Kenny Hawkes Werdegang gleicht einem Blueprint für unzählige DJ-Sozialisationen in der Gischt des Summer of Love von Manchester bis Ibiza. Egal ob als Pirate Radio DJ, Clubnachtbetreiber oder Produzent, sein breites Grinsen amalgamiert alle Stile des House auf partyfreundlichster Umdrehungszahl.
Text: Felix Denk aus De:Bug 68

“Neulich”, erzählt Kenny Hawkes beim Verlassen des Pubs, “hatte ich ein Booking in Jerusalem. Eine Woche bevor ich da spielen sollte, ging vor dem Club eine Bombe in die Luft. Ich rief also mal bei den Organisatoren an. Die dachten, ich wollte den Auftritt absagen, und erzählten, dass bereits alle anderen DJs gecancelt hätten. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob die Party überhaupt stattfindet.” Die Party fand statt, Kenny Hawkes ist hingefahren und hat aufgelegt. Man mag das mutig, leichtsinnig oder blöd finden, es zeigt jedenfalls Kenny Hawkes Enthusiasmus für seinen Job. Seine tief ins Gesicht gefurchten Augenringe und seine Müdigkeit beim Interview bestätigen diesen Eindruck. Aber es ist eben Montag und demnach für DJs berufsbedingt und biorhythmisch Schontag.

Kenny Hawkes ist und bleibt zunächst einmal DJ, daran ändern auch die viel beachteten Produktionen “Play the Game” und “Dance For Me” auf Music For Freaks nichts. Sein Umgang mit Musik wurde hinter den Decks geprägt wie auch vom Plattenkistenschleppen, Unausgeschlafensein und Durch-die-Gegend-Reisen. Seine Vita liest sich entsprechend wie ein Bildungsroman, der einen englischen House-DJ als Hauptfigur hat. Schon mit zarten 18 Jahren verlies Kenny Hawkes das heimische Brighton in Richtung Spanien, wo er sich in der Afterhourszene einen Namen als DJ machte. Nach den balearischen Wanderjahren verschlug es ihn zu Anfang der 90er-Jahre nach London, wo er bei dem Piratenradio “Girls FM” anheuerte, das zu diesem Zeitpunkt nur über einen DJ verfügte, der Dub, Reggae, Techno und Garage auflegte – eine Mischung, die in ihrer spezialisierten Antispezialisiertheit einen tiefen Eindruck bei Kenny Hawkes hinterließ. Bei Girls FM lief er auch Luke Solomon über den Weg, mit dem er schließlich mit der Clubnacht “Space” an der Institutionalisierung der eigenen musikalischen Vision bastelte. Etwas abseits von trendy Soho gelegen, in einem Club in der Shaftsbury Avenue, wo sonst nur orientierungslose Touristen den Weg zum Musical suchen, gelang es den beiden, jeden Mittwoch ein unorthodoxes Musikprogramm mit unglaublich guten Gast-DJs auf die Beine zu stellen. Farley Jackmaster Funk, Francois Kevorkian, Kenny Carpenter oder Andrew Weatherall spielten mehr oder weniger für einen warmen Händedruck, oder wie man im DJ-Jargon auf der Insel sagt, a pint, a pack of crisps and the cab ride home.

Mit viel Engagement und Idealismus ging es darum, House in seiner gesamten Bandbreite darzustellen und der sozialen Segmentierung der Szene entgegenzuwirken: “Als wir Space gestartet haben, gab es nicht viele Clubs, in denen die Musik gespielt wurde, die ich mochte. Ich erinnere mich, als ich nach London gezogen war, gab es diese große Kluft zwischen Garage, House, Disko, aber auch der Soul-Szene und der Techno-Szene. All diese Leute würden nie in den selben Club gehen und das ganze Spektrum, das ja doch zusammenhängt, hören. Als wir dann losgelegt haben, waren viele Leute erst mal schwer verwirrt, dass wir Basic Channel- mit Basement Boys-Platten gespielt haben.”

Sieben Jahre gab es Space und avancierte damit zur am längsten laufenden Housenacht unter der Woche. Irgendwann stellten Kenny Hawkes und Luke Solomon fest, dass sie alles erreichten, was sie sich vorgenommen hatten, und es Zeit für neue Projekte sei. Während Luke das “Freaks”-Projekt mit Justin Harris und die Labelarbeit intensivierte, machte sich Kenny Hawkes daran, seine musikalischen Ideen im Studio umzusetzen und somit das letzte Kapitel des Bildungsromans zu beschließen.

Dejay your ass off

Um 1998 erschienen die ersten House-Tracks von Kenny Hawkes auf “Luxury Service”, dem mittlerweile eingestellten Label von seinem Ex-Mitbewohner Rob Mello, und dem Diskohouse-Label “Paper” aus Manchester. Speziell in Deutschland machte Kenny Hawkes’ dubhousiger Two Lone Swordsmen-Remix auf Warp von sich Reden. Danach kamen lange keine Produktionen mehr. “Wenn man mittwochs auflegt, ist man donnerstags out of action und ab Freitag schon wieder unterwegs. Wenn man dann mal zuhause ist, muss man sich um weitere Bookings kümmern oder irgendwelche Rechnungen zahlen. Außerdem: “Nach fünf Tagen Plattenauflegen will man nicht unbedingt noch ins Studio gehen”, erklärt Kenny Hawkes die Pause zwischen seinen ersten Stücken und seinen neuen Veröffentlichungen.

Auch wenn der volle DJ-Terminkalender der Arbeit im Studio manchmal im Weg steht, bildet das Auflegen letztlich den Ausgangspunkt für das Produzieren. Fragt man ihn, ob denn viel vom DJ Kenny Hawkes in seinem Produzenten-Alter Ego steckt, erhält man eine deutliche Antwort. “Ja, definitiv! Auf jeden Fall. Oft spielt man eine Platte von Produzenten, die nicht auflegen, und man denkt sich, dass z. B. das Intro länger sein könnte oder so. Als DJ entwickelt man ein sehr feines Gespür für Energie, Dynamik und Stimmungen. Diese Sensibilität kommt bei mir definitiv aus der DJ-Perspektive.”

Kenny Hawkes produziert die Sorte Tracks, die man als DJ lange laufen lassen muss, damit sie ihre hypnotische Kraft voll entfalten. Die Stücke kommen meist ohne Breaks aus, haben eine langsam aber stetig steigernde Dramaturgie und tiefe, grabende Basslines, die für fette Soundsystems produziert wurden. Und zwar nur für fette Soundsystems, denn die Clubsituation ist genauso in die Tracks eingebaut. Es wird erst gar nicht versucht, auf irgendetwas außerhalb dieses Zusammenhangs zu verweisen: “Mich hat das nie gestört, dass meine Musik ausschließlich für den Club gedacht ist. So Drei-Minuten-Stücke für das Radio oder Fernsehen interessieren mich nicht. Ich würde auch keine Jingles produzieren wollen oder Musik für Werbung.”

So entschlossen der Blick auf den Floor gerichtet ist, so flexibel ist Kenny Hawkes in stilistischen Fragen. Auch wenn bei seinen letzten beiden Produktionen die Vocals von Louise Carver und Marcel & Kimra stark im Vordergrund standen und diese Kollaborationen auch seine nächsten Veröffentlichungen prägen werden, muss es nicht immer Chicago oder Vocalhouse sein. “It’s just trying on different clothes”, kommentiert Kenny Hawkes seine Wankelmütigkeit. Er entscheidet eher nach Lust und Laune oder eben nach Situation wie bei “Dance for me”, das auf den Vocals des Phuture-Klassikers “Your only Friend” bezug nimmt. “Ich mochte immer diese Platte und ich wollte etwas machen, um sie auf ein anderes Level zu hieven. Das Original ist auch nicht immer leicht zu spielen, zumindest nicht mehr, die Produktionen haben sich schon arg geändert.”

Tänzer ohne Haus, Hof und Kind

Auch die Bedeutungsverschiebung, die sich zwischen dem Original und der Bearbeitung ergibt, sind eher Ausdruck eines DJ-Pragmatismus als Resultat einer tieferen Reflexion über Kontrollverlust, wie man aus kontinentaleuropäischer Grüblerperspektive vielleicht annehmen könnte. “This is cocaine speaking”, beginnt “Your only Friend”, woraufhin das lyrische Ich in Form einer dieser chicagotypischen tiefen Männerstimmen erklärt, dass es einen um Haus und Hof bringen wird – Frau und Kind inbegriffen – und am Ende nichts mehr bleiben wird außer der Drogensucht. Das Stück war damals als Warnung vor den Folgen des Drogenkonsums gemeint, da man sich sorgte, dass der Titel der A-Seite der Platte, “Acid Tracks”, die Kids irgendwie auf falsche Gedanken bringen könnte. Trotzdem strahlte die düstere Warnung auf dem Dancefloor auf morbide Weise etwas Verlockendes aus und sei es nur, weil die meisten DJs den ersten Satz einfach nicht spielten oder die TänzerInnen eben weder Haus, Hof, Frau und Kind besaßen. Diese Anziehungskraft bleibt auch bei Kenny Hawkes neuer Bearbeitung erhalten mit dem Unterschied, dass es nicht das Kokain ist, das einen um den Finger wickelt, sondern diese hypnotische Macht abstrakter formuliert wird. “This is dance speaking”, wird man von Marcel begrüßt, der klingt, als wäre er ein muskulöser Schwarzer aus der New Yorker Schwulenszene (in Wirklichkeit kommt er aus West London). Die direkte Ansprache verfehlt auch hier ihre suggestive Wirkung nicht. Der Vocal zieht einen immer weiter in seinen Bann, bis sich das Thema in ein sexuell aufgeladenes Call and Response zwischen Marcel und Kimra steigert.

“Das mit Kimra ist so durch Zufall gekommen”, erklärt Kenny zu der unerwarteten Wendung gegen Ende des Stücks. “Ich habe gerade die Session mit Marcel beendet, als Kimra auftauchte. Marcel fand sie sofort super – sie sieht ziemlich gut aus und, na ja (sucht nach den richtigen Worten), ist ziemlich selbstbewusst. Sie würde sofort über alles singen. So kam es dann zu dem Call and Response, das übrigens in nur einer Aufnahme entstanden ist. Mein Gott, die Frau hat wirklich Eier.”

Dann erzählt Kenny noch, dass der Satz “This is cocaine speaking” von einem James Brown-Konzert stammt, das er neulich auf Video gesehen hat, und dass er gerade eine Bearbeitung von Inner Citys “Big Fun” produziert hat, die demnächst erscheinen wird. Und weil er schon gerade beim Plaudern ist, vertraut er uns noch an, dass er neulich im Robert Johnson in Offenbach Stage Diving war und dass das Girls on Top-Bootleg von Kraftwerk und Whitney Houston dadurch zustande kam, dass Mad Mike mal in London aufgelegt hat und die beiden Tracks ineinander gemischt hat. Und obwohl ihm das Wochenende noch in den Knochen steckt, packt Kenny immer noch eine Anekdote aus dem Ärmel, wie ein DJ, der immer noch eine gute Platte in der Hinterhand hat.

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Elektronische Lebensaspekte.