"Tommy" ist sicher sein populärster Film. Die erste Rockoper der Filmgeschichte , besetzt mit "The Who", mit Der britische Regisseur Ken Russell ruht sich auch mit seinen 79 Jahren nicht auf den Verdiensten als Pionier des UK-Autorenfilms aus. Lieber dreht er in seiner Garage schnelle No-Budget-Filme. Aljoscha Weskott hat mit ihm auf dem Filmfest Oldenburg gesprochen.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 97

Legende

Ken Russell
… Maria Callas in der Garage erfinden!

Provinz ist geil, wenn etwas los ist. So schielt das Filmfestival in Oldenburg auf die Geburt eines New-New-Hollywoods, lädt eifrig ein, ob die Wilson Brothers oder Christopher Coppola, und widmet dem 79-jährigen Pioneer des Independent-Cinemas Ken Russell eine Retrospektive. Dafür posiert Russell für Sponsoren und Zuschauer, steigt in einen nagelneuen VW Phaidron, grinst schelmisch – und trägt eine rosarote Plastiksonnenbrille. Zwischendurch lässt er einen Blick in sein Gesicht gewähren, das jener viel zitierten lebendigen Krater-Landschaft entspricht, in der jede Furche eine Geschichte erzählt, unter anderem davon, dass Russells Filme unterschiedlicher nicht ausfallen konnten. Featurefilme über Musiker wie Bartok, Mahler oder Debussy, seines Zeichens Rockopernschreiber (Tommy), dann wieder Brian-de-Palma-Stilist in “The Whore” (1991) oder Literaturverfilmungen von D.H. Lawrence “Women in Love” (1968).
Zuletzt aber ist Russell noch radikaler geworden, hat narrative Logiken verworfen. Er gleicht nun dem europäischen Counterpart Jonas Mekas’. Er ist nunmehr ein getriebener Filmautor, der auf DV dreht und das No-Budget-Feld für sich erschließt. Da raunt eine Frau auf den vielen Veranstaltungen des Festivals in snobistischem Oxford-Sound leise vor sich hin, scheinbar unhörbar, dass Russell ein alter britischer Dilettant sei. Das ist als Kompliment zu verstehen. Nie ist das Autorenkino entrückter an Hollywood herangetreten, auf der Suche nach den Rissen und Lücken im Leben der Bourgeoisie, gestern wie heute: Russell interessiert keine Sozialstudien der britischen Gesellschaft, wie sie bei Ken Loach oder Mike Leigh vorkommen. Seine Filme sind eher amerikanisch frei, gleichen einer Spurensuche nach dem sexuellen Versprechen, in der Sentimentalität als radikaler Pfeil zu verstehen ist, um wie in Jack Smiths ”Flaming Creatures” die B-Movies der Vergangenheit neu zu verzaubern.
Ein kleines Bier am Nachmittag und Ken Russell kommt in Fahrt. Vorher habe ich seinen neusten Film ”Hot Pants“ (2005) gesehen. Ein Episodenfilm bestehend aus drei Teilen. 1. The Revenge of the Elephant Man, gedreht in einem Garten. 2. Die letzten Tage der Mata Hari, gedreht in einer kleinen Zelle. 3. Southampton und die Piraterie – Erinnerungen an die englische Segelnation, zelebriert im Sing-Sang auf der Folie einer artifiziellen Studiokulisse.

Sexuelle Obsessionen in theatralischen Gesten, hyperdramatisch aufgeladene DV-Kunst. Ein Remake des Elephant Man, die wahre Geschichte der Mata Hari … Eigentlich werden im Alter Filme zurückgenommener, beschaulicher. Man schaue sich nur ”Godard on Godard“ an. Ihre letzten Filme haben diesen jugendlichen, experimentellen Drive …

Ja, das stimmt. Es spielen eigentlich nur meine Frau und ich mit. Sie spielt auch eine Doppelrolle in der Mata-Hari-Episode von ”Hot Pants“ – ist ihnen das gleich aufgefallen? Sie ist ganz wundervoll. Eigentlich ist sie ja Countrysängerin. (Seine Frau, die dabei sitzt, widerspricht: Nein, Folksängerin. Sie lächelt Ken an, sie ist bestimmt nur halb so alt wie er.) Und alles wurde in meiner Garage gedreht. Wir fahren den Wagen raus und fangen an zu drehen. Ein Mann, der mir im Garten hilft, ist dabei. Mein Editor von ”Women in Love“ hat die Musik gemacht, und mein Nachbar, der Mann mit dem Bart, spielt den ”Elephant Man“. Mein Hund kriegt eine Maske auf und kann dann jedes Tier oder Monster spielen. Wir wollen immer in einem kleinen Team drehen. Dinge schnell realisieren. Damals in Hollywood habe ich mit Faye Dunaway gearbeitet, wir hatten viele Auseinandersetzungen und Streits, trotzdem fragte sie mich, ob ich ihr nicht ein Script für Maria Callas schreiben könnte. Nachdem sie bereits 18 Scripts geschrieben hatte, fragte sie mich also nach dem 19ten Script. Sie erholt sich immer noch davon, der Film wurde nie realisiert. ”Hot Pants“ kostet nur 1000 Euro. Leider kann ich keine feature films mehr machen. Sie sind sehr aufwendig und kaum zu finanzieren.

London 60er

Aber alles begann mit BBC-Produktionen, mit inszenierten Dokumentarfilmen?

Meine Karriere begann in London, wo ich mich über ein besonderes Künstlerprogramm der BBC Künstlern und Musikerbiografien widmen konnte. Es war auch die Zeit, in der alle Hollywoodstudios große Dependancen in London hatten, so auch United Artists: Insgesamt arbeiteten über 1500 im “Swinging London“ der 1960er Jahre. Es gab aus der Sicht Hollywoods diese verrückte Idee, dass alles Wichtige In London geschehe. Nur 2 oder 3 Leute konnten damals ja oder nein sagen, ob ein Projekt realisiert werden soll. Heute sind es 50 Leute, bestehend aus Produzenten und Investoren, die darüber entscheiden: Alle haben eine Meinung, alle wollen unterschiedliche Dinge sehen, alle wollen ihren Einfluss geltend machen. Das beginnt schon beim Script. Ich habe jahrelang gewartet und dann entschieden, einfach alleine weiter Filme zu machen bzw. mit Freunden. Das ist harte Arbeit, aber ich bin sehr glücklich, mit einem kleinen Ensemble zu arbeiten. Wir arbeiten mit einer kleinen Schneidemaschine, die in Deutschland erfunden wurde und Casablanca heißt. Sie scheint noch von Edison zu stammen. Das heißt, dass unser Schnittprogramm den Bildern eine viktorianische Schönheit gibt, die Bilder in einem dekorativen Rahmen sind, was mir ermöglicht, eine neue Sicht auf das Material insgesamt zu werfen. Denn vergessen wir nicht, Ich drehe im Garten, in der Garage, zwischen Stachelbeeren, Blumen, Kühen und Ponys: Der Darsteller des “Elephant Man“ lebt um die Ecke, er ist immer in unseren Filmen: Er ist kein Schauspieler, er schreibt Folksongs, Demnächst werde ich mit meiner Frau die Geschichte des Lochness-Monsters neu verfilmen. Vier oder fünf Leute und ein paar Flaschen Wein und alles wird möglich. Wir haben Spaß. Meine Tochter ist eine Kostümdesignerin. Wir nehmen viele Sachen aus Kunstfilmen auf, wie etwa in der Mata-Hari-Episode, um sie leicht zu verfremden.

Es gibt eine sehr auffällige Adaption amerikanischer Independent-Klassiker? “Hot Pants“, das sind Kommentare auf die Filmgeschichte …

Ja, Jack Smith ist ein großer Einfluss. Ich möchte die vergessenen Filme neu filmen …

In einem selbst gebastelten Studio jenseits von Hollywood?

(Lacht) Laut meiner Mutter waren meine ersten Worte die aus dem ersten Tonfilm “The jazz-singer“ mit Al Jolson. Da beginnt er sofort zu singen: Mammy I walked a million miles just to see your smiles, my Mammy! Schon als kleiner Junge wollte ich immer ins Kino. Und oft wurde ich mitgenommen, wenngleich meine Mutter etwas sehr snobistisch in ihrer Auswahl von Filmen war. Es durften nur amerikanische Filme sein. Schließlich verbrachte ich einfach die meiste Zeit mit Kino. Mit zehn Jahren habe ich einen kleinen Filmprojektor bekommen, auf dem ich Charly-Chaplin-Filme gesehen habe. Später baute ich ihn mit einem Adapter in einen 16-mm-Projektor um, um geliehene Filme darauf anzusehen. Die einzigen Filme, die es damals in der Bibliothek gab – das war kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – waren deutsche Filme. Es ist eine Ironie der Geschichte: Ohne die Deutschen wäre ich niemals Filmemacher geworden. In der Garage meines Vaters habe ich ein kleines Kino für meine Freunde und Familie eingerichtet. Während draußen der Blitzkrieg tobte, schaute ich mir die expressionistischen Klassiker wie “Siegfried“ an und finanzierte über den Eintritt die Spitfires. Wir sehen deutsche Propagandafilme – eine seltsame Mixtur. Ich habe immer darauf gewartet, eines Tages als deutscher Spion verhaftet zu werden.
Von Anfang an hat mich das Verhältnis von Bild und Musik fasziniert. Schließlich konnte ich die Bilder anhalten und eigene Musik spielen, Den richtigen Sound zu dem richtigen Bild. Das hat mich immer mehr interessiert als die Dialoge. Daher war es nahe liegend, Filme zu machen, in denen Musik eine besondere Rolle spielt.

Hollywood 80er

Ihr Verhältnis zu Hollywood ist zweifelsohne zwiespältig?

Okay, ja, wenngleich ich als Independentfilmemacher gelte und das ein sehr schwieriger Begriff ist, habe ich auch in Hollywood tolle Seiten mitbekommen. Ich mache einfach, was ich will. Und mittlerweile eben völlig jenseits von Hollywood. Ich habe beide Seiten Hollywoods mitbekommen. In “Altered States“ hat niemand mit mir über das Budget geredet. Woran ich mich erinnern kann, war der Überfluss: Wir hatten alles, was wir wollten. Bei den Special Effects bin ich total abgedreht.

Das stimmt allerdings, es ist wie Dr. Caligari auf LSD. Die Experimente eines ausgebrannten Wissenschaftlers, der keinen Drogen-Cocktail auslässt, um Mensch-Tier-Zustände zu erreichen. Schafe mit 6-7 Augenpaaren, Brandungsdonner und rote Blitze und …

Ich konnte die verrücktesten Ideen vorbringen, und die Antwort des Teams war stets: Machen wir. Bei “Crimes of passion” war es dagegen umgekehrt. Wir hatten kaum Geld, die Filmcrew war permanent stoned. Und von The Whore will ich gar nicht sprechen, wie hoch der Cheapnessfaktor war. Das sieht man, oder? Aber es gibt eben die schönen Seiten Hollywoods, das Leben am Swimming Pool …

Es gibt dieses tolle Bild von Faye Dunaway, wie sie nach dem Gewinn des Oscars für Network 1977 verträumt, verbraucht an ihrem Pool liegt und die Schlagzeilen ihres Oscargewinns auf allen Zeitungen zu lesen sind und ihr abschweifender glückseliger Blick …

… das kenne ich gar nicht, schade … Aber es gibt eine Energie, alles zu tun, um einen Film zu verwirklichen. Die Leute in Hollywood scheinen das wirklich im Blut zu haben. Das einfachste Beispiel, das mich beeindruckt hat: Wenn der Verkehr gestoppt werden soll, dann geschieht das auch. Die Polizei greift dann entschieden ein, Niemand läuft einfach die Straße entlang, wenn du filmst. Filmemachen wird als das Wichtigste angesehen. Das ist in England ganz anders. Dort laufen die Fußgänger einfach weiter, in Hollywood schreien die Polizisten die Leute an, He Bastard, stop! Insgesamt habe ich dort gute Erfahrungen gemacht, wenngleich ich später immer weniger Budget für meine Filme erhielt. Wenn du nicht nach Paris fahren kannst, musst du dir überlegen, wie du andere Wege finden kannst, um Paris zu inszenieren. Das ist der Spaß, der mir das Filmemachen immer noch bringt.

Warum gibt es ihrer Ansicht nach keine Entschuldigung mehr für junge Filmemacher/innen, wenn sie ihre Filmprojekte nicht durchbringen?

Heutzutage kann jeder an Kameras und Tonaufzeichnungsgeräte rankommen. Also kann auch jeder einen Film machen. Natürlich ist das nicht so einfach, aber es geht um die Idee. Und dann kommen Probleme hinzu. Etwa das Licht. Du kannst nur bei Tageslicht drehen. So öffne ich einfach die Garagentore je nach Lichteinfall, um zu drehen.

Neue Technologien treffen auf Verfahren des 19. Jahrhunderts?

Ja, wie in Edisons berühmter ”Black Maria“, dem allerersten Filmstudio, bei dem sich die Dächer und Wände aufklappen ließen, um maximalen Lichteinfall zu garantieren. Nach diesem Prinzip bekomme ich die Effekte, die ich möchte. Oft mag ich nicht, wie das Licht die Gesichtsfarbe verändert. Auch bei DV muss man sich ein bisschen Mühe geben, gerade wenn man alles unter No-Budget-Bedingungen dreht. Ich habe immer das getan, was ich wollte. Ich habe mit einer Serie von feature films für die BBC begonnen. Debussy, Gustav Mahler und Duncan. Es gab nur ein kleines Budget und einen Ton- und einen Kameramann und mich, aber mit ein bisschen Kreativität haben wir viel möglich gemacht. Da habe ich auch schon kleine Teams lieben gelernt.

Nehmen wir den Film “Isodora Duncan“ (1966). Wie soll man den beschreiben? Ein Film, der in Oldenburg im Nebenprogramm läuft, in einem Minikino, vor genau vier Leuten, anmoderiert von ihrer Exzellenz. Frau Duncan beschließt, eine Tanzschule für Kinder aufzumachen. Sie verliert bei einem Autounfall beide Kinder, geht 1917 nach Brasilien, lebt ausschweifend, dann wird sie Kommunistin, geht Anfang der 1920er Jahre in die Sowjetunion, um ihr Projekt durchzuführen. Der Film ist eine groteske, zutiefst melancholische Geschichte einer Frau, die wohl den ersten Love-Parade-Traum hatte. Ihr Ende könnte nicht trauriger ausfallen, wenn es nicht so Slapstick-artig wäre. Sie verlässt mit einem jungen Swingtänzer ein Haus in Berlin 1925, steigt in ein Auto, ihr Schal verheddert sich im Reifen, und als sie losfahren, wird sie von ihrem Schal stranguliert.

Ich habe eine ganze Serie von inszenierten, essayistischen Dokumentarfilmen gemacht. Dieser Schritt dauerte Jahre, weil die Verantwortlichen bei der BBC sich nicht sicher wahren, ob tote Künstler in so ein Format gepresst werden können. Danach habe ich den Übergang zum Spielfilm hinbekommen. United Artists finanzierte “Women in Love”. Es war ein kommerzieller und künstlerischer Erfolg. Und dann kam die Frage auf: Welchen Film wollen Sie als nächstes machen? Und ich sagte: Tschaikowski. Und da war der Schock groß. Alle fanden das sehr langweilig. Also sagte ich, dass ist die Geschichte eines Homosexuellen, der sich in eine Nymphomanin verliebt machen möchte. Dann habe ich das Geld bekommen …

Warum sind Filme wie “Aria“ Ausnahmen geblieben, an dem sich unterschiedliche Filmemacher einem Gegenstand nähern, in diesem Fall der Oper. Interessiert Sie so ein Zugang auch heute noch, wie er etwa in “11.09.01“ mit Sean Penn u.a. umgesetzt wurde?

Ja, das ist irgendwie schade, dass dieser Versuch unterschiedlicher Regisseure, unterschiedliche Zugänge und Bilder zu finden, der einzige Versuch meiner Karriere geblieben ist. Ich bin kein übermäßig politischer Mensch, meine Filme sind allerdings radikal humanistisch. Mich interessieren historische Formen des “brainwashings“, das sich heute im medialen Raum abspielt. Ich denke, das klingt eine wenig bizarr, dass ich einen Lochness-Film nur deshalb drehen möchte, weil ich im Nordosten Englands Anfang der 1950er Jahre bestimmte Erfahrungen gemacht habe. Es wird natürlich kein klassischer Monsterfilm, obwohl ich mich vielleicht dazu hinreißen lassen werde, dass Monster selber zu spielen. 1951 bin ich in den Nordosten Englands, die Heimat von Nessie, gefahren. Ich habe damals einen Film gemacht, der “The Miners Picknick“ heißt. Dort sind die Minen. Sie hatten dieses Picknick als Event einmal pro Jahr, wo alle Minenarbeiter zusammenkommen, um Musik zu hören und zu machen, politische Reden zu halten. Jedes Dorf, jede Ortschaft hatte ihre eigene Band, mit Blasinstrumenten und allem Drum und Dran. Eine große Party. Als ich wieder dort hinkam, war das alles verschwunden, die Minen alle dicht. Die Umstrukturierung hat große Auswirkungen auf das soziale Leben genommen. Alles ist weg und es gibt keine Spuren und Zeichen mehr. Früher haben sich die Leute unterstützt: Wenn die Lungen schwarz wurden und jemand nicht mehr arbeiten konnte, wurde er trotzdem mit hinuntergenommen, wo er sich in einer Ecke ausruhen durfte, damit er sein Gehalt weiterbekam. Heute sind alle arbeitslos oder weggezogen. Diese ganze Solidarität dieses Arbeiterlebens ist verschwunden. Die Minenschächte wurden mit Zement gefüllt, obwohl es immer noch Millionen von Tonnen Kohle dort gibt, aber an die kommt man jetzt nie wieder ran.

Gibt es reale Ken-Russell-Filmspots in ihren Filmen. Besteht die Gefahr, sich selbst zu zitieren?

Nein, aber vor 15 Jahren wurde ich gefragt, etwas Autobiographisches zu machen: Mach etwas über dich selbst, hieß es. Aber wie sollte ich 65 Jahre darstellen, vom Baby zu einem damals 65-jährigen Mann. Das konnte ich nicht. Ich wollte auch nicht mit der Attitüde spielen, dass ich der große, noch lebende Regisseur bin, der auf sein Leben zurückschaut. Daher habe ich überlegt, dass mein 4-jähriger Sohn alles spielen sollte, auch den alten Mann Ken Russell. Niemand wird ein 4-jähriges Kind kritisieren wollen, dachte ich mir. Der Film heißt “A British Picture“. Da tauchen ganz verschiedene Szenen meines Lebens auf, auch die einer unschönen Gerichtsgeschichte. Einmal wurde ich angeklagt und hatte einen singenden Rechtsanwalt, der glaubte, Elvis Presley zu sein. Und tatsächlich wurde ich freigesprochen. Ich bezahlte ihm damit, dass er in einem Film auftreten durfte. Man hat uns bei diesem Projekt sogar erlaubt, in einem Gefängnis zu drehen, wo die Leute plötzlich zu singen begannen, ich meine, die echten Insassen haben gesungen, und dann hatten wir eine Szene, wo sie alle aus dem Gefängnistor rauslaufen. Aber was man im Film nicht sieht, ist, dass natürlich noch ein Tor dahinter war.

Sind es eher musikalische Motive, die ihr Leben begleiten?

Was ich sicherlich am meisten liebe, sind diese schnellen Gimmicks. Mein Nachbar, der auch Folksänger ist, komponiert diese großartigen kleinen Liedchen für viele meiner Filme. Eines meiner Lieblingsstücke ist: “I’m gonna build a bar in my own car and drive myself to drink.” (Er singt, seine Frau summt mit.)

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Der britische Regisseur Ken Russell ruht sich auch mit seinen 79 Jahren nicht auf den Verdiensten als Pionier des UK-Autorenfilms aus. Lieber dreht er in seiner Garage schnelle No-Budget-Filme. Aljoscha Weskott hat mit ihm auf dem Filmfest Oldenburg gesprochen.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 97

Maria Callas in der Garage erfinden!

Provinz ist geil, wenn etwas los ist. So schielt das Filmfestival in Oldenburg auf die Geburt eines New-New-Hollywoods, lädt eifrig ein, ob die Wilson Brothers oder Christopher Coppola, und widmet dem 79-jährigen Pioneer des Independent-Cinemas Ken Russell eine Retrospektive. Dafür posiert Russell für Sponsoren und Zuschauer, steigt in einen nagelneuen VW Phaidron, grinst schelmisch – und trägt eine rosarote Plastiksonnenbrille. Zwischendurch lässt er einen Blick in sein Gesicht gewähren, das jener viel zitierten lebendigen Krater-Landschaft entspricht, in der jede Furche eine Geschichte erzählt, unter anderem davon, dass Russells Filme unterschiedlicher nicht ausfallen konnten. Featurefilme über Musiker wie Bartok, Mahler oder Debussy, seines Zeichens Rockopernschreiber (Tommy), dann wieder Brian-de-Palma-Stilist in “The Whore” (1991) oder Literaturverfilmungen von D.H. Lawrence “Women in Love” (1968).
Zuletzt aber ist Russell noch radikaler geworden, hat narrative Logiken verworfen. Er gleicht nun dem europäischen Counterpart Jonas Mekas’. Er ist nunmehr ein getriebener Filmautor, der auf DV dreht und das No-Budget-Feld für sich erschließt. Da raunt eine Frau auf den vielen Veranstaltungen des Festivals in snobistischem Oxford-Sound leise vor sich hin, scheinbar unhörbar, dass Russell ein alter britischer Dilettant sei. Das ist als Kompliment zu verstehen. Nie ist das Autorenkino entrückter an Hollywood herangetreten, auf der Suche nach den Rissen und Lücken im Leben der Bourgeoisie, gestern wie heute: Russell interessieren keine Sozialstudien der britischen Gesellschaft, wie sie bei Ken Loach oder Mike Leigh vorkommen. Seine Filme sind eher amerikanisch frei, gleichen einer Spurensuche nach dem sexuellen Versprechen, in der Sentimentalität als radikaler Pfeil zu verstehen ist, um wie in Jack Smiths ”Flaming Creatures” die B-Movies der Vergangenheit neu zu verzaubern.
Ein kleines Bier am Nachmittag und Ken Russell kommt in Fahrt. Vorher habe ich seinen neusten Film ”Hot Pants“ (2005) gesehen. Ein Episodenfilm bestehend aus drei Teilen. 1. The Revenge of the Elephant Man, gedreht in einem Garten. 2. Die letzten Tage der Mata Hari, gedreht in einer kleinen Zelle. 3. Southampton und die Piraterie – Erinnerungen an die englische Segelnation, zelebriert im Sing-Sang auf der Folie einer artifiziellen Studiokulisse.

Sexuelle Obsessionen in theatralischen Gesten, hyperdramatisch aufgeladene DV-Kunst. Ein Remake des Elephant Man, die wahre Geschichte der Mata Hari … Eigentlich werden im Alter Filme zurückgenommener, beschaulicher. Man schaue sich nur ”Godard on Godard“ an. Ihre letzten Filme haben diesen jugendlichen, experimentellen Drive …

Ja, das stimmt. Es spielen eigentlich nur meine Frau und ich mit. Sie spielt auch eine Doppelrolle in der Mata-Hari-Episode von ”Hot Pants“ – ist ihnen das gleich aufgefallen? Sie ist ganz wundervoll. Eigentlich ist sie ja Countrysängerin. (Seine Frau, die dabei sitzt, widerspricht: Nein, Folksängerin. Sie lächelt Ken an, sie ist bestimmt nur halb so alt wie er.) Und alles wurde in meiner Garage gedreht. Wir fahren den Wagen raus und fangen an zu drehen. Ein Mann, der mir im Garten hilft, ist dabei. Mein Editor von ”Women in Love“ hat die Musik gemacht, und mein Nachbar, der Mann mit dem Bart, spielt den ”Elephant Man“. Mein Hund kriegt eine Maske auf und kann dann jedes Tier oder Monster spielen. Wir wollen immer in einem kleinen Team drehen. Dinge schnell realisieren. Damals in Hollywood habe ich mit Faye Dunaway gearbeitet, wir hatten viele Auseinandersetzungen und Streits, trotzdem fragte sie mich, ob ich ihr nicht ein Script für Maria Callas schreiben könnte. Nachdem sie bereits 18 Scripts geschrieben hatte, fragte sie mich also nach dem 19ten Script. Sie erholt sich immer noch davon, der Film wurde nie realisiert. ”Hot Pants“ kostet nur 1000 Euro. Leider kann ich keine feature films mehr machen. Sie sind sehr aufwendig und kaum zu finanzieren.

London 60er

Aber alles begann mit BBC-Produktionen, mit inszenierten Dokumentarfilmen?

Meine Karriere begann in London, wo ich mich über ein besonderes Künstlerprogramm der BBC Künstlern und Musikerbiografien widmen konnte. Es war auch die Zeit, in der alle Hollywoodstudios große Dependancen in London hatten, so auch United Artists: Insgesamt arbeiteten über 1500 im “Swinging London“ der 1960er Jahre. Es gab aus der Sicht Hollywoods diese verrückte Idee, dass alles Wichtige In London geschehe. Nur 2 oder 3 Leute konnten damals ja oder nein sagen, ob ein Projekt realisiert werden soll. Heute sind es 50 Leute, bestehend aus Produzenten und Investoren, die darüber entscheiden: Alle haben eine Meinung, alle wollen unterschiedliche Dinge sehen, alle wollen ihren Einfluss geltend machen. Das beginnt schon beim Script. Ich habe jahrelang gewartet und dann entschieden, einfach alleine weiter Filme zu machen bzw. mit Freunden. Das ist harte Arbeit, aber ich bin sehr glücklich, mit einem kleinen Ensemble zu arbeiten. Wir arbeiten mit einer kleinen Schneidemaschine, die in Deutschland erfunden wurde und Casablanca heißt. Sie scheint noch von Edison zu stammen. Das heißt, dass unser Schnittprogramm den Bildern eine viktorianische Schönheit gibt, die Bilder in einem dekorativen Rahmen sind, was mir ermöglicht, eine neue Sicht auf das Material insgesamt zu werfen. Denn vergessen wir nicht, Ich drehe im Garten, in der Garage, zwischen Stachelbeeren, Blumen, Kühen und Ponys: Der Darsteller des “Elephant Man“ lebt um die Ecke, er ist immer in unseren Filmen: Er ist kein Schauspieler, er schreibt Folksongs, Demnächst werde ich mit meiner Frau die Geschichte des Lochness-Monsters neu verfilmen. Vier oder fünf Leute und ein paar Flaschen Wein und alles wird möglich. Wir haben Spaß. Meine Tochter ist eine Kostümdesignerin. Wir nehmen viele Sachen aus Kunstfilmen auf, wie etwa in der Mata-Hari-Episode, um sie leicht zu verfremden.

Es gibt eine sehr auffällige Adaption amerikanischer Independent-Klassiker? “Hot Pants“, das sind Kommentare auf die Filmgeschichte …

Ja, Jack Smith ist ein großer Einfluss. Ich möchte die vergessenen Filme neu filmen …

In einem selbst gebastelten Studio jenseits von Hollywood?

(Lacht) Laut meiner Mutter waren meine ersten Worte die aus dem ersten Tonfilm “The jazz-singer“ mit Al Jolson. Da beginnt er sofort zu singen: Mammy I walked a million miles just to see your smiles, my Mammy! Schon als kleiner Junge wollte ich immer ins Kino. Und oft wurde ich mitgenommen, wenngleich meine Mutter etwas sehr snobistisch in ihrer Auswahl von Filmen war. Es durften nur amerikanische Filme sein. Schließlich verbrachte ich einfach die meiste Zeit mit Kino. Mit zehn Jahren habe ich einen kleinen Filmprojektor bekommen, auf dem ich Charly-Chaplin-Filme gesehen habe. Später baute ich ihn mit einem Adapter in einen 16-mm-Projektor um, um geliehene Filme darauf anzusehen. Die einzigen Filme, die es damals in der Bibliothek gab – das war kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – waren deutsche Filme. Es ist eine Ironie der Geschichte: Ohne die Deutschen wäre ich niemals Filmemacher geworden. In der Garage meines Vaters habe ich ein kleines Kino für meine Freunde und Familie eingerichtet. Während draußen der Blitzkrieg tobte, schaute ich mir die expressionistischen Klassiker wie “Siegfried“ an und finanzierte über den Eintritt die Spitfires. Wir sehen deutsche Propagandafilme – eine seltsame Mixtur. Ich habe immer darauf gewartet, eines Tages als deutscher Spion verhaftet zu werden.
Von Anfang an hat mich das Verhältnis von Bild und Musik fasziniert. Schließlich konnte ich die Bilder anhalten und eigene Musik spielen, Den richtigen Sound zu dem richtigen Bild. Das hat mich immer mehr interessiert als die Dialoge. Daher war es nahe liegend, Filme zu machen, in denen Musik eine besondere Rolle spielt.

Hollywood 80er

Ihr Verhältnis zu Hollywood ist zweifelsohne zwiespältig?

Okay, ja, wenngleich ich als Independentfilmemacher gelte und das ein sehr schwieriger Begriff ist, habe ich auch in Hollywood tolle Seiten mitbekommen. Ich mache einfach, was ich will. Und mittlerweile eben völlig jenseits von Hollywood. Ich habe beide Seiten Hollywoods mitbekommen. In “Altered States“ hat niemand mit mir über das Budget geredet. Woran ich mich erinnern kann, war der Überfluss: Wir hatten alles, was wir wollten. Bei den Special Effects bin ich total abgedreht.

Das stimmt allerdings, es ist wie Dr. Caligari auf LSD. Die Experimente eines ausgebrannten Wissenschaftlers, der keinen Drogen-Cocktail auslässt, um Mensch-Tier-Zustände zu erreichen. Schafe mit 6-7 Augenpaaren, Brandungsdonner und rote Blitze und …

Ich konnte die verrücktesten Ideen vorbringen, und die Antwort des Teams war stets: Machen wir. Bei “Crimes of passion” war es dagegen umgekehrt. Wir hatten kaum Geld, die Filmcrew war permanent stoned. Und von The Whore will ich gar nicht sprechen, wie hoch der Cheapnessfaktor war. Das sieht man, oder? Aber es gibt eben die schönen Seiten Hollywoods, das Leben am Swimming Pool …

Es gibt dieses tolle Bild von Faye Dunaway, wie sie nach dem Gewinn des Oscars für Network 1977 verträumt, verbraucht an ihrem Pool liegt und die Schlagzeilen ihres Oscargewinns auf allen Zeitungen zu lesen sind und ihr abschweifender glückseliger Blick …

… das kenne ich gar nicht, schade … Aber es gibt eine Energie, alles zu tun, um einen Film zu verwirklichen. Die Leute in Hollywood scheinen das wirklich im Blut zu haben. Das einfachste Beispiel, das mich beeindruckt hat: Wenn der Verkehr gestoppt werden soll, dann geschieht das auch. Die Polizei greift dann entschieden ein, Niemand läuft einfach die Straße entlang, wenn du filmst. Filmemachen wird als das Wichtigste angesehen. Das ist in England ganz anders. Dort laufen die Fußgänger einfach weiter, in Hollywood schreien die Polizisten die Leute an, He Bastard, stop! Insgesamt habe ich dort gute Erfahrungen gemacht, wenngleich ich später immer weniger Budget für meine Filme erhielt. Wenn du nicht nach Paris fahren kannst, musst du dir überlegen, wie du andere Wege finden kannst, um Paris zu inszenieren. Das ist der Spaß, der mir das Filmemachen immer noch bringt.

Warum gibt es ihrer Ansicht nach keine Entschuldigung mehr für junge Filmemacher/innen, wenn sie ihre Filmprojekte nicht durchbringen?

Heutzutage kann jeder an Kameras und Tonaufzeichnungsgeräte rankommen. Also kann auch jeder einen Film machen. Natürlich ist das nicht so einfach, aber es geht um die Idee. Und dann kommen Probleme hinzu. Etwa das Licht. Du kannst nur bei Tageslicht drehen. So öffne ich einfach die Garagentore je nach Lichteinfall, um zu drehen.

Neue Technologien treffen auf Verfahren des 19. Jahrhunderts?

Ja, wie in Edisons berühmter ”Black Maria“, dem allerersten Filmstudio, bei dem sich die Dächer und Wände aufklappen ließen, um maximalen Lichteinfall zu garantieren. Nach diesem Prinzip bekomme ich die Effekte, die ich möchte. Oft mag ich nicht, wie das Licht die Gesichtsfarbe verändert. Auch bei DV muss man sich ein bisschen Mühe geben, gerade wenn man alles unter No-Budget-Bedingungen dreht. Ich habe immer das getan, was ich wollte. Ich habe mit einer Serie von feature films für die BBC begonnen. Debussy, Gustav Mahler und Duncan. Es gab nur ein kleines Budget und einen Ton- und einen Kameramann und mich, aber mit ein bisschen Kreativität haben wir viel möglich gemacht. Da habe ich auch schon kleine Teams lieben gelernt.

Nehmen wir den Film “Isodora Duncan“ (1966). Wie soll man den beschreiben? Ein Film, der in Oldenburg im Nebenprogramm läuft, in einem Minikino, vor genau vier Leuten, anmoderiert von ihrer Exzellenz. Frau Duncan beschließt, eine Tanzschule für Kinder aufzumachen. Sie verliert bei einem Autounfall beide Kinder, geht 1917 nach Brasilien, lebt ausschweifend, dann wird sie Kommunistin, geht Anfang der 1920er Jahre in die Sowjetunion, um ihr Projekt durchzuführen. Der Film ist eine groteske, zutiefst melancholische Geschichte einer Frau, die wohl den ersten Love-Parade-Traum hatte. Ihr Ende könnte nicht trauriger ausfallen, wenn es nicht so Slapstick-artig wäre. Sie verlässt mit einem jungen Swingtänzer ein Haus in Berlin 1925, steigt in ein Auto, ihr Schal verheddert sich im Reifen, und als sie losfahren, wird sie von ihrem Schal stranguliert.

Ich habe eine ganze Serie von inszenierten, essayistischen Dokumentarfilmen gemacht. Dieser Schritt dauerte Jahre, weil die Verantwortlichen bei der BBC sich nicht sicher wahren, ob tote Künstler in so ein Format gepresst werden können. Danach habe ich den Übergang zum Spielfilm hinbekommen. United Artists finanzierte “Women in Love”. Es war ein kommerzieller und künstlerischer Erfolg. Und dann kam die Frage auf: Welchen Film wollen Sie als nächstes machen? Und ich sagte: Tschaikowski. Und da war der Schock groß. Alle fanden das sehr langweilig. Also sagte ich, dass ist die Geschichte eines Homosexuellen, der sich in eine Nymphomanin verliebt machen möchte. Dann habe ich das Geld bekommen …

Warum sind Filme wie “Aria“ Ausnahmen geblieben, an dem sich unterschiedliche Filmemacher einem Gegenstand nähern, in diesem Fall der Oper. Interessiert Sie so ein Zugang auch heute noch, wie er etwa in “11.09.01“ mit Sean Penn u.a. umgesetzt wurde?

Ja, das ist irgendwie schade, dass dieser Versuch unterschiedlicher Regisseure, unterschiedliche Zugänge und Bilder zu finden, der einzige Versuch meiner Karriere geblieben ist. Ich bin kein übermäßig politischer Mensch, meine Filme sind allerdings radikal humanistisch. Mich interessieren historische Formen des “brainwashings“, das sich heute im medialen Raum abspielt. Ich denke, das klingt eine wenig bizarr, dass ich einen Lochness-Film nur deshalb drehen möchte, weil ich im Nordosten Englands Anfang der 1950er Jahre bestimmte Erfahrungen gemacht habe. Es wird natürlich kein klassischer Monsterfilm, obwohl ich mich vielleicht dazu hinreißen lassen werde, dass Monster selber zu spielen. 1951 bin ich in den Nordosten Englands, die Heimat von Nessie, gefahren. Ich habe damals einen Film gemacht, der “The Miners Picknick“ heißt. Dort sind die Minen. Sie hatten dieses Picknick als Event einmal pro Jahr, wo alle Minenarbeiter zusammenkommen, um Musik zu hören und zu machen, politische Reden zu halten. Jedes Dorf, jede Ortschaft hatte ihre eigene Band, mit Blasinstrumenten und allem Drum und Dran. Eine große Party. Als ich wieder dort hinkam, war das alles verschwunden, die Minen alle dicht. Die Umstrukturierung hat große Auswirkungen auf das soziale Leben genommen. Alles ist weg und es gibt keine Spuren und Zeichen mehr. Früher haben sich die Leute unterstützt: Wenn die Lungen schwarz wurden und jemand nicht mehr arbeiten konnte, wurde er trotzdem mit hinuntergenommen, wo er sich in einer Ecke ausruhen durfte, damit er sein Gehalt weiterbekam. Heute sind alle arbeitslos oder weggezogen. Diese ganze Solidarität dieses Arbeiterlebens ist verschwunden. Die Minenschächte wurden mit Zement gefüllt, obwohl es immer noch Millionen von Tonnen Kohle dort gibt, aber an die kommt man jetzt nie wieder ran.

Gibt es reale Ken-Russell-Filmspots in ihren Filmen. Besteht die Gefahr, sich selbst zu zitieren?

Nein, aber vor 15 Jahren wurde ich gefragt, etwas Autobiographisches zu machen: Mach etwas über dich selbst, hieß es. Aber wie sollte ich 65 Jahre darstellen, vom Baby zu einem damals 65-jährigen Mann. Das konnte ich nicht. Ich wollte auch nicht mit der Attitüde spielen, dass ich der große, noch lebende Regisseur bin, der auf sein Leben zurückschaut. Daher habe ich überlegt, dass mein 4-jähriger Sohn alles spielen sollte, auch den alten Mann Ken Russell. Niemand wird ein 4-jähriges Kind kritisieren wollen, dachte ich mir. Der Film heißt “A British Picture“. Da tauchen ganz verschiedene Szenen meines Lebens auf, auch die einer unschönen Gerichtsgeschichte. Einmal wurde ich angeklagt und hatte einen singenden Rechtsanwalt, der glaubte, Elvis Presley zu sein. Und tatsächlich wurde ich freigesprochen. Ich bezahlte ihm damit, dass er in einem Film auftreten durfte. Man hat uns bei diesem Projekt sogar erlaubt, in einem Gefängnis zu drehen, wo die Leute plötzlich zu singen begannen, ich meine, die echten Insassen haben gesungen, und dann hatten wir eine Szene, wo sie alle aus dem Gefängnistor rauslaufen. Aber was man im Film nicht sieht, ist, dass natürlich noch ein Tor dahinter war.

Sind es eher musikalische Motive, die ihr Leben begleiten?

Was ich sicherlich am meisten liebe, sind diese schnellen Gimmicks. Mein Nachbar, der auch Folksänger ist, komponiert diese großartigen kleinen Liedchen für viele meiner Filme. Eines meiner Lieblingsstücke ist: “I’m gonna build a bar in my own car and drive myself to drink.” (Er singt, seine Frau summt mit.)

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