Maurice Fultons neue Lady
Text: Felix Denk aus De:Bug 113


Maurice Fulton hat eine neue Künstlerin an seiner Seite. Nach der krachwavigen Schreihälsin Mu kommt jetzt der samtdiscoide Schwebegesang von Kathy Diamond. Ein Treffer.

In Sheffield kommen auf 520.000 Menschen zwei Universitäten, zwei Theater, fünf Profi-Fußballvereine, einige Dutzend stillgelegte Stahlwerke und wohl mehr Musiker pro Einwohner als in jeder anderen Stadt in England. Throbbing Gristle, Heaven 17, Pulp, die Arctic Monkeys und die Long Blondes kommen aus Sheffield. Und Swag, Warp und, ja, auch Maurice Fulton. Das amerikanische Produzenten-Mirakel lebt seit geraumer Zeit auch im rauen Norden Englands, dem Kathy Diamond gerade den Rücken gekehrt hat.

Dass sich die beiden dort trotzdem über den Weg gelaufen sind, ist ein großes Glück. Die Songs von “Miss Diamond To You”, dem Debüt-Album von Kathy Diamond, hat Fulton meisterhaft in Szene gesetzt. Ein brandneues Discoalbum könnte man es nennen. Dass sich das im Wortsinne widerspricht, zählt hier nicht. “Ich dachte nicht, dass es so oldschool werden würde. Es klingt, als käme es aus dem Archiv einer Plattenfirma“, freut sich Kathy Diamond mit ihrer ganzen nordenglischen Herzlichkeit. Zwei Jahre hat sie an den Songs gearbeitet. Maurice Fulton bekam ihre Gesangsspuren, nur mit akustischer Gitarre begleitet. Disco und tanzbar waren die Vorgaben, mehr wurde nicht verabredet.

Perfekte Bedingungen für den Querdenker, der hier ganze Arbeit geleistet hat: Der geslappte Bass, die schwummrigen Hammond-Orgeln, die metallischen Claps und natürlich die schwebende Stimme von Kathy Diamond, die alles elegant und luftig ineinander webt, geben der Platte dieses 1982-Gefühl, den ganzen Pathos von Soul und R&B in seiner früh-synthetischen Phase. Der perfekte Rahmen für die Songs über Lover, Ex-Lover und potentielle Lover und über die Aufbrüche, Umbrüche und Veränderungen, die das Leben so bereithält.

Das mag ja alles irgendwie nach Prelude Records klingen und nach Larry Levan in der Paradise Garage, nach Oberheim-Synthesizern und so weiter. Aber je öfter man “Miss Diamond To You” hört, desto mehr entwickelt es sich zu einem musikalischen Kaleidoskop: Ständig ergeben sich neue Bilder und Muster aus dieser schwärmerischen Disco-Begeisterung. Und das ist immer noch ein verdammt frischer Sound in einer Zeit, wo die Musik Luft zu holen scheint und nichts komplett Neues und Revolutionäres entstehen mag. Die neunziger Jahre sind weit weg.

Der Anspruch, innovativ und zukunftsweisend zu sein, verschwindet aus der elektronischen Musik. Und das wirkt auch befreiend. Die bemerkenswertesten Platten sind gegenwärtig die, die gar nichts erfinden wollen, sondern Vergangenes behutsam modernisieren und mit neuen Hörgewohnheiten abgleichen.

Im Abendkleid auf Wiesenraves

Und “Miss Diamond To You” tut das. Natürlich, weil Maurice Fulton ja schon als Teil der Basement Boys House mit Traditionsbewusstsein produzierte und Gospel und Soul in zeitgemäße Dance-Formate übersetzte. Und weil Kathy Diamond schon aus familiären Gründen dafür perfekt geeignet ist. “Meine Mutter war eine echte Disco-Mum. Sie war ziemlich jung, als sie mich bekommen hat. Am Wochenende ist sie immer tanzen gegangen“, erinnert sie sich. Zu Hause lief oft Donna Summer und George Benson und ihre Mutter nähte sich extra Kleider und probierte sie vor dem Spiegel immer wieder an, bevor sie am Samstagabend das Haus verlies.

Das prägte: “Ich liebe es, wenn sich die Leute zurechtmachen, wenn sie ausgehen. Tanzen gehen sollte etwas ganz Besonderes sein, etwas Glamouröses.“ Später ging sie selbst oft aus. In den Clubs in Sheffield, im Warehouse in Leeds, der Hacienda in Manchester und den Raves in Waldlichtungen und Wiesen, die später so berühmt werden sollten.

Entsprechend ist Kathy Diamond für eine Album-Debütantin nicht mehr die jüngste. Sie ist 36 und kann auf 14 Jahre Musik in der Musikszene zurückblicken. Sie hat mal in einer Popband gesungen, “Das war aber nicht so mein Sound“, sagt sie und verschweigt die Details damenhaft. Oft lieh sie House-Produktionen ihre Stimme, was nicht immer die größte künstlerische Herausforderung war: “Meistens wollten die nur eine Zeile für den ganzen Track. Das ist ja schon langweilig, immer nur ‘I love you, baby’ zu singen.“

Dass sie jetzt viel mehr singen kann, hat sie sich selbst erarbeitet. Mit Swag nahm sie den Song “Miracles Just Might“ auf. Als die ihn aber nicht auf ihrem Album veröffentlichten, ließ sie das Stück auf eigene Rechnung in der Tschechei pressen. Kurz schlucken musste sie schon, als der Laster mit den Platten vor ihrer Haustüre in Sheffield hielt und den Stapel Weißmuster entlud. Aber alles lief bestens. Die Platte bekam gute Kritiken und wurde so oft gespielt, dass die Idjut-Boys gleich eine zweite Maxi-Single von ihr auf ihrem Label Cottage herausbrachten.

Jetzt steht ein ganzes Album von Kathy Diamond in den Plattenläden, und das ist ein ganz persönliches geworden. Es handelt von schwierigen Entscheidungen und dem Mut, der nötig ist, sie zu fällen. Und von der Sehnsucht, ein anderes Leben zu führen. Geschrieben hat Kathy Diamond die Stücke noch in Sheffield. Seit Beginn dieses Jahres ist sie umgezogen. Sie wohnt jetzt in London.

myspace.com/kathydiamond
Permanent Vacation

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Elektronische Lebensaspekte.