Auf der "WARN-U"-EP wird das Sakrale zur Oberfläche
Text: Michael Aniser aus De:Bug 156

Sie ist der Netart-Gegenentwurf zum Renaissance-Genie. Neben ihrer Tätigkeit als Künstlerin kuratiert sie einen World-Music Blog fürs DIS Magazine und rekontextualisiert im Dauerfeuer. Im September erschien ihre EP “WARN-U” auf Tri Angle Records. Sie selbst nennt es Diet Rave: Techno ohne Beat.

Fatima Al Qadiri kommt ursprünglich aus Kuwait, in dort ansässigen Blogs wird sie inzwischen bereits abfällig die “Kuwaiti Lady Gaga” genannt. Ihr Projekt Ayshay bedeutet übersetzt in etwa “was auch immer” oder “wtf”, womit Al Qadiri ihre Antwort auf diverse Anfeindungen bereits vorkalkulierend formuliert hat. Sie wusste was sie tat, als die heute in New York lebende Al Qadiri sich schiitische und sunnitische A-capella-Gesänge zusammengoogelte und diese dann nachsang und übereinander layerte. Was ungefähr so ist, als würde man in einem nordirischen, katholischen Pub eine protestantische Taufe feiern. Zudem die religiösen A-capella-Gesänge grundsätzlich eine männliche Domäne sind.

Al Qadiri erklärt: “In Kuwait gibt es keine weiblichen Musikproduzenten, Frauen sind dort eher wie Instrumente. Generell hat man es dort nicht so mit Musik, die Leute hätten zwar die Möglichkeit, es gibt ja auch Internet, doch die meisten wollen einfach nur miesen Retorten-Pop hören.” In ihrer emulierten Version dagegen entstehen schwer greifbare, geisterhafte Sound-Flächen, denen man beim Zerfließen zuhören kann. Es scheint sich eine Art sakrale Bühne aufzutun, auf der sich die Muezzin-Plastikgespenster im Kreis drehen. Durch das Mash-Up lösen sich die einzelnen Teile von ihrer spirituell-religösen Grundaussage. Tiefgründiges wird zur simplen Oberfläche und genau das ist es, was Al Qadiris Schaffen so spannend macht: das Entmystifizieren und Rekontextualisieren vermeintlich heiliger Dinge.

MMOr’n’b
Nebenbei kuratiert Al Qadiri für das New Yorker “DIS Magazine” eine Weltmusik-Kolumne namens global.wav. DIS ist nicht wirklich ein Magazin, auch kein richtiger Blog, sondern eher eine rhizomatische Themenmaschine, die durch die geschickte Aufarbeitung jüngster Internet-Geschichte einen visuell gekonnt zwischen hochglänzendem Trash und hochkarätigem Bling changierenden Retrofuturismus und das smarte In-Beziehungsetzen von Mikrotrends die wohl gegenwärtigste Auseinandersetzung mit Popkultur liefert. Wie die titelgebende Vorsilbe dis- schon vermuten lässt, wird munter all das seziert und aufgebrochen, was Mode, Kunst und Kommerz so ausmacht, etwa in einer Fotostrecke über Galerie-Rezeptionistinnen oder einem Artikel über die Verschuldung von Models.

Die global.wav-Kolumne geht dann auch einen Schritt weiter als die vermeintlichen Global-Bass-Kollegen M.I.A. oder Diplo. Denn sie versucht eben nicht Weltmusik auf leicht hörbare Kost herunterzukochen. Al Qadiri setzt nicht bei einfach zu hörenden Sounds an und matscht alles zu funktionierender Tanzmusik zusammen. Statt dem Versuch eine benutzerfreundliche Oberfläche für das “Fremde” zu schaffen, fokussiert Al Qadiri den Quelltext. Ihre Form der Authentizität sucht sie sich dafür bei YouTube zusammen. Denn dort, wo sich Amateur-Art überschlägt, kann sie ihren kulturellen Shift praktizieren. “Je zufälliger die Style-Kombinationen in den Videos anmuten, desto besser. Ich finde es interessant wie sich Trends in verschiedensten Teilen der Welt ausbreiten, die darauf folgende Reinterpretation ist die Basis meines ganzen Schaffens.”

Re-Dance
Al Qadiris Tracks nehmen sich Essentielles, drehen es durch einen tumblr- und Low Culture geschulten Fleischwolf und lachen sich dann ins Fäustchen. “Ich sehe mich eher als Dancemusic-Produzentin, nicht so sehr als höchst experimentelle Musikerin. Das Ayshay-Projekt wird wohl eine einmalige Sache bleiben.” Dafür hat sie bereits ihre nächste Platte am Start. In Genre-Specific Xperience, die im Oktober auf UNO Records erscheint, nimmt sie sich explizit fünf Stile elektronischer Musik – Juke, HipHop, Dubstep, Electro-Tropicalia und Trance – und interpretiert diese in fünf Tracks neu. In Vatican-Vibes beispielsweise überführt sie die in den frühen Neunzigern so populären Samples von Gregorianischen Chorälen in ein zeitgemäßes Outfit. Der Track Hip-Hop Spa driftet langsam-ätherisch über Retro Claps zu mystischem, sphärischem Plüsch-R’n’B. “Der Track heißt so, weil ich irgendwann bemerkt habe, dass er den perfekten Soundtrack für einen Luxus-Spa für reiche Rapper abgibt”, erklärt Al Qadiri.

Global-Breakcore
Nicht zu vergessen natürlich die Rückseite ihrer WARN-U EP, die die Chose dann noch einmal rekontextualisiert und doppelt verneint: Die smarten Global Bass Player nguzunguzu mashen die A-Seite zum melancholischen Breakcore-Übermonster, das zwar hin und wieder aggressiv aufdreht, aber doch vor allem die Ruhe und Klarheit findet, um sich selbst zu hinterfragen. Gegenwärtiger geht im Moment nicht. Schön zu sehen, dass zeitgenössische Weltmusik nicht bei M.I.A. und ihren Dirtstyle Websites aufhört, sondern sich immer wieder die Möglichkeit auftut, alles noch einmal kritischer und durchdachter anzugehen. Aber bitte immer schön eingebettet in Post-R’n’B und hin und wieder ordentlich dicken Beats.

Ayshay, “WARN-U”, ist auf Tri Angle Records erschienen.
Fatima Al Qadiri, “Genre-Specific Xperience”, ist auf Uno Records erschienen.

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