Khan steht sogar eine weiße Krawatte.
Text: Jan Kage aus De:Bug 112


Khan ist einer der gewieftesten Entertainer der Technowelt. Ihm steht sogar eine weiße Krawatte. Jetzt macht er Discorock, um Weltmusik wieder einen guten Ton zu geben.

Während man in Deutschland den Diskurs um “Integration und Assimilation“ bis zum Schwindel weiter im Kreis dreht, erklärt Khan, keine Heimat zu haben, das auch ganz gut so zu finden, und macht ein Album draus. Im Jahr eins nach Cpt. Comatose, seinem Projekt mit Snax, bringt der Allrounder erst mal ein neues Soloalbum raus.

Khan ist nicht zu fassen. Musikalisch hat er außer Gamelan schon so ziemlich alles produziert, was das Tanzbein bewegt. Örtlich hat er dabei in den letzten zwanzig Jahren unter anderem Spuren in Frankfurt, Köln, New York und Berlin hinterlassen, ohne sich irgendwo auf Dauer häuslich einzurichten. Wer sich mal erschlagen lassen will, guckt sich seine Diskographie auf Discogs an. Diese ist so umfang- wie facettenreich: Techno, Ambient, Elektro, Punk, HipHoppiges – u name it, he did it.

Sein neues Album “Who Never Rests“ trägt dem Rechnung und verbrät sämtliche Einflüsse zu einem kräftigen Popbastard. Als Einstieg frappiert erst mal der “Black Sabbath”-artige Song “Excommunication“ und zerstört jede Erwartungshaltung. Dann ist der Weg frei für einen Spaziergang durch das Stiluniversum, bei dem sich Khan bei allem, was gefällt und einfällt, frei bedient. Ein echtes Album also, das nicht nur Tracks sammelt, um ein Genre zu bedienen, sondern ein Motto, eine untergründige Idee zu haben scheint.

Debug: Was ist denn nun die große Idee zu “Who never rests“?

Khan: So groß ist die Idee gar nicht, das ist sozusagen eine Reise. Und es beschreibt einfach ein Gefühl, was ich für mich total typisch finde und das ich auch bei vielen anderen Leuten sehe: Fernweh und Heimweh gleichzeitig. Ich gehöre zu so einer Generation von Menschen, die genau so drauf sind, die auch so geboren wurden, egal was die für einen Background haben: türkisch-deutsch, türkisch-arabisch, finnisch, schwedisch, grönländisch – was weiß ich. Das ist einfach unsere Gesellschaft, die mehr und mehr so lebt und aufwächst, ohne ein richtiges Zuhause zu haben. Das ist irgendwie eine Suche danach. Als mir klar wurde, dass ich kein Zuhause habe, fand ich das dann auch okay. Das ist jetzt nicht die Message der Platte, aber darum geht es mir und ich finde, das Album drückt das auch aus.“

Wenn die Gesellschaft also globalisiert daherkommt, ist es natürlich nur konsequent, dies auch in der Musik umzusetzen, nicht unbedingt eklektisch einzelne Elemente zu featuren (das “türkische“ Element, das “finnische“ oder das “technoide“), sondern bei der Produktion konsequent alles rauszulassen, was man über die Jahre in sich aufgenommen hat.

Debug: Du hast ja schon Techno, Ambient, Elektro, Punk, HipHop und so weiter gemacht, dir also immer schon diese Freiheiten genommen, dich auf unterschiedliche Weise auszudrücken.

Khan: Ich fand halt, als Techno, die ganze Elektronik losging, das war auch Punkrock. Du setzt dich irgendwie bei dir im Wohnzimmer hin und produzierst eine Platte an einem Tag. Das war total Punkrock, total do it yourself. Ich war das so gewohnt und wollte so Musik machen. Das musste beim Produzieren entstehen.

Debug: Musikalisch ist “Who Never Rests“ doch eigentlich trotz elektronischem Gewand eine Rockplatte, oder?

Khan: Ich finde, da ist ziemlich viel Verschiedenes drin! Das Lied “Strip Down“ zum Beispiel hat Dancehall-Anleihen. Dann sind auch ein paar Disco-Sachen dabei. Ich mag viele verschiedene Sachen und die sind alle da mit drin. Und ich versuche, dem Ganzen meinen eigenen Sound und meinen eigenen Anstrich zu geben, damit es zusammenpasst. Irgendwie Discorock, oder? Neu ist, dass ich alles selber gesungen habe. Auf meinem letzten Soloalbum auf Matador hatte ich noch Gastsänger. Und diesmal habe ich mir gedacht, ich mache das von vorne bis hinten alles selber. Ich hatte noch einen Co-Produzenten, aber es ging mir im Grunde genommen darum, dass ich mich da selber für mich hinstelle. Und dann passiert das auch, dass man seinen eigenen Sound entwickelt. Aber ich bin auch einfach extrem von Leuten inspiriert, die sich ihren eigenen Kosmos gebaut haben, wie zum Beispiel Lee Perry, wo du merkst: OK, der Typ ist ein Musiker, aber der ist gleichzeitig ein Künstler und Spinner und Prophet und was weiß ich. Es ist einfach wichtig, dass man bei diesen Leuten hört, dass deren Leben in der Musik drin steckt. Das ist nicht einfach so: “Öyh, ich mache jetzt Housemusik.“ “Ok, mach mal ein paar Scheiben“, oder so. Du merkst halt, dass alles, was gesagt wird, ob es jetzt der Text oder die Musik ist, dass das der Typ ist. Und darauf kommt es für mich an.
http://www.tomlab.de

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.