Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 12

Sets from the Drum and Bass Bubble Kemistry & Storm Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Es ist doch so: Wenn DJ’s am Wochenende nicht so viel in der Weltgeschichte rumfliegen würden, wären weniger Flugzeuge am Himmel, die Luftverschmutzung wäre auch geringer und das Ozonloch kleiner. Vielleicht jedenfalls. Nur kommt es sowieso nicht dazu, denn wenn im Club um die Ecke für Samstag ein DJ aus London angekündigt ist, werden die Augen groß, man zahlt gerne auch zehn Mark mehr, drängelt sich in einem übervollen Club und ertappt sich dabei, wie man immer wieder in Richtung Plattenspieler schaut, dann auf die Uhr und wartet und wartet und wartet. Und das, obwohl sich die lokalen Plattenaufleger abrackern, ihren Job mehr als gut machen und an diesem Abend in die zweite Reihe verbannt werden. So war das jedenfalls mal. Zum Glück hat sich inzwischen rumgesprochen, daß das Auflegen, und hier spreche ich explizit von Drum and Bass, auf dem Festland für Insulaner vor allem ein lukrativer Job ist. DJ’s fordern inzwischen exorbitante Gagen, tauchen dann für zwei Stunden im Club auf, spielen ein Dubplate nach dem nächsten, und die anfängliche Begeisterung schlägt schnell in Frustration um, weil die gespielten Tracks ohnehin erst zur Sommersonnenwende 2003 veröffentlicht werden. Aber es gibt Ausnahmen. DJ’s, die seit geraumer Zeit immer wieder in Clubs zurückkehren, dort fast dazugehören, immer ein freundliches Wort übrig haben und wissen, daß die Party gut werden wird und so am Morgen nicht nur die Brieftasche stimmt. Kemistry & Storm gehören bestimmt zu dieser Gruppe. In Berlin legen sie schon eine Ewigkeit regelmäßig auf, bleiben, bis die Party zu Ende ist und erzählen nicht ständig Dinge, die niemanden interessieren. Kemistry & Storm, bleiben wir mal bei diesen Namen, kennen sich schon ewig. Nach ihren Ausbildungen (Storm hat in Oxford Radiologie studiert, Kemistry war Make-up Künstlerin in Sheffield) trafen sie sich wieder und gingen gemeinsam 1989 nach London. Was folgt, ist die übliche Geschichte mit den üblichen Verdächtigen: Pirates, die das ganze Wochenende über Hardcore spielten, Raves, (beide nennen sich punters, was ich nur zum Nachschlagen in etwas dickeren Wörterbüchern empfehlen kann), und dann Rage im Heaven Club und Fabio und Grooverider. DeBug: Und dann? Kemistry: Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon angefangen Platten zu kaufen und waren komplett süchtig nach dieser Musik. Nach einer Weile haben wir auf Raves nur noch die DJ’s beobachtet und versucht, dieses ganze Phänomen überhaupt zu begreifen. DeBug: Was habt ihr denn vor Rave gehört? Storm: In unserer Plattensammlung ist alles, was Du Dir vorstellen kannst. Na ja, fast alles. Kraftwerk, Grandmaster Flash, Mantronix, Sarah Vaughn, Cabaret Voltaire, Prince, David Sylvian… DeBug: Echt? David Sylvian? Storm: Klar! DeBug: Welchen Track würdet Ihr von ihm remixen, wenn Ihr die freie Wahl hättet? Storm: Brilliant Trees! Kemistry: (nickt) DeBug: Eine gute Wahl. Wie gings dann weiter? Storm: Also, wir standen immer bei den DJ’s und haben sie beobachtet. 1991 haben wir mit Geld, daß wir uns von Goldie leihen mußten, Plattenspieler gekauft. Goldie hat uns am Anfang auch als MC unterstützt. Wir hatten so eine Ahnung, daß auflegen genau unser Ding sein würde. Selbst ganz am Anfang unserer Mixexperimente, als wir an den Plattenspielern echt fast verzweifelt sind, war uns klar: Das ist es! DeBug: Legt ihr seither im Team auf? Kemistry: Ja, einfach, weil…wir haben zusammen angefangen, haben uns gemeinsam langsam hochgewurschtelt, und außerdem ist es billiger! Wir teilen uns heute noch eine Plattensammlung. DeBug: Als ich zum ersten Mal von Euch etwas mitbekommen habe, hieß es, daß Ihr das Metalheadzbüro managed… Storm: Haben wir auch gemacht. Das Label ist ja von Goldie und Doc Scott, wobei Doc von vornherein gesagt hat, er wolle nur ein stiller Teilhaber sein. Goldie hatte immer mehr mit seinen eigenen Projekten zu tun, und irgend jemand mußte sich ja um das Label kümmern! Ich habe erst vor kurzem mit diesem Job aufgehört, Kemi schon vor über einem Jahr. Kemistry: Aber nicht etwa, weil wir uns zerstritten haben oder so. Die DJ-Jobs haben immer zugenommen, wir mußten uns entscheiden. Wir repräsentieren Metalheadz nach wie vor. DeBug: Wie fühlt Ihr Euch eigentlich in so einem Männerbusiness? Storm: Ach, so ein Männerbusiness ist das gar nicht. Es gibt ja auch erfolgreiche Frauen, DJ Rap zum Beispiel. Aber Du hast natürlich recht, die Rollen sind da nicht gleichmäßig verteilt. Ich glaube, daß Frauen einfach nicht ermutigt werden, sowas zu machen. Nie. Vielleicht auch, weil dieser Job ja erst in den letzten Jahren an Akzeptanz gewonnen hat. Oder es wirkt einfach abschreckend auf Mädchen, ihr ganzes Geld im Plattenladen zu lassen! DeBug: Ihr seid DJ’s, keine Producer, eine Unterscheidung, die ohnehin überall immer mehr verwässert. Alle machen alles, sind dabei unheimlich beschäftigt und telefonieren viel. Da leidet doch die Qualität! Kemistry: Und jetzt müssen wir Dir beichten, daß wir in Zukunft auch Tracks machen wollen! Das kommt aber erst, wenn wir genug Zeit hatten, uns um die technische Seite der Sache zu kümmern. Wir wollen am Rechner und am Mixer sitzen, wir wollen die totale Kontrolle über die Tracks. Was die neuen Berufsfelder der Produzenten und DJ’s angeht: Künstler müssen Promotion machen, effektive Promotion. Und auflegen ist einfacher zu realisieren, als ein teures aufwendiges Live Set auf die Beine zu stellen. Seit ich denken kann, haben DJ’s auch immer Tracks gemacht, und sie sind immer hektisch unterwegs gewesen. Wir sind das gewöhnt. Es gibt jede Menge Platten da draußen, und man muß schon ein bißchen schauen, um nicht immer dasselbe zu hören. Source Direct sind doch das beste Beispiel. DeBug: Wenn die Mobile Phones nicht schon erfunden wären…für die englische Drum and Bass Szene würde sich eine Entwicklung glatt lohnen. Die Technics als bestimmender Fetisch, das ist lange her, oder? Storm: Stimmt schon. Sie machen das Leben einfach ein bißchen leichter. Für uns zum Beispiel ist es wichtig, wenn wir auf Tour sind. Es ist doch so: Die, die mit der Szene irgendwie verwoben sind, leben ein Leben, das sich nur um die Musik dreht. Wir leben in einer richtigen “Drum and Bass Bubble”. Es gibt eigene Regeln und Regulierungen, eine eigene Infrastruktur, und kommuniziert wird eben über Mobiles, weil sowieso jeder ständig woanders ist. DeBug: Drum and Bass ist eine Musik, die zu fast 100% auf der Nutzung moderner Technologie beruht, sehr elektronisch also. Inwieweit beeinflußt die Elektronik euer Leben? Kemistry: Zunächst bestimmt die Musik unser Leben, und dadurch auch indirekt die Elektronik. Das spielt alles zusammen. Technologie ist dafür verantwortlich, daß Drum and Bass spannend bleibt! Und als nächstes passiert morgen dann das, was wir uns heute vorstellen und wünschen. Die Spannung bleibt also! DeBug: In Berlin seit ihr inzwischen regelmäßig. Inwieweit unterscheidet sich Deutschland allgemein von London? Storm: Deutschland ist die zweite Heimat von Drum and Bass! Es macht sehr viel Spaß hier zu spielen. Zumal wir auch den Eindruck haben, daß die Leute hier offener sind für neue Tracks und Ideen. Und ihr habt definitiv die besseren P.A.’s! Kemistry: Genau! Wir werden ja auch oft gefragt, ob wir lieber in kleinen oder großen Clubs spielen. Das ist uns gar nicht so wichtig, solange die Anlage gut ist. Die Musik braucht gute P.A.’s! Das kann genauso an einem Strand sein, wie in Amsterdam! Das war wirklich etwas besonders, wenn einem beim Auflegen das Meerwasser so ins Gesicht spritzt. Also: auf die Anlage kommt es an. DeBug: Und wie klingen deutsche Produktionen auf diesen P.A.’s? Kemistry: Immer besser, eindeutig. Was mir angenehm auffällt, ist, daß es zum Glück sehr eigen klingt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber das ist alles sehr vielversprechend. Du mußt dabei immer bedenken, wie lange es bei den Engländern gedauert hat, bis sie auf ihrem jetzigen Level angekommen waren. Mit den deutschen Sachen muß in der Zukunft auf jeden Fall gerechnet werden. DeBug: Ich kenne viele DJ’s, die ihre Sets so detailliert wie möglich vorplanen… Storm: Machen wir nicht. Wir packen allerdings auch nie Platten ein, die wir vorher nur mit halbem Ohr gehört haben. Wir wissen bei jeder Platte, wie man rein- und wieder rauskommen. Dabei fallen einem natürlich Übergänge auf, die besonders effektiv sind und besonders schön klingen. Im Club kann man dann zumindest versuchen, wieder so hinzubekommen. Es kommt vor, daß ich mir zwei Platten gar nicht mehr getrennt voneinander vorstellen kann. Wenn sie dann in der Plattenkiste immer wieder nach hinten rutschen und irgendwann ganz verschwinden, kann das direkt schmerzhaft sein, wie das Ende einer phantastischen Beziehung. Man versucht dann, den Mix solange wie möglich im Set zu halten, er wird zu einer Art persönlichen Unterschrift: Kemistry: … nur echt mit diesem Übergang. Du willst, daß es alle hören. Das ist aber immer von der Stimmung im Club abhängig. Die Stimmung ist genauso wichtig. Wenn wir in den Club kommen, macht es in unseren Köpfen schon klick!, und wir wissen, in welche Richtung das Set gehen wird. Und wenn wir Platten im Koffer haben, von denen wir denken, daß die Leute sie einfach hören müssen, die Stimmung aber nicht so recht dazu paßt, dann kann es passieren, daß die Platten im Koffer bleiben. Dennoch geht es ja darum, den Leuten im Club neue Dinge vorzustellen, da findet man dann recht schnell einen Mittelweg. Für uns ist auflegen immer wieder wie eine Reise, und wir wollen die Leute mitnehmen! _____________________ Zitate. Es wirkt einfach abschreckend auf Mädchen, ihr ganzes Geld im Plattenladen zu lassen. Wir wissen bei jeder Platte, wie man rein- und wieder rauskommen. Wenn zwei Platten immer weiter nach hinten rutschen und irgendwann verschwinden, kann das direkt schmerzhaft sein.

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Elektronische Lebensaspekte.