Text: heike blümner aus De:Bug 29

Downtempo — Musik der neuen Mitte Kid Loco Die Welt ist oft einfacher gestrickt als ein Topflappen. Die Neue Mitte zum Beispiel hatte mit dem Remix-Album von Kruder & Dorfmeister schon ihren ersten eigenen Soundtrack, bevor sie überhaupt selbst gemerkt hatte, dass es sie gab. Doch schon gegen Ende des Frühjahrs führten standesbewusste Kaffeehaus- und Boutiquenbesitzer rund um den Hackeschen Markt und den Wasserturmplatz die Quote ein: Nur wer pro Tag mindestens zweimal das Album durchlaufen liess, gehörte wirklich dazu. Und die Neue Mitte wäre nicht genau das, wenn nicht alle ihre Partizipanten gnadenlose Overachiever wären, weshalb sich das K&D-Album als Soundteppich über die Innenstadtbezirke legte. Gerade als der Milchkaffee drohte, schal zu werden, brachte Kid Loco “Jesus For Children Under 12 Inches” heraus. Wieder ein Remix-Album, diesmal aus Frankreich, mit so illustren Geremixten wie Pulp, Saint Etienne oder Talvin Singh. Noch songorientierter, süsser und harmonischer als sein Vorgänger im Geiste eroberte es die CD-Player der italienischen Spezialitäten-Läden und hippen Schuhgeschäfte im Sturm. Neue Mitte-Musik ist eben auch Kiffermusik für Leute, die selbstgedrehte Zigaretten ansonsten eklig finden. Doch wer bitte schön ist Kid Loco? Und darf man ihn am Helmut Lang-Schal zur Verantwortung ziehen? Wie fast alle Franzosen, deren Musik in Deutschland als ultrastylish rezipiert wird, ist Kid Loco genau das eben nicht. Freundlich und ein wenig schüchtern ist er. Das gesponserte Carharrt T-Shirt sitzt bei ihm nicht oversized, sondern es ist einfach zu gross. Seine drei Töchter sind sechzehn, vierzehn und neun und finden seine Musik eher uninteressant. Allerdings “könnte ich meine Alben auch meiner Grossmutter vorspielen und sie würde sich nicht gestört fühlen, obwohl es keine Musik für sie ist”, antwortet er auf die brennende Zielgruppenfrage. In Griechenland sei er in den Charts, aber auch die Japaner seien verrückt nach ihm, fügt er fast ein wenig ratlos hinzu. Geplant war das alles nicht. Wie auch, denn in Paris, so Kid Loco, “macht jeder für sich alleine Musik.” Mehr noch: “Wer Musik macht, findet es scheisse, in Clubs zu gehen. Das sind die uncoolsten Orte in ganz Paris, und wenn man wie ich drei Kinder hat, hätte man dazu sowieso keine Zeit, selbst wenn man wollte.” Ein Homeboy mit drei Kindern in Paris, der von sich selbst sagt, er sei Cineast – Mit dieser Vorstellung im Hinterkopf hört sich das erste Album von Kid Loco “A Grand Love Story” von 1997 plausibel an. Er ist derjenige, der das ganz grosse Gefühl, dass jahrelang schmollend in der Ecke sass, in elektronische Musik verpackt. Und da unsere Herzen ja nicht aus Stein sind, liess der Erfolg nicht lange auf sich warten. Dilemma: Was macht man mit einem unerwartet erfolgreichen Künstler, der weder eine Band hat noch DJ ist? Antwort: Es ist einfacher, ein DJ zu sein als auf der Stelle eine Band zu organisieren, um auf Tour zu gehen. “Als ich das erste Mal aufgelegt habe, war das vor tausenden Leuten in Japan und ich konnte überhaupt nicht mixen.” Das war vor zwei Jahren. Auf “A Grand Love Story” folgte als Re-Release das “Kid Loco Blues Project” zusammen mit dem Remix-Album und obendrauf ganz aktuell K7 DJ-Kicks. So geht der Hype spazieren. Aber hey, ist schon ok, der Mann hat in Paris schliesslich eine Familie zu ernähren. Bei Auftritten von DJ Kid Loco kann man es den Franzosen jedoch gleich tun und getrost zu Hause bleiben. Zu sehr klingt das Disco-House-Downtempo-Gemisch nach ambitionierter Abiabschlussparty. Und zu Hause lässt sich dann auch am besten das Selbstgemachte von Kid Loco geniessen. Badewanne, Kerzen und die Neue Mitte kann an ihren Ciabattas zu Grunde gehen. Denn merke: Was sympathisch klingt, muss noch lange nicht sympathisch sein. Oder: Was man nicht will, kann einem trotzdem gefallen…Und Topflappen werden im übrigen gehäkelt. Kid Loco: DJ Kicks erscheint am 18.10. auf K7

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Elektronische Lebensaspekte.