Kleinstadt, Einsamkeit, Fremde auf der Durchreise, kein Geld, keine Freunde, keine Zukunft.
Text: Sulgi Lie aus De:Bug 136

wendylucy_01

Im Kino ist es nicht anders als in der Musik: “Indie” ist nicht automatisch das Qualitätssiegel einer korrekten Anti-Mainstream-Haltung. Mit ihrem Erstlingsfilm “Old Joy”, der letztes Jahr in den deutschen Kinos lief, ist die Regisseurin Kelly Reichardt zu einem Liebling der Filmkritiker geworden, was einen manchmal doch etwas an deren Urteilsvermögen zweifeln lässt, verkörperte “Old Joy” doch alles, was am Independent-Kino so richtig öde ist: Zwei etwas nerdige Thirty-Somethings (einer davon von Sänger Will Oldham aka Bonnie “Prince Billy” gespielt) brechen auf einen Camping-Trip in die Wälder auf, rauchen ein paar Joints, wandern ein bisschen rum, nehmen in einer verlassenen Holzhütte ein Bad und labern ansonsten viel wirres Zeug am Lagerfeuer.

Dazu gibt es ein paar pittoreske Aufnahmen aus dem fahrenden Auto hinaus, unterlegt mit zarten Gittarentupfern von Yo La Tengo. Im Kino kann man halt mit der Mischung aus Bewegung und Musik nicht viel falsch machen. Dass dieser Alltags-Minimalismus eines “Nothing Happens” angesichts der Übermacht des Spektakels im Hollywood-Mainstream per se eine künstlerische Tugend darstellt, ist wohl einer der großen Irrtümer des Indie-Kinos und seiner Parteigänger. Denn die vage Befindlichkeitspoesie über irgendwelche Alt-Slacker, die im Leben nicht so richtig klar kommen, ist mindestens ebenso schematisch und formelhaft wie das kommerzielle Schnittmuster eines leblosen Blockbusters.

Soweit so Indie, soweit so langweilig. Doch mit Reichardts neuem Film “Wendy und Lucy”, der natürlich seit seiner Premiere in Cannes letztes Jahr wieder alle Kritiker hingerissen hat, ist es zum Glück nicht so schlimm gekommen – er ist um Klassen besser als sein Vorgänger. Das liegt auch daran, dass Reichardt ihrem Sujet dieses Mal eine deutlich politischere Schärfe verleiht: “Wendy und Lucy” schließt als Portrait eines deprivilegierten Lebens dabei deutlich an den europäischen Neo-Neo-Realismus der letzten Dekade an, der sich spätestens seit “Rosetta” (1999) von den belgischen Dardenne-Brüdern den Verlierern der neoliberalen Ökonomie zuwendet.

wendylucy_02

Auch Reichardt konzentriert sich ganz auf den Lebens- und Überlebenskampf ihrer mittellosen Heldin Wendy (Michelle Williams), die auf dem Weg nach Alaska ist, aber in einer tristen Kleinstadt in Oregon hängen bleibt. Erst geht ihr Auto kaputt und dann verliert sie ausgerechnet noch ihren über alles geliebten Hund Lucy. Wendy ist eine Figur, die sich quasi außerhalb der gesellschaftlichen Netzwerke befindet, die keine Heimat, keine Freunde, kein Geld hat und sich so permanent der Schwelle zur A-Sozialität annähert.

Ein entorteter Körper in einer peripheren Welt: Das visuelle Gespür von Reichardt zeigt sich in ihrer Inszenierung all jener passageren (Nicht-)Orte, die Wendy auf der Suche nach ihrem Hund durchquert: Parkplätze, Lagerhallen, Güterbahnhöfe, Tankstellen. Diese Ansichten fügen sich nach und nach zu einer genauen Topografie einer wirtschaftlich maroden Kleinstadt, in der mit der Schließung der letzten Shopping Mall auch alle Arbeitsplätze verschwunden sind, wie es an einer Stelle des Films heißt. Doch die dokumentarische Beobachtungsgabe von Reichardt wird leider von einigen ästhetischen Fehlgriffen kompromittiert, durch die wieder ein falsches Indie-Sentiment in den Film Einzug hält: Das erste Problem ist die Besetzung von Wendy mit Hollywood-Star Michelle Williams.

Dass es mächtig in die Hose gehen kann, wenn Hollwood-Beauties auf hässlich und arm machen, hat ja vor einigen Jahren Super-Blondie Charlize Theron vorgeführt. So verlogen ist “Wendy und Lucy” natürlich bei weitem nicht, denn Michelle Williams macht ohne Frage in ihrer Rolle einen guten Job. Und doch bleibt sie zu adrett und zu sexy, als dass man ihr die Dosen sammelnde Streunerin wirklich abnehmen würde.

wendylucy_03

Zudem bleibt sie den ganzen Film über von der Negativität der sozialen Exklusion seltsam unmarkiert: Ihre Zuwendung zu ihrem Hund bleibt intakt, sie knüpft solidarische Bande mit einem alten Parkwächter, sie träumt weiterhin von Alaska. Im Grunde genommen agiert sie wie ein stures Kind, das beharrlich die Suche nach ihrem Liebesobjekt aufnimmt. Als solches ist Wendy die Verkörperung einer puren kindlichen Unschuld, sie sich nicht korrumpieren lässt. Und natürlich gesellt sich dem unschuldigen Kind das unschuldige Tier dazu. Indem Reichardt den Film um die Suche nach dem verloren gegangenen Hund herum strickt, sabotiert “Wendy und Lucy” seinen eigenen politischen Impuls.

Tiere ziehen im Kino immer, wenn im Zuschauer Einfühlung und Rührung hervorgelockt werden sollen. Mit diesem billigen emotionalen Kalkül tut sich der Film nichts Gutes. Reichardt will ein Update des neo-realistischen Ethos, reaktiviert aber letztlich nur das Schema des sentimentalsten aller neo-realistischen Filme, Vittorio de Sicas “Umberto D.” (1952), in der ein verarmter Rentner seinen entlaufenen Hund sucht. So bleibt “Wendy und Lucy” ein Film, der aber seine mögliche Radikalität durch ein Übermaß an Indie-Befindlichkeit weichspült. Wuff, Wuff!

http://www.wendyandlucy.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.