Ein Ritt auf einem Drumcomputer durch eine Spielhalle
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 126


Widersprüche sind die Grundkonstante in Keinzweiters Musik. In seiner Person, als DJ, in seinem Sound und in der Vorliebe für Musiker, die Ambivalenzen aushalten können. “An Musikern finde ich gerade so toll, wenn sie sich um nichts scheren. Wenn sich ein Max Cavalera von Soulfly einfach hinstellt und sagt: ‘Ok, dann mache ich halt jetzt was mit einem Volksmusiker und mische Dancehall mit Metal’. Das hat mich immer schon an Musik fasziniert. Ich kann mir auch Arnold Schönberg anhören und direkt danach Sepultura.”

Und das ist keinesfalls übertrieben. Keinzweiter aka Tobias Lorsbach betreibt das Label Spontan Musik und veröffentlicht Tracks von Paradroid, Tom Ellis, Fym und demnächst Dave Aju. Beim Hören seines Debut-Albums “Globus Cassus”, ist schnell das Ende der Eindeutigkeit erreicht. Microfunk, der eigenständig klingt, durch flüchtige, nicht-wiederkehrende neue Sounds besticht und in sich scheinbar total ambivalent ist. Die Arrangements der Sounds sind komplex, haben aber witzige Momente. Die digitale Klangästhetik ist kühl und versprüht dennoch analoge Wärme.

Das Album fühlt sich an wie ein Ritt auf einem Drumcomputer durch eine Spielhalle, wie die Reizüberflutung beim ersten Besuch in Tokyo und manchmal wie ein Radio, das auf einen toten Kanal eingestellt ist. Um diese Uneindeutigkeiten in ein Album zu packen, braucht es eben nicht nur Mut Widersprüche auszuhalten, sondern auch ein breites musikalisches Wissen, auf das der 30-jährige Mainzer zurückgreifen kann.

Zu seinen Einflüssen zählen Chuck Schuldiner, Sänger und Gitarrist der Deathmetal-Band Death, die moderne Klassik von Stockhausen und Bernard Parmegiani; der Jazz eines John Zorn und Cristian Vogel, der Mitte der 90er als Aushängeschild der Brighton-School eine neue Herangehensweise beim Produzieren von Techno etablierte. Aus diesem Klang-Kosmos, der direkt-sinnlichen Ansprache von Techno und dem intellektuellen Abstand des Jazz formte Keinzweiter seine Interpretation von Microfunk.

Die Auseinandersetzung mit Musik steht im Vordergrund. “Ich ziehe verschiedene Strukturen aus verschiedenen Musikarten und füge sie zu meinem Sound zusammen”, sagt er über seine Vorgehensweise. Die Philosophie seines Labels Spontan Musik ist ähnlich: “Ich will einfach nur hören, dass derjenige, der die Musik gemacht hat, keiner ist, der Musik selbstreferenziell betreibt. Also Leute, die nur Techno machen und ihre Einflüsse aus Techno beziehen … Der Stil ist egal. Es kann auch Jazz oder HipHop sein. Die Musik darf nur nicht selbstreferenziell klingen.”

Das alles klingt recht komplex und seine Einflüsse und die Ergebnisse sind widersprüchlich. Doch wenn sich seine Tracks auf dem Dancefloor entfalten, gehen sie direkt in den Körper, auch wenn sie meist in die Minimal-Ecke gesteckt und als zu verkopft dargestellt werden. “Meine Musik wird oft falsch verstanden. Sie sei zu schwierig, zu verkopft oder zu kompliziert. Aber das ist oft ein Missverständnis, weil ich auch spleenige und witzige Elemente drin habe. Ich bin kein Mensch, der im schwarzen Mantel durch die Gegend rennt. Ich bin kein Grufti oder so. Ich bin jemand, der viel feiert und gerne lacht. Die Musik hat auch witzige Momente, nur versteht sie halt nicht jeder … Sie ist Tanzmusik, aber nicht leicht zugänglich.”
http://www.keinzweiter.de

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Elektronische Lebensaspekte.