Der Norweger Kim Hiorthoy ist ein Multitalent: Künstler, Grafiker, Musiker. Am besten macht er immer das, was ihn am wenigsten interessiert. Im Moment Musik. Die ist so kleinteilig obersympathisch, dass man sein Lieblingsspielzeug, dem MPC-Sampler, gar nicht heraushört. Musik für die Krabbelgruppe.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 80

Musik für die Ladies
Kim Hiorthoy

Wann immer Kim Hiorthoy etwas nicht machen will, macht er etwas anderes und irgendwie wird auch immer etwas draus. Er muss nur immer darauf achten, dass es nicht zu wichtig wird. Sonst wird nachher etwas draus, das er nicht mehr machen will.

Kim Hiorthoy, der u.a. beim Gestaltenverlag ein Design-Buch namens “Tree Weekend” rausgebracht hat, war mal Kunststudent. Sinnvollerweise kam er damit nicht klar (“Kunst muss so und so sein, da fühlte ich mich ausgeschlossen”) und fand irgendwo einen Mac, auf dem die ersten Grafikprogramme liefen. Graphic-Design-Kurse gab’s nicht. Er machte ein Artschoolfanzine, was dazu führte, dass er für ein anderes Fanzine Layout machte. So landete er dann als Coverdesigner bei der Indieband Motorpsycho. “Grafikdesign ist im Vergleich zur Kunst eine heile Welt. Es war so befreiend. Das musste dann auch nicht meine Idee sein. Man muss nicht dahinter stehen und sagen: Das ist meine Kunst. Denn es hat einen Gebrauchswert und bezahlt wird man auch noch.” Nebenher machte er Illustrationen für eine regionale Zeitung und landete plötzlich bei einem Kinderbuch als Illustrator. Von Motorpsycho führte ihn ein typisch norwegischer Weg dann zu Rune Grammofon. Helge Sten (aka Deathprod), der bei Motorpsycho spielt, plante eine Improvisationsband namens Supersilent. Rune Grammofon wurde extra für Supersilent gegründet, weil in Norwegen jeder Fan von irgendetwas zu sein scheint, und Helge nahm Kim als Coverdesigner mit. Seitdem macht er jedes Rune Grammofon Cover und ist als Designer mehr als nur ein Geheimtipp.

Helge war es auch, der ihm sagte: Kauf dir eine MPC 2000, das ist ein guter Sampler für dich. “Ich saß dann über ein Jahr dran, bis ich wusste, wie die MPC funktioniert. Weil ich so schlecht in so etwas bin. In Kopenhagen habe ich dann mit ein paar Künstlern zusammengearbeitet und mit einem Mädchen, das gesungen hat. Von der habe ich Loops genommen und damit an einer Konzertserie teilgenommen. Joakim hat das gehört und wollte ein Album von mir. ’Hei’. Musik ist dann schnell zu einem Hobby von mir geworden. Wenn ich nicht gearbeitet habe, saß ich an der MPC.” Für Kim ist ein Hobby eben genau das, worauf man sich konzentrieren sollte. Und ein Idealfall der Produktionsmöglichkeiten. “Es ist für mich jetzt schwieriger, Musik zu machen, seitdem es ein ’Ding’ ist. Wenn alles Arbeit ist, hat man keine Hobbys mehr. Vielleicht werde ich dann sogar noch arrogant und sage: Wenn du meine Musik nicht magst, dann bist du ein Idiot. Zurzeit ist es aber eher so, dass mir jemand sagen muss, ob man das überhaupt rausbringen kann.”
Wenn man ihm sagt, dass seine Musik etwas Naives hat, ist er froh: “Das ist gut. Ich probiere einfach Dinge aus, vorher weiß ich nie, was draus wird.”

Smalltownsupersound, das Label von Joakim Haugland, ist ein nahezu perfekter Nährboden für jemand wie Hiortoy, denn bei Smalltown gibt es kaum Artistverträge, es gibt ja nichtmal Geld. Weder für die Musiker noch für das Label. Rausbringen, schön machen, und trotzdem kann es etwas bewegen. Auch wenn es manchmal länger dauert, wie bei seinem zweiten Album “Melke”. Da Kim sich selbst aber eh nicht als Musiker vorstellen kann (“Ich habe ja schon Mühe, mich mir als irgendetwas vorstellen zu können”), ist ihm das gleich: “Ich hab Schwierigkeiten, mich als irgendetwas zu denken. Die Platte ist immer noch die gleiche Platte. Es fühlt sich gut an.” Smalltownsupersound ist bislang noch eine Art Antithese der Musikindustrie. Für so etwas wie einen Herbert-Mix auf der neuen Jaga Jazzist muss dann eben eine Kollaboration her, wie Ninja Tunes. Und trotzdem folgen in Kürze drei neue EPs von Kim.

Alberner Noise und cheesy Dreitagebärte

Kim Hiortoy, als MPC User, sampelt. Ausschließlich. Mal Dinge, die er selber einspielt, Dinge, die andere eingespielt haben, oder Geräusche. Musik von Platten in Kleinstbauteilen. Zur Zeit hört er viel Singersongwriter/Folk. Davor war New York Freejazzcore Improvisation. John Zorn, Naked City, Bordoms. “Als ich Jung war, war es HipHop. ’3 Feet High and Rising’ war damals die Platte meines Lebens. Mitte der 90er hatte ich eine Mo’Wax-Phase. Shadow, Krush. Ich glaube, das beeinflusst mich schon, aber ich kann ja z.B. keine Gitarre spielen. Ich mache das dann in meiner Weise. Man hat all diese Musik in seinem Kopf und dann kopiert man.” Kopierkultur von der Basis der Erinnerung aus gedacht, mit einem frischen Interface, das die eigene Sperrigkeit bewahrt und dennoch für Ideen durchlässig macht. Irgendwie ist ja alles frei, wenn man nichts spielen kann und eigentlich eher Musik bastelt, als Musiker werden zu wollen. Seinen Glauben an die Zukunft von Musik als etwas, das klingt wie das noch nie Dagewesene, hat er glücklich unter einem Stapel Squarepusher-Maxis begraben. Bis zur Wiederauferstehung, denn selbst Kunst ist für Hiortoy nicht abgelegt, man muss nur einfach warten, bis man es aus einem weniger professionellen Blickwinkel wieder mit Ideen füllen kann.

“Eine der EPs, die bald von mir rauskommt, besteht nur aus Fieldrecordings, man hört eher einen Raum als etwas anderes. Sehr ruhig. Ich hatte die Idee schon länger. Aber hab es nie fertiggebracht. ’Music for the Ladies’ wird sie heißen. (Goodiepal wollte das so.) Ein Hund bellt. Es regnet.” Na, wenn das mal kein Kunstprojekt ist. “Das ist wie eine Rache an Kunst. Ich muss denen einfach etwas zurückgeben. Ich war lange an Noise interessiert. Noise, der eher Richtung Kunst als Richtung Hardcore geht, ist oft so prätentiös, also wollte ich eine alberne Noise-Platte machen. Viele Noisemusiker machen irgendwann ja sehr ruhige Platten. Warum sollte so etwas nicht gleich akustisch sein? Da hat man noch weniger Kontrolle. Außerdem machte es Spaß zu sagen: Ja, ich kann auch Kunst.” Tatsächlich stellt Kim ja auch jetzt noch ab und an mal aus, wo er eigentlich Kunst wieder so machen kann, als wäre es ein Zufall, als wäre er ein Amateur. “Ich kann Kunst aber immer noch nicht ernst nehmen.”

Das Letzte, was man von Kim Hiortoys Musik erwarten würde, ist, dass sie auf einer MPC entstanden ist, sympathische, kleinteilige, melodiöse, leicht indiehafte Musik mit etwas zerbrechlichem Charme, der eher so klingt, als hätte er einen ganzen Spielzeugpark voller Kleinstinstrumente zu Hause. Dass er im Kreuzberger Reichenbergerstraßen-Künstlerghetto wohnt (Blechdom, Lidell, Mocky, Oye etc.), hätte man ja auch nicht erwartet. “Ich liebe meine MPC. Ich hab schon versucht, mit einem Computer Musik zu machen. Aber mit der MPC kann man eher spielen. Eigentlich ist der Rest ja auf einem Computer gleich: kopieren, samplen, aber irgendwie liegt mir die MPC jetzt. Ich benutze sie auch oft wie ein Multirack. Und live funktioniert sie auch. Da bin ich allerdings fast ein Houseact, nahezu cheesy, meine Musik ist sonst einfach zu leise. Und wenn man irgendwo spielt mit der Vorstellung: Ich zeige jetzt mal all meine Gefühle, und alle trinken Bier und schwätzen, dann ist es schon besser, eine Bassdrum zu haben. Da drehen sich sofort alle zu dir und brüllen ‘Yeah!’. Das ist echt netter. Ich bin sogar schonmal so in einem Kunstumfeld vor 10 Leuten aufgetreten, wo das einzige Geräusch im Saal das Kratzen der Bärte war. Sie mochten es.” In Kürze kommt eine Platte mit Livetracks dieser Art, wir sind gespannt und kratzen schon mal jetzt unsere Dreitagebärte in Vorfreude.

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Elektronische Lebensaspekte.

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