmal knirscht das Traditionelle in all den Schraffurlagen. Eventuell ist das ein Kodierungsumweg, der die zum Teil eigentlich kitschlastigen Bildkomponenten sendefähig macht, ohne jede Fake- oder Trash-Attitüde. Man kann im visuellen Bereich ohnehin zunehmend schwerer von Zitaten sprechen. Falls es diese Kulturtaktik doch noch gibt, sieht man jedenfalls bei Kerstin Kartschers Zeichnungen vor lauter Synergieeffekten überhaupt keine Gänsefüßchen mehr.
Es geht ihr natürlich darum, den Bildraum als Statement und Tat wieder freizuschalten, auch für visuelle Fiktionen, Illusionen oder am besten visionäre Momente. Die Formulierungsprobleme, auf die man stößt, will man das in diesen Worten mitschwingende Pathos umgehen, kennzeichnen indirekt den Schwierigkeitsgrad, den die Zeichnungen zu händeln wissen. Selbst der letzte Infohopper mit Referenz-Hangover beklagt den totalen Utopieverlust, der ihn immerzu aus coffeinfreien und contentarmen Zonen des Wellness-Regimes ankeift. Mach’ etwas, das Pracht und Platz hat, dass die Sehnsucht sich zeigen kann, ohne dass sich die Poesie gleich wieder ins eigene Knie schießt.

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Elektronische Lebensaspekte.