Niemals zuvor habe er solchen Hedonismus und Eskapismus erlebt
Text: Sebastian Eberhard aus De:Bug 167

Unser geplanter Tech-Talk im Studio mit Miguel de Pedro nahm einen unerwarteten Verlauf. Vor fünf Jahren kam er nach Berlin, jetzt flüchtet er, aus einer Stadt, die ihn krank gemacht hat. Sein Album “Lost In The Game” ist ein letztes Zeugnis dieser gescheiterten Beziehung.

Wir hatten ihn etwas aus den Augen verloren, waren in einige seiner letzten Alben nicht so richtig eingetaucht. Jetzt jedoch ändert sich das schlagartig. Kid606 ist zurück. Das ist fast überraschend. Überraschend, weil damit jemand ein so klares, stilsicheres, man ist fast versucht zu sagen “reifes” Elektronika-Album in die Umlaufbahn geschleudert hat, wie man es lange nicht mehr gehört hatte. Und das in einem Genre, das als der klare Verlierer der jüngeren musikalischen Vergangenheit dasteht. Elektronika galt als ausformuliert, time is moving on, wie so oft. Ein Genre, das sich in seiner Hype-Resistenz für die große postmoderne Retromaschinerie nicht wirklich nutzbar machen lassen will, das offenbar dem kollektiven Musikkonsum irgendwie im Weg steht.
Miguel Trost De Pedro aka Kid606, bekannt für seine humorvollen Eskapaden zwischen Glitch, IDM und Breakcore, zugleich Chef seines eigenen Labels Tigerbeat6, ist vor ungefähr fünf Jahren von San Francisco nach Berlin gezogen. Wir wollten ihn in seinem Studio besuchen, über sein wunderbares Album und seine Arbeit im Studio sprechen. Als wir seine Wohnung in Berlin-Kreuzberg, in der auch das Studio untergebracht ist, betreten, sehen wir einige frisch gepackte Umzugskartons und bekommen erstmal T-Shirts aus Restbeständen geschenkt. Warum? Darauf kommen wir noch zu sprechen. Auch darauf, warum das Gespräch gleich in eine ganz andere Richtung abbiegt. Kein Eingraben in Schaltkreise, frischen Code neuer PlugIns, die besten Kabel an den besten Buchsen. Es geht um die Welt vor Miguels Haustür und die Stadt, in der das Haus steht, hinter dessen Tür er wohnt: Berlin. Denn tatsächlich ist Kid606, wie er selbst freimütig erzählt, einer der ersten bekennenden Berlin-Flüchtlinge der hoch gefeierten internationalen Jugendmusikfestspiele. Kein hierher Flüchtender, sondern einer, der wieder abhaut. Schnauze voll wie man hier so gerne sagt und den Karton mit den restlichen T-Shirts mit “Tigerbeat”-Aufdruck kann und will er nicht mitnehmen, sie müssen vorher verschenkt werden.

Leaving America
Vielleicht haben zuletzt die beiden Betreiber des Berliner Clubs Golden Gate die These zu Berlin am deutlichsten zugespitzt, als sie anlässlich ihres 10-jährigen Jubiläums im Interview mit der taz forderten, Feiern sei ein Menschenrecht und erklärten, das Besondere an dieser Berliner Eigenart sei, dass man es tue, um zu sich selbst zu kommen, Ideen zu entwickeln oder einfach nachzudenken. Ein fundamental anderer Ansatz als “Sehen und gesehen werden”. Unter etwas anderen Vorzeichen trifft diese These auch auf den Berlin-Aufenthalt des Amerikaners Kid606 zu, der hier so etwas wie seinen ganz persönlichen Bildungsroman erlebte, an dessen vorläufigem Ende nun sein neues Album in all seiner fabelhaften Ruhe und melodiösen Schönheit glänzt. Schnell denkend und ebenso sprechend erzählt Miguel, wie es zum Umzug nach Berlin gekommen war. Wie die riesige Finanzkrise 2008 ihn und so viele andere in den USA in den Würgegriff nahm. Er hatte sich blenden lassen, als Musiker mit geringem Einkommen ein großes Haus mit einem noch größeren Kredit gekauft. Und wie nach dem Platzen der Immobilienblase seine Nachbarschaft von einer heftigen Kriminalitätswelle durchzogen, Amerika aufgrund der Umstände für ihn zu einem schrecklichen Ort wurde und am Ende sein schnell gefasster Entschluss stand, dem Crash durch einen Umzug nach Berlin aus dem Weg zu gehen, eine der günstigen Berliner Wohnungen zu kaufen und mit wenig Geld in der Stadt zu leben.

Berlin Calling
Die ersten beiden Jahre in Berlin, erläutert er, wären wunderbar gewesen, aber dann hätte die Kombination Berlin und Kid606 schnell einen Riesenhaken bekommen, weil man hier in die komplette Matrix der dauernd lauernden Versuchungen gestöpselt werde. In Kalifornien habe er trotz des endlosen Sommers gelernt, produktiv zu werden. Hier in Berlin scheint es, als ginge im Sommer nie irgendwer wirklich arbeiten, weil draußen die Sonne scheint und man sich besser später im Herbst und Winter seinen Projekten widmen könne. Und wenn er dann da ist der Herbst, der Winter, und es regnet und es dunkel und kalt ist, dann wäre man zum Arbeiten zu krank und deprimiert. In diesem Kreislauf rase einem die Zeit einfach nur so davon. Niemals hätte er sich vorstellen können, dass er von einem Umfeld so leicht zu beeinflussen wäre. Niemals zuvor habe er einen solchen Hedonismus und Eskapismus erlebt. Der Berliner Spielplatz des sorgenfreien Lebens mit Krankenversicherung und “Sozialismus”, wie er sagt, bereitete ihm, der sich in Amerika aus einer armen Gegend mit vielen Einwanderern heraus gekämpft und seine Musik als Flucht vor dieser Herausforderung gemacht hatte, große Probleme. Umgekehrt passe es eben besser zu ihm: “Lieber Probleme mit dem Leben und mit der Musik davor flüchten, als keine Sorgen im Leben zu haben und einen erbitterten Kampf um die Musik zu führen.” Viele seiner Freunde hätten es hier kaum länger als zwei Jahre ausgehalten. Drei wären so eine Art Limit. Er selbst habe sich nie wirklich eingestehen wollen, wie sehr ihm Berlin eine ordentliche Lektion verpasst habe. Für ihn wäre es – ohne dass er sich als Underground-Musiker mit einem DJ-Superstar vergleichen wolle – wie in dem Kalkbrenner-Film gewesen: absolut schrecklich.

Lost In The Game
Der noch junge Berlin-Mythos, mit seiner babylonischen, ewig feiernden, internationalen Jugend, schnappt heftig zu und Kid606 geht sogar so weit zu behaupten, die Hauptbeschäftigung aller hier Anwesenden wäre es nur zu flüchten, zu flüchten und immer wieder zu flüchten. Außer den Berlinern natürlich, die wüssten, wann sie nach Hause gehen müssen und vor allem, wo das denn überhaupt ist, zu Hause. Nachdem ihm das so richtig klar geworden war, stürzte er ab. Mit manischen Depressionen kehrte er sein innerstes, grässlichstes Arschloch nach außen. Diese Fratze hätte fast alles noch schlimmer gemacht. Und dann macht er das Album “Lost In The Game”. Die einzige Sache zu der er damals noch in der Lage war. Mit halber Kraft, weshalb er auch nicht ganz zufrieden ist. Die Platte spiegele nicht komplett das wider, was er im Kopf hatte und auch nicht seine damaligen Lebensumstände. Musik, sagt Miguel, wäre im Idealfall nicht nur eine unmittelbare Reaktion auf die Umgebung, sondern auch immer eine Suche nach dem eigenen Ausdruck. Auf unsere Frage, warum denn das neue Album so klassisch und schlicht daherkommt, erfahren wir, dass genau das seine Absicht war. Die Technologie, von der seine Musik sonst immer angetrieben war, in den Hintergrund zu rücken und trotzdem seinem Credo zu folgen, immer noch das zu bewerkstelligen, was früher undenkbar gewesen wäre. Und dabei nicht nur in die Trickkiste der oberflächlichen Effekthascherei zu greifen, sondern vielmehr tief in der eigenen Persönlichkeit zu suchen und sie zum Ausdruck bringen. “Für mich geht es bei Musik darum verrückt zu sein, den Zuhörer zu isolieren, zu individualisieren, gegen alle Kräfte der Gemeinschaft. Ich mag den individuellen Outsider.”

Gimme Summer
Ja, er gehe jetzt zurück nach Amerika, sagt Kid606, im Dezember, nach L.A. Das Kapitel Berlin sei ein riesiger Fehler gewesen und glücklicherweise beendet, und trotzdem ist er hier gewachsen wie noch nie in seinem Leben. Aber in Kalifornien konnte er früher mindestens einmal im Monat auftreten, das hätte ihm hier immer so gefehlt. In Berlin ließen sich die Leute zwar gerne mit kruder Musik konfrontieren, nur wäre es unmöglich, die alle zur selben Zeit an denselben Ort zu bringen. Es gäbe auch kein Interesse an wirklich anderer, neuer Musik, jenseits des 4/4-Diktats. Diese Erfahrung habe er bei eigenen Labelpartys in Berliner Clubs gesammelt. Einen Egoknacks habe er dabei bekommen, weil es völlig egal gewesen wäre, wer dort gespielt hat. Club vollgepackt, aber nicht wegen Musik oder Künstler sondern wegen des Clubs. Miguel lacht und resümiert: “Du könntest hier wahrscheinlich auch irgendeinen Musikroboter hinstellen, solange der Club eine tolle Lasershow hat.” Ja, das ist so, sagen wir, der Club ist der Star, zum Glück ist die Musik in vielen Läden aber immer noch von hoher Qualität. Und dann bemerken wir wieder, wie sehr Musik seine Herzensangelegenheit ist. Ja, das stimme, erklärt Kid606, aber Berlin sei damit auf dem falschen Weg und die gesamte Entwicklung der letzten Jahre zeige doch vor allem nur, wie sehr alles in der Stadt unter chronischer Unterfinanzierung im Kulturbereich leide. Und das schlage sich auch auf Musik und Lineups nieder. Wenn ein Club eine ganze Nacht auf hat, dann müsse er immer noch günstig genug sein, dass die ganzen Drinks und Drogen mitkonsumiert werden könnten. Es wäre ein riesiges Problem, dass Berlin vor allem nur diesen hedonistischen Drogenausflug anzubieten hätte, der die Touristen anzieht. “Natürlich braucht die Welt gerade deswegen einen Ort wie Berlin,” sagt Kid606 lachend, “aber eigentlich braucht niemand hier zu sein. Und das weiß jeder.”

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Elektronische Lebensaspekte.

7 Responses

  1. bob

    na, am 16.12 ist er ja im Pudel zu Gast, vielleicht gefällts ihm ja an der Elbe besser…

  2. skp

    Das ist schon ganz schön viel Unsinn auf einem Haufen. Wenn der Bauer nicht schwimmen kann ist die Badehose schuld, und wenn ein musizierendes Drogenopfer nichts auf die Reihe kriegt die Krankenversicherung.

    Wie gut, dass er dann in L.A. das nächste Mal dem Nachfolger Mitt Romneys seine Stimme geben kann, um wieder richtiger Musiker sein zu können. Alben mit denen man nicht zufrieden ist bringen andere Künstler nicht raus, ganz andere wiederum schieben das dann auf die Stadt, in der sie sich immerhin eine Wohnung kaufen konnten.

  3. christian

    es ist auch ganz schön viel unsinn dahinter, sofort zu psychologisieren (und dazu noch in der art von küchenpsychologie wie skp sie vorträgt), wenn gesellschaftliche grundpfeiler (in diesem falle die so geliebten hedonistischen) in frage gestellt werden…..da kann man sich nur william gibson anschließen:

    ” “Before you diagnose yourself with depression or low self esteem, first make sure that you are not, in fact, just surrounding yourself with assholes”

  4. unkultur

    Irgendwie hab ich den Eindruck zu Berlin und Musik immer wieder den Plot vom oben erwähnten Kalkbrenner-Film erzählt zu bekommen, siehe auch http://www.nytimes.com/2012/11/25/magazine/in-berlin-you-never-have-to-stop.html?pagewanted=all&_r=0
    Ich hätte ja nichts dagegen, wenn diese teilnehmenden Beobachtungen den Gegenstand (Berlin 2012) beschreiben würden, tun sie aber nicht. Lasershow in Berlin? In welchen Clubs ist der denn unterwegs? Und das Leute nicht wegen der Musik auf Partys gehen würden sondern wegen anderer Gründe ist auch keine mehr so ganz taufrische Behauptung. Und wie üblich: Touristen (blöde), das sind immer die anderen.

  5. johnny b. good

    dear kid, why not moving to afghanistan? life is really tuff there, maybe it will make your music sound more interesting as on your “Lost In The Game” album. the biggest accomplishment of this recording is that it made me realize HOW dead “electronica” really iz …

  6. Tina

    Ningún gloria sin cojones! 😀

    What a massive crap. He lived in this amazing (for many reasons) city and only went to clubs? and the only one he mentiones is the fucked up golden gate? didn’t get into panoramabar or what? 😀 my goodness. spanish pussy 😉 get a grip girl, especially when you have “sozialismus”, which we had and it’s not the same ^^ you have so much time to do so many wonderful things. If Berliners (and oh my god, not only them :D) know when to go home, everyone can know 🙂 oh my…