Text: anton waldt aus De:Bug 07

KGB-RITSCH-KLICK Anton Waldt Die lomographische Gesellschaft besteht aus einer Tiroler Pfadfindergruppe mit Dependancen in Yokohama, Kairo & so weiter, die Kultur auf einem ähnlich abstrakten Level verhandelt & verkauft, wie die Derivatenhändler den Dollarkurs & Orangensaftkonzentrat an der Börse. Während Robert C. Merton & Myron S. Scholes den diesjährigen Wirtschafts-Nobelpreis bekamen, weil sie die Risiken des Derivathandels wenigstens berechenbar gemacht haben, gibt es für Phänomene wie die Lomographen bisher keine oder nur unzureichende Erklärungen: Das sollen die 90er sein… Die Lomos haben Johnny Walker als Sponsor & gehen mit dessen Sachleistungen sehr grosszügig um, allein Grund genug sie zu besuchen: Aus den Tiroler Pfadfindern sind Wiener Studenten geworden, die viele Partys feiern & sich merkwürdige Hobbies zulegen: Irgendwann entdecken sie die LOMO Kompakt, eine Ritsch-Klick-Kamera aus russischer Fertigung, die ist billig, macht dank einer speziellen Weitwinkel-Linse prima Farben & ist noch leichter zu bedienen als die japanischen Modelle. Um das Teil ensteht bald ein Kult und die Studenten müssen erst aus Prag, später aus St.Petersburg, rucksäckeweise Lomos nach Wien schmuggeln, um die Nachfrage befriedigen zu können: “Am Anfang haben wir uns aber gar nichts weiter gedacht & an der russisch – ukrainischen Grenze haben die Zöllner die Hälfte der Kameras eingesackt”. Der Rest wird bei einer Fotoausstellung verkauft, die aus 1000en Schnappschüssen besteht, die auf inzwischen standardisierte Lomowände geklebt wurden. Überhaupt “Lomo” wird hier benutzt wie anderswo “schlumpfen”. Dann wird die Sache schon grössenwahnsinniger: Die Studenten machen eine Lomoausstellung mit 10.000 Schnappschüssen aus New York in Moskau und umgekehrt. Es dürfte die erste Vernissage mit Freidrinks in Moskau gewesen sein, die Schlange war 500 Meter lang. Das bringt die Eigendynamik richtig auf Trab: Die Lomowerke in Petersburg bitten um einen Besuch. Es zeigt sich, dass die Lomo ein ziviles Nebenprodukt eines der zehn grössten Kombinate des berüchtigten militärisch industriellenKomplexes ist, das neben Kameras zum Beispiel die Zielvorichtungen für Scud-Raketen baut. Jetzt werden Kameras en Gros gekauft & Dependancen gegründet (weltweit inzwischen 50). Blöd ist nur, dass die Russen nur ihre Restposten verkaufen & die Produktion längst eingestellt haben. Als die Lomographen das merken, gibt es russische Verhandlungen: Wodka saufen & jeden Tag werden die Kameras teurer. In den 40er Jahren war ein gewisser Tschertschinsky Leiter der optischen Abteilung des Kombinats, später hat er dann den KGB gegründet. Um die neuen Preise zu bezahlen und 150 Angestellte in Lohn & Brot zu halten, rotieren die Lomos & die Medien hypen : Ein Artikel im STERN, 1000 Kameras verkauft. Bis heute ist Europa nicht vollständig lomofiziert & Japan & die USA sind die Aufgabe für weitere 10 Jahre. Das Ganze ist natürlich längst Babylon Business, aber die Lomographen bleiben weiter symphatisch grössenwahnsinnig: Ein Piratenfilm soll, ein Lomo-Vietnam-Film wird produziert & erweist sich als komplett unverkäuflich. Das kostet, aber man hat auch die Liga gewechselt, als die Russen wieder mal mit einer Produktionseinstellung drohen, wird in Wien eine Delegation aus Parlamentsabgeordneten & Museumsdirektoren gebildet & in St. Petersburg mit der Staatslimousine zum Bürgermeister gecheckt: Dieser gewährt der Lomoproduktion Steuerfreiheit. Zu dieser kommt es leider nicht mehr, da der Bürgermeister eine Woche später abgewählt wird. Also munter weiter expandiert, inzwischen gibt es Lomo-Reisen & demnächst Lomo-Fernsehen & da die einzelnen Lomobotschaften, ausser was den Kamerahandel angeht, ziemlich autonom arbeiten, könnte uns dieses Kultur-Pyramiden-Spiel noch einiges bescheren, Lomowear oder Lomofood vielleicht. So wird das Ende des Sozialismus in Russland zumindest noch etwas besseres hervorbringen, als die Senkung der Lebenserwartung auf 56 Jahre. Auf Kuba sind die Lomos schon längst. ZITATE Die Lomos haben Johnny Walker als Sponsor & gehen mit dessen Sachleistungen sehr grosszügig um, allein Grund genug sie zu besuchen.

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Elektronische Lebensaspekte.