Dank Khonnor kann Indietronics begraben werden. Sein Debütalbum "Handwriting" rauscht genüsslich vor sich hin und bringt die ganze Indietronics-Idee noch einmal so auf den Punkt, dass Sascha Kösch ihnen rät, ihre Gitarren sofort zu verbrennen. Eine Liebeserklärung in Moll.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 88

Khonnor
Nostalgisch zerstören

Khonnor ist 17. Vergesst das sofort wieder, vielleicht ist er ja auch 18, wenn ihr das lest, und mit 18 haben viele schon alles hinter sich. Es spielt überhaupt keine Rolle. Khonnor ist kein “Connor Christian Kirby Long”-Wunderkind aus Kanada an der Geige, das mit zarten acht schon beim Borodin Quartett als 5. Rad am Wagen gehandelt wurde. Einfach ein Kid mit einem PC, einer Gitarre, einem Mikrophon und einem Haufen von geklauten (vermuten wir mal) PlugIns, einer vermutlich nur halb rühmlichen Schulgeschichte, aber vor allem einer Menge an Netaudio-Releases in seiner Tasche (bei Pleasedosomething, Monotonik, 8 Bitpeoples etc.) unter einer ganzen Handvoll von Pseudonymen (Grandma, I, Catcus, Bronty the Shynocerous usw.) und vor allem jetzt auch, passend zum Schulabschluss, einem Debut-Album auf Type Records, dessen Master angeblich verloren ging, weshalb das Album auch so undesignt klingen soll. Oder war es doch der Titel, “Handwriting”, der irgendwie zwingend will, dass das Album klingt, als wäre es unterwegs, noch nicht ganz fixiert, immer notwendigerweise unfertig. 2/3 der Stücke werden ausgeblendet, das war bei Khonnor schon immer so. Musik von Khonnor war schon immer eine Skizze, so, wie einem Katzen Mäuse auf die Fensterbank legen.

Weshalb alle doch wieder gerne an Genius glauben würden, wenn sie das erste Mal Khonnor entdeckt haben, hat ganz andere Gründe. Indietronics (das Genre wurde übrigens von Jörg Claasen 1999 gefunden), ihr erinnert euch, war mal eine spannende Erweiterung für IDM, Elektronika und Gitarrenbands gleichzeitig. Nicht einfach ein neues Genre, sondern ein Ort, an dem vieles zusammen kam. Von mir aus auch ein Wohnzimmer, das von Jahr zu Jahr strenger roch und in dem immer mehr absurde Vorschriften galten, ganz wie im richtigen Zuhause. (So ist das eben, wenn die coole Simulation eines Patchwork-Genres einen heimeligen Kontext bekommt.) Und wenn da jemand wie Khonnor reinplatzt und in den Sofaritzen irgendwelche Noisekrümel verstaut, die Familienportraits anmalt und auf dem Wohnzimmerteppich ständig mit dem rauschenden Staubsaugerroboter spielt, anstatt jeden Frühling mal den Lack der Gitarre neu zu wienern, dann werden überall so mupfige Töne des Unbehagens wach, aber eigentlich ist Khonnor auch wiederum so ein Nostalgiker (“… und, was hast du gemacht, als du noch nicht volljährig warst? – Ach, ich war nostalgisch”). Da sagen Leute so peinliche Dinge wie: Er ist ja noch so jung, deshalb rauscht das da so, vielleicht ist auch das Label schuld, oder, am schlimmsten: Wenn der mal ein teures Studio bekommt, dann wird der uns zeigen, was für ein Genie er wirklich ist. Ganz so als wäre Rauschen nicht ein ästhetisches Mittel wie alle anderen oder als müsste man plötzlich wieder gute, ganze, richtige Songs machen. Indietronics ist wie so viele Genres ganz schön schnell zum dümmsten Muckertum verkommen. Und weil Khonnor das Gegenteil davon ist und sich deshalb sowohl leisten kann, ein Drittel der Songs von “Handwriting” in für manche überzogen albernen Effekten aufzulösen, als wären sie ein frisches Alka Selzer, oder eben in Kitschmelodien zu schwelgen, die anderen peinlich sein müssten, sind jetzt alle ganz schön neidisch.

Eine Generation in nur fünf Jahren
Verdammt, das geht schnell. Khonnor ist aber tatsächlich die einzige Hoffnung für Indietronica, weil man hoffen kann, dass nach ihm erstmal alle Schnaussköpfe und Lalipunanis dieser Welt ihre Gitarren verbrennen. Einfach weil sie einsehen, dass sie gegen ihn keine Chance haben. Handwriting ist genau so “wichtig” (ich könnte kotzen, wenn ich so ein Wort benutze, aber ihr wisst, was ich meine) … Ne, streicht den Mist. Mir gehts mit Handwriting wie mit Loveless 1991, jedenfalls zur Hälfte. Ich brauch kein neues Kevin-Shields-Album (um Himmels Willen – nein!), ich bin mit Handwriting mehr als glücklich. (Belinda, tja, das ist ein anderes Thema). Nicht weil Handwriting so etwas sagenhaft genial Neues wäre, nein, sondern weil es ein Ende markiert. Treffender zeigt, was zu Ende ist, als alles andere in diesem “Genre”, das nach Khonnor keins mehr ist. Deshalb ist Handwriting auch so nostalgisch, weil es über etwas hinausgewachsen ist, indem es dessen Endpunkt sein darf. Mindestens die Hälfte der musikalischen Entwicklung, das vergisst man immer wieder, ist nämlich nicht Neues zu produzieren, neue Sounds, neue Genres, neue Strukturen etc., sondern zu zeigen, wo es nicht mehr weitergeht, weil man das Ende gefunden hat, alles so zusammengesurrt hat, dass einem jedes weitere Wort darüber im Hals stecken bleibt. Und diesen Moment so konsequent hinauszuzögern, dass man auch 13 Jahre nach Loveless eigentlich nur knapp daneben landet und trotzdem dabei noch behaupten kann, dass die Geschichte der Musik nicht nur vorwärts kaum linear verläuft, sondern auch an ihren Endpunkten, den Momenten, an denen man vor einem neuen Sprung steht, keinesfalls wie ein Sprungbrett, das man konsequent langgelaufen ist, funktioniert hat, sondern – ich erklär das mal mit der Kirschblüte – die letzte Verästelung gefunden hat, auf der die schönste Blüte direkt neben anderen Blüten ganz anderer Äste liegt, die alle eins gemeinsam haben, zu denken, dass von ihnen aus betrachtet nicht ein Ast zurückführt bis zum, hm, Stamm, an den die Glückskatzen pinkeln, sondern eben alles total verästelt ist, und dann fällt man ab und ist ein Stern, der gefangen werden will und zu dem sich die Japaner ordentlich zur Blütezeit in einem Fest trunken verrauschter Ästhetik-Besessenheit besaufen.

Wir fassen zusammen, das Gute an Khonnor ist, wie präzise kaputt das Rauschen klingt, wie nachlässig die Fadeouts sind, wie schwer man was verstehen kann, wie aus dem mumpfigen Soundbrei heraus alles andere sich von selbst ergibt … Und natürlich der Rest.

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Elektronische Lebensaspekte.