Vor fast 20 Jahren vereinte Kerri Chandler mit seinem Label "Madhouse" deep und rauh im New Yorker House. Seitdem war er nie weg vom Fenster, hatte sich aber nie wieder so vorbildlich rausgelehnt wie gerade jetzt.
Text: Felix Denk aus De:Bug 106

House

New-Jersey-Stalinist
Kerri Chandler

Wie schön, dass es Discogs.com gibt: “A House Legend, An Icon, A Inspiration, A Key Figure, A true House Music Purveyor”. Diese Eloge hinterlässt ein namenloser Fan am 18. Mai 2005 in dem Nerd-Paradies, in dem so ziemlich jede Platte aufgelistet und besprochen ist, die jemals über einen Tresen wanderte. Wo als auf Discogs.com könnte man so viel Anbetung und tief empfundene Liebe, so viel überschäumende Begeisterung und andächtige Ergriffenheit mitteilen?
Kerri Chandler, an den sich das Kompliment-Stakkato richtet, ist eine gute Wahl. Die Diskographie des New-Jersey-Altmeisters scheint endlos: Gefühlte 250 Einträge muss man runterscrollen, um alle Produktionen, Remixe und Veröffentlichungen zu sehen. Strictly Rhythm, Large, Nervous, Nite Grooves, King Street, Ibadan, Shelter, Soundman on Wax – kein Label fehlt, das in New York Rang und Namen hat.
Dabei waren es in den letzten Jahren oft europäische Label, auf denen Kerri Chandler mit die besten Stücke seiner langen Karriere ablieferte. “Back to the Raw” beispielsweise. Das erschien auf Deeply Rooted House, dem Label von DJ Deep aus Paris. In dem Stück beklagt sich Kerri Chandler über den “fluffy shit”, den viele House-Produzenten so abliefern. Wer gemeint ist, das muss man sich dazudenken. Ein Kommentar zu New York, der Stadt, die so viel House-Geschichte hat, aber in den letzten Jahren so wenig daraus machte? Geht es um Leute wie Roger Sanchez, Erik Morillo und David Morales, die ihren Ruhm vergangener Tage zum dritten Mal verwerten? Kerri Chandler bleibt im Vagen: “Ich finde, dass wir manchmal vergessen, was House ist. Ich möchte mehr Persönlichkeit in der Musik hören, nicht nur eine Formel. Mehr Oldschool, mehr Ungeschliffenes.” Was Chandler damit meint, erklärt der Track dann ganz ohne Worte. Eine dicke Kickdrum, eine fein modellierte Bassline und schwebende Synthie-Flächen, die in ihrer stetigen Wiederholung eine spirituelle Kraft entwickeln – so klingt New Jersey, die alte Schule: Aus ein paar sparsam arrangierten, aber perfekt gesetzten Elementen wird jener Soul herausgekitzelt, den andere mit HiTec-Studios und überbezahlten Divas herbeiproduzieren wollen.

Lasst das Gute sprechen
Mit diesem Plädoyer belebt Kerri Chandler die angestaubte Tradition des Testimonial-Tracks wieder, wo der DJ sich und seine Welt erklärt. Das kann klingen wie bei Basil Hardhouse. In seinem klassischen NuGroove Track “Hard for the DJ” zählt er alle DJs auf, mit denen er “down” ist – eine Prozedur, für die er das ganze Stück braucht. Das kann aber auch so laufen wie bei Jovonn, der auf “Back in the Dark” auf Next Moov Traxx erzählt, wie sehr er von seinen Freunden bedrängt wurde, endlich mal wieder einen Track abzuliefern.

Kerri Chandlers Anliegen ist ein anderes. Ihm geht es weniger um Selbstbeweihräucherung, ihm geht es um die Musik, um House. Das Stück Oblivion auf dem englischen Label Soul Heaven zeigt das. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Durchhalteparole, Liebeserklärung und Anklage. Chandler schimpft darauf über House-Produzenten, die R&B produzieren. “You must be lost, trying to follow trends, trying to be somebody else. You can’t lie to the music.” Seine Antwort ist die Rückbesinnung – wie auf seiner letzten EP für Large – die Katalognummer 100 des New Yorker Traditionslabels. Auf der A-Seite pumpt Chandler den Beat von Afrika Bambaataas “Planet Rock” auf und improvisiert ein paar Synthie-Melodien drüber. Auf der B-Seite, “Return 2 Acid”, reichen zwei Piano-Akkorde, eine Acid-Line und ein gesprochener Vokal – “Where were you, when you first heared Acid?” Das war’s. So einfach ist das, wenn man weiß, wie es geht.

Die Phase scheint vorbei, in der Kerri-Chandler-Stücke auf Brazilectro, Buddha Bar, Hed-Kadi-Samplern auftauchten, was zwar für diese Produkte sprach, die sich bei Saturn neben der Kasse türmen, aber nicht für ihn. Natürlich, es gibt auch viele Gospel-hafte, üppig mit Streichern, Pianos und Ergriffenheits-Falsett geschmachtete Garage-Stücke im Backkatalog von Kerri Chandler. Andere Stücke sind sehr jazzy oder sehr latin. Das kann schon mal gefällig klingen, auf jeden Fall ungewohnt für europäische Ohren. Aber der US-House greift eben weit zurück in die Vergangenheit. Und Kerri Chandler wuchs mit viel Musik auf. Sein Vater ist Disco-DJ – sogar noch aktiv: “Der klaut mir immer meine Platten”, beschwert sich der Junior. “Die gefallen ihm ziemlich gut.” Von einem Generationenkonflikt fehlt im Hause Chandler jede Spur, was vielleicht daran liegt, dass Daddy auch in die Gebete eingeschlossen wird, die Kerri Chandler jedes Mal ablegt, bevor er sein Studio betritt: “Ich danke dafür, dass es meinen Freunden, meiner Familie und mir gut geht und dass ich das machen kann, was ich liebe.”

Inspiration schenkt ihm Gott reichlich. Und Annerkennung: Mit “Bar a Thym”, das letztes Jahr auf Nite Grooves erschien, landete Kerri Chandler einen Konsenshit, der in den unterschiedlichsten Sets gespielt wurde. Der Garage-Altmeister zeigt den Post-Punk-Kids, was man alles mit einer Kuhglocke anstellen kann. Wieder einmal bewies Kerri Chandler, dass er von all den New-Jersey-Leuten derjenige ist, den man am besten in Europa spielen kann. Eher als Tony Humphries, Blaze, Michael Watford oder Timmy Regisford. Er übersetzt die Vollmundigkeit des New-Jersey-Sounds eben auch in minimalere House-Spielarten. Dass New York wieder präsenter auf der Landkarte ist, liegt somit auch an Kerri Chandler, der eine vermittelnde Position einnimmt.

Auch nach knapp zwanzig Jahren Produzenten-Karriere bleiben bei Kerri Chandler noch ein paar Wünsche offen: “Jemand, mit dem ich unbedingt mal arbeiten möchte, ist Bill Withers – was für ein hervorragender Storyteller! Neulich habe ich endlich mal was mit Monique Bingham gemacht, eine meiner Lieblingssängerinnen.” Sie werden wohl noch länger, die Listen mit Produktionen, Remixen und Veröffentlichungen. Und vielleicht kommen sogar noch längere Komplimente dazu.

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Elektronische Lebensaspekte.

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