Text: Sascha Kösch aus De:Bug 29

Techno/Japan — Fear Of A Design Planet Ken Ishii Ken Ishii begann seine Karriere mit ein paar sehr aussergewöhnlichen 12″es auf R&S und Plus 8, und man begann damals, 94, zu glauben, dass das zukunftsfreudige Japan endlich auch mit etwas verständlicher Verspätung elektronische technoide Musik entdeckt, dass so etwas wie die globale Ideologie von Techno vielleicht doch noch wahr werden könnte und massive Bewegungen spannender neuer Tendenzen und Sounds aus allen Ländern auf dieses geheime undefinierbare Zentrum einströmen und es ständig weiterentwickeln. Nichts ist daraus geworden, die Expansion elektronischer Musik folgt ganz anderen Gesetzen. Es gibt mehr oder weniger ein Technolabel in Japan, der Rest sind Noisebands und Easy Listening Combos, die sich mit der Vorstellung eines Japans als grossem bunten Technologiekindergarten besser vertragen und allemal besser vermarkten lassen als die etwas strenge Idee der konstanten Weiterentwicklung eines sich gerne als “rein” betrachtenden Genres. Techno aus Japan bleibt bei ein paar verstreuten Releases auf diversen Labeln in Europa und Amerika und sorgt dort nicht grade für Überraschungen. Sicher war es ein Irrglaube zu denken, etwas Globales liesse sich auf die Logik regionaler Zentren ein. Vor allem aber war wohl die Idee, dass Musik alleine bleiben würde, ein Inhalt, der sich alleine tragen könnte und nicht immer mehr andere Formen von Gestaltung integriert, fast unverständlich altmodisch. Denn je mehr Leute an etwas zusammenarbeiten, desto mehr Medien treffen auch aufeinander und wollen irgendwie integriert werden. In elektronischer Musik aus Japan sucht man heute am besten nicht spannende neue Sounds und Strukturen, sondern eher die ersten Anzeichen einer in den nächsten Jahren immer wichtiger werdenden Idee von Musik als Teil und glücklicherweise noch unbestimmte Funktion des Zentrums kultureller Aktivitäten des 21ten Jahrhunderts: die Verpackungsindustrie (wichtigster Subzweig der Gift-Economy). De:Bug: Was ist aus dem Ken Ishii der ersten EP’s geworden? Ishii: Ich habe mich verbessert. Bin offener anderen Kulturen und Menschen gegenüber geworden. Ich bin erwachsen geworden. Reisen ist für mich eine wichtige Erfahrung. Noch als ich das letzte Album gemacht hatte, war ich eigentlich nur ein japanischer Junge, der es mag, in Japan zu sein. Durch die Musik kam ich herum und musste mich mit fremden Dingen auseinandersetzen. Dadurch bin ich irgendwie tough geworden. Kann nicht nur mit mehr Dingen umgehen, sondern verstehe auch mehr Musik. “Sleeping Madness” reflektiert das, legt die Gewichtung etwas von House und Techno weg hin zu anderen Richtungen, auch ethnische, folkloristische Musik. De:Bug: “Jelly Tones” hatte einen starken Mangatouch, der mit dem ersten grossen Mangahype bei uns zusammenfiel und so etwas merkwürdig wie eine Marketingidee erschien, grade bei jemandem, der musikalisch längst um einiges weiter war. Jetzt geht es visuell mehr in eine 2001 Futurismus Richtung, woher kommt dieser Wandel? Ishii: Damals war Manga in Europa sehr “in”, und meine Recordcompany wollte etwas Besonderes machen. Die japanische Geschichte von Manga ist ja ewig lang, aber es gab keine Kombination von elektronischer Musik und Manga, was eigentlich verblüffend ist. Ausserdem war ich ein Fan von Akiras “Near Future” Visionen, Bladerunner usw. Heutzutage ist beides überall, was soll ich da noch Manga machen. De:Bug: 2001 als Referenz ist ja auch “Near Future”, aber eben mehr auf einem Design Aspekt, der schon als Retro, 60er, 70er gilt. Ishii: Ich bin sehr zukunftsbewusst allein schon, weil ich Technologie mag. Vielleicht ist es persönlicher Geschmack? Der Stuhl auf dem Cover ist aus den 70ern, das ist natürlich schon zeitgleich. Ich wollte, dass es eher etwas nach mir aussieht. Ich war noch nie auf einem Cover. Aber bei dem Album fühlte ich mich sehr relaxt, sehr selbstbewusst. 100% Ken Ishii. Es ist so eine Future Listening Booth, in der man sich ausruhen kann. De:Bug: Dabei sieht es natürlich auch sehr wie ein Arbeitsplatz aus, sehr nach Büro. Gibt es für dich diese Verbindung aus Freizeit und Arbeit als Vision einer Zukunft? Ishii: Das ist natürlich ein Idealzustand. Aber für mich ist es auch oft so gewesen. Arbeit und Spass trennen sich bei meinem Produzieren nicht. De:Bug: Klingt das dann notwendigerweise cleaner? Wenn ja, warum? Ishii: “Sleeping Madness” sollte das als Titel schon ausdrücken. Sehr klare saubere Oberflächen mit komplexen, wilden Strukturen drinnen. Je tiefer man reinhört, desto verrückter wird es. De:Bug: Erklärt sich darüber die eher simulierte Nähe zu Jazz? Ishii: Vielleicht. Ich war nie Jazz Fan. Immer elektronische Musik. Jazz ist für mich neu. Was mich daran interessiert, sind die technischen Dinge. Viele interessante Tricks und Harmonien, Jazzfusion interessiert mich, Schnelligkeit in den Drums und Ideen. Es ist schon eine Art Lehrer geworden. Ähnlich wie traditionelle Musik, vor allem die, die auf Rhythmus basiert. Zwei Tracks habe ich auch in Thailand aufgenommen mit traditionellen Instrumentalisten. Als Programmierer beschäftigt man sich ja fast ausschliesslich mit sehr tighten, sehr sauber strukturierten Rhythmen, und spontane, menschliche Rhythmik mit ihrem ständigen Auf und Ab an Geschwindigkeiten und Betonungen erscheint mir irgendwie sehr neu. Man wird fast verrückt, wenn man das editieren und in eine digitale Zeitstruktur einsetzen muss. Mann sitzt schon mal stundenlang vor ProTools, nur um eine ganz kleine Einheit von Musik passend zu bekommen und dabei die Unterschiede doch noch stehenzulassen. Es ist für mich nicht so interessant, reale Instrumente über Loops aufzunehmen, obwohl das einfacher ist, aber ich will ja lernen. Ich denke, dass ich immer noch Techno mache, ein Technoidealist bin, aber eben kein Technopurist. Ich glaube, dass man mehr mit Techno machen kann. Es ist kein Stil. Nicht Beats, Wiederholung usw. Es sollte aufregender sein. Wie vor 10 Jahren. Techno kommt ja von Technologie, und die schreitet sehr stark fort, aber Techno stagniert in gewisser Weise. Vielleicht ist Technologie zu schnell für die Musik geworden? De:Bug: Kann man sagen, dass es vor Jahren anders war? Dass sie das Potential von Technologie sehr ausdrücklich genutzt hat, um Technologie zu beeinflussen? Dass sie damals Potentiale aus der Technologie geholt hat, die verborgen waren, und dass jetzt die Musik eher versucht, die endlosen Potentiale der Technologie auszufüllen, die explizit als solche zur Verfügung gestellt wurden? Ishii: Es gibt ja immer noch Leute, die an “Orginalinstrumente” zur Erzeugung von Techno glauben. Neue Sounds sind nicht wirklich etwas für viele Leute. Vielleicht ist es ihre Art, Geschichte nachzuvollziehen über die Aneignung von bekannten Sounds. In den letzten Jahren hat man grade mal Filter akzeptiert. Neue Dinge aus neuer Software herauszubekommen, wird sicherlich noch Zeit brauchen. De:Bug: Was interssiert dich an neuen Technologien? Ishii: Clevere Software. Musikalische Software und Software ausserhalb. Ich versuche, an der Entwicklung im Netz dranzubleiben. Technologien geben Menschen die Chance, allein und für wenig Geld Dinge zu tun, die man tun will. Man kann das Netz überall berühren. Ich denke, die Freundlichkeit von Technologie ist das Interessanteste. De:Bug: Wobei Musik nicht unbedingt im Zentrum steht. Was wären für dich die Perspektiven, das Netz als Tool für Musik zu benutzen. Ishii: Ich glaube, es ist noch sehr am Anfang. Auf dem Track mit Spooky habe ich eigentlich alle Korrespondenz via Mail gemacht, wir haben uns ab und an Files geschickt, MP3’s und andere, Spooky ist ja eine sehr internetfreundliche Person. Vermutlich wird es bald erste virtuelle Studios im Netz geben, in denen man Sessions mit anderen Leuten machen kann. Man hat vielleicht auf dem eigenen Rechner nur noch das Display. Es dürfte auf die Investitionen ankommen, die jemand in diesem Markt macht, um neue Software zu entwickeln, mit der man zusammenarbeiten kann. De:Bug: Es gibt ja schon einige Versuche in dieser Richtung, Midijams über das Netz mit Res Rocket gibt es ja auch schon seit langem. Synthesizer, die man bedienen kann, die ganze Rebirthgeschichte, bei der man eigene Sounds in Synthesizer integrieren kann. Aber das Merkwürdige an all diesen Dingen ist doch, dass tatsächlich die Idee des Selbstmachens, des Alleinemachens, die sehr viel ausgemacht hat in der Entwicklung elektronischer Musik, jetzt plötzlich nur noch durch eine Zukunft ersetzt werden kann, in der es hauptsächlich um die Kommunikation von Musikern geht. Um das Miteinandermachen. So als wäre die ganze Geschichte des Aufkommens von handgespielter Musik eigentlich nur eine Vorbereitung für die einzig vorstellbare Zukunft elektronischer Musik, die der Kollaboration. Irgendwie eine ähnliche Situation wie bei MP3, wo es gar nicht mehr darum geht, welche Musik stattfindet, sondern nur noch, wie Musik verteilt werden könnte. Ishii: Das ist für mich schwierig. Es gibt den Aspekt des Musikhörers und den des Musikers. Als Musiker ist das natürlich eine schwere Situation, in der man vor allem Angst hat. Ich habe eine Website, es gibt dort unreleaste Tracks, Demos usw. Aber die Situation der Royalties ist einfach zu ungewiss. Es ist aber vielleicht auch mehr das Problem der ganz Grossen. Hörer elektronischer Musik wollen auch die Verpackung. Darauf legen sie viel Wert. Ich selber auch. De:Bug: Und sicher ist Japan gross in Verpackungen. Aber das macht die Verpackung doch auch wieder so wichtig, dass sie die Musik eines Tages ohne weiteres ersetzen können wird. Verkauft wird dann eher das Design, das Schwerkopierbare am Design, solange es schwer kopierbar bleibt, so wie Vinyl, jedes Format eben, dass mehr Prozesse in der Herstellung braucht als Cut, Copy, Paste, zumindest aber grössere nicht so bewegliche Datenmengen beinhaltet, wie Video. Ishii: Ich habe auch schon einige Dinge dieser Art gemacht. Kombinierte Design-Video-CDs, die sind dann nur sehr teuer. De:Bug: Glaubst du, dass du solche Dinge eher machen musst, oder magst du es einfach, soetwas zu tun? Ishii: Nein, ich sehe das ganze eher als Chance. Ken Ishiis neustes Album heisst “Sleeping Madness” (R&S) und ist gerade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.