Kid 606 hat nur sich, seine Stimmungen und zwei Powerbooks. Wie der Rest der kalifornischen Intelligent Dance Music auch. Und genau so allergisch reagiert auch er auf diese Genrezuschreibung. Nicht am Genrehaken zappeln, sondern durch die Stile zappen.
Text: thaddeus herrmann | thaddi@debug-digital.de aus De:Bug 49

The Laptop-Wizzard
Kid 606

Kid 606 war immer da, so scheint es zumindest. Irgendwo in Kalifornien saß Miguel Depredo an seinem Rechner, strapazierte seinen AOL-Account und bombardierte Menschen rund um den Erdball mit elektronischen Briefen: “Hallo, hier bin ich und mache Musik. Ich weiß, dass ihr da draußen das auch tut, also hört euch das hier mal an, vielleicht können wir Freunde werden.” Keiner kann heute mehr genau sagen, wann das war, ist auch völlig egal. Irgendwann halt, ungefähr zu diesem Zeitpunkt, als die erste Welle wirklich neuer elektronischer Musik aus den Staaten sich auch in europäische Plattenregale verirrte und rotzig Beachtung forderte. Der Eagle war gelandet und nicht länger Teil der territorialen Verdrängung. Und Kid 606 mittendrin. Mit genug räumlicher Distanz zum europäischen Klüngel und generellem Desinteresse an einem Status Quo einer sich komplett im Fluss befindlichen Musik bretterte Kid respektlos einmal quer durch alles, was auf der anderen Seite des Ozeans mühsam als Genre definiert worden war und längst langweilig vor sich hin dümpelte. Aufholen und selber nachkontrollieren. Was ist dran an Gabba und übersteuerten Breakbeats, und wo kann ich da noch was tun. Im freien Flug durch den Supermarkt der Musikgeschichte. Selbstbedienungssampling. Und warum Dinge, die man ausprobiert hat, nicht auch rausbringen? Interessenten gab und gibt es genug, auf beiden Seiten des Atlantiks. Kid 606 ist eine Kommunikationsmaschine. Du willst einen Track? Bitte sehr. Machst du einen Remix für mich im Austausch? Super, bis bald.

Loving You, Hating Me

Dazwischen, so scheint es, gibt es nichts. Entweder man saugt Kid 606 in sich auf, ist sich bewusst, dass einen jede Platte wieder komplett durchs Universum kicken wird und man gar nicht erst nach logischen Anschlüssen zu suchen braucht, oder man winkt von vornherein ab und disqualifiziert ihn als Copycat und Trittbrettfahrer, der einfach gut zuhört und mal dies, mal jenes ausprobiert. “Bei mir geht es immer hin und her, egal, ob ich zuhause Musik höre oder auf der Bühne stehe”, erzählt Kid 606 kurz vor seinem Auftritt in der Berliner Volksbühne. “Mir macht das selber Angst. Ich wünschte, ich könnte ein reines Technoset spielen oder ein reines Breakbeatset. Aber mir gelingt es nicht. In Amerika werden Menschen, die sich nicht auf ein Fernsehprogramm konzentrieren können, sondern immer nur am zappen sind, mittlerweile im Krankenhaus behandelt, vielleicht ist es bei mir ja dasselbe Phänomen. Ich mache das nicht absichtlich und hoffe, dass die Menschen, die zu den Konzerten kommen, das irgendwie verstehen. Ich bin eben Kid 606 und mache die unterschiedlichsten Dinge.”
Dabei begann alles ganz klassisch, sprich: Billiger Sampler, Vierspurgerät und eine Sammlung von HipHop- und Industrialplatten. Dann kamen die klassischen Techno-Instrumente: “Ich kaufte eine 808, eine 909 und die 303, einfach, um dabei zu sein. Ich wollte ganz spezifische Sounds nachbilden, bis ich merkte, dass es darum gar nicht ging. Dann musste ich plötzlich Jungle machen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich mit Hilfe des Rechners wirklich neue Sounds kreieren konnte.” Dass Kid 606 dabei mal krachig krass, mal verträumt plinkernd und dann plötzlich wieder zurückhaltend collagiert klingt, hat nichts damit zu tun, dass hier jemand seine multiplen Begabungen präsentieren will. “So blöd es auch klingen mag: Die Musik, die ich mache, wird ganz extrem von meinen Gefühlen beeinflusst. Zufriedenheit, Trauer, Fröhlichkeit, Aggression sind die Anknüpfungspunkte im Studio. Wenn ich mit anderen Musikern spreche, fühle ich mich da ziemlich allein. Für sie geht es immer nur um eine spezielle Musikart, die sie zielstrebig verfolgen. Zumindest mir gegenüber geben sie nicht zu, dass Emotionen da mit reinspielen. Bei mir ist es anders. Ich fühle mich so, wie ich mich fühle, und das hört man den jeweiligen Tracks an. Die Gründerväter der elektronischen Musik habe ich ja erst später für mich entdeckt, deshalb kann ich nicht wirklich nachvollziehen, welche Konnotationen die Kompositionen damals hatten, für mich ist das alles nur Sound. Ich kann nun mal nicht verneinen, dass Pop mich beeinflusst hat, mir sind Emotionen in der Musik wichtig, und so baut man sich Schritt für Schritt sein musikalisches Weltbild zusammen. Es geht um Fortschritt, taking the folk out of music, misch es mit Punk, und los geht’s.”

Was bin ich?

Fragt man Kid 606, was das denn nun sei, was er da macht, einerseits ‘Depeche Mode’ zu remixen und andererseits mit ehemaligen ‘Faith No More’-Mitgliedern zu rocken, dann wird es schwierig. Mit der kalifornischen Laptopszene will er nichts zu tun haben, obwohl er mittlerweile zwei Powerbooks auf der Bühne braucht, und auch bei IDM verdreht er, verständlicherweise, die Augen. “Musik in Amerika funktioniert grundlegend anders. Ich treffe dort Leute auf meinen Konzerten, die seit 10 Jahren nur Skinny Puppy gehört haben, für die ist IDM etwas komplett Neues, und wenn sie es so nennen wollen, bitte sehr. Ich werde mir aber bestimmt kein Genre ausdenken. Für mich ist das, was wir tun, Independent, Musik, die eine Alternative zum Output der Majors ist. Besorgniserregend finde ich ganz andere Dinge. Menschen, die jahrelang keine neue Musik gehört haben, mit so etwas zu konfrontieren. Wenn sie meine Tracks als Basis oder Nullpunkt nehmen, wie verrückt werden deren Tracks dann klingen? Wie lange kann man die digitale Schraube noch höher drehen? Alle halbe Jahre werden die Computer doppelt so schnell, nur der Rest der Welt bleibt stehen. Wo soll das alles hinführen? Insofern bin ich froh, dass mein Mille Plateaux Album jetzt ziemlich ruhig geworden ist.” ‘P.S. I love You’, das ist Kid 606 alleine auf Flughäfen und in Hotelzimmern, die erste seiner Platten, mit der er seine Mutter nicht mehr zu Tode erschrecken kann, ein weiterer Abschnitt in der unendlichen Geschichte des Kid 606, eines Menschen, den Technologie schon lange nicht mehr interessiert, der aus der vorhandenen Software das aus seiner Sicht Nützliche adaptiert, weiterhin wie ein Verrückter durch die Welt touren und eine Platte nach der nächsten veröffentlichen wird. Pausieren bedeutet nicht etwa Rückzug von der Musik, sondern das eigene Label, Tigerbeat6, endlich nach vorne zu bringen. Damit die Kids in Kalifornien unter IDM nicht nur Autechre verbuchen.

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Elektronische Lebensaspekte.