Der notorische Sleazer King Britt holt Schwung für sein nächstes Orchesterprojekt: Oldschool Techno auf Albumlänge als Kontemplation und Teaser für die große Sause mit Starlet, Band und Lichtshow.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 105

SEXY-TECH

FUNK, KEINE THEORIE
King Britt macht Detroit-Techno

Am Ende muss es in Philly wohl immer heißen: “I wanna get a girl!” Weil Philadelphia, das ist schwerer Funk, dreckiger Sex-Beat, der auf die Fläche zielt, schwitzende Bläserblocks eben. King Britt kommt aus Philly und am Ende des kurzen Interviews sagt er tatsächlich diesen Satz: “I wanna get a girl!” Zu seiner Diskografie passt das eigentlich prima, aber derzeit hat er sich eindeutig auf den Weg in eine andere Stadt aufgemacht: Das Album “Interpretations” kommt aus Detroit angeploppert und auch der Projekttitel “Nova Dream Sequence” ist 1A-Detroit-Kitsch. Das Entré gestaltet Britt allerdings wieder auf die kultivierte Funktour: 40 Minuten nach dem vereinbarten Interviewtermin und einer Reihe diskret nachklopfenden Hotelmäusen, taucht ein aufgeräumter US-Musik-Pro auf, mental noch freundlich-zerzaust, aber sonst wie aus dem Ei gepellt. Erst mal an der Berliner Sonne und einem Kaffee delektiert, blinzelnd aufwachen und dabei zur Unterhaltung des ausgeschlafenen, aber äußerlich freundlich zerzausten Interviewers eine Portion Souveränität produzieren.

Schläfer Fotografieren
Britt hat tatsächlich und mit Ansage eine historisierende Techno-Platte gebracht, weil ihm das erstens schon seit Ende der 80er vorschwebt, und zweitens war wohl gerade jetzt die Zeit endlich reif dafür: “Machen wir etwas mit den Maschinen oder sind es die Maschinen, die etwas mit uns machen?” fragt sich Herr Britt. Den cheesy Projektnamen hat er stilgezielt mal nachts im Fernsehen aufgeschnappt, irgendwas aus den 60ern, bekannt ist nur, dass der Soundtrack von Tangerine Dream war. Träume spielen überhaupt eine große Rolle. Britt macht permanent Fotos von Schlafenden, an Flughäfen, auf Raves oder im Park, und während seine Sammlung Schlummerfotos wächst, fragt er sich, was die Leute da wohl so träumen. Am Ende war es dann aber doch praktikabler und vermutlich auch Ego-gerechter, einfach die eigenen Träume zu vertonen.

Retro als Anauf
Britts Traum-Beats bewegen sich im gleichen Klangraum wie Hawtins F.U.S.E., aber es nennt sich trotzdem neu, nämlich “Sexy-Tech”. Kommt bei soviel Retro nicht ein bisschen zu viel Übersichtlichkeit auf? Nee!, sagt King Britt. Weil schon die Tatsache, dass er diese Platte gemacht habe, ein fette Überraschung sei. Ursächlich beteiligt am Sexy-Tech scheint derweil Reason zu sein, dass auf der permanenten Tour um die Welt mit Oldschool-Instreumentarium lockt. Und die Verfügbarkeit von Software-Tools ist es auch, die Britt für den aktuellen Innovator hält: Durch Programme wie Garageband müssen sich die Kids nicht mehr groß auskennen und können loopen und mixen, wie sie gerade lustig sind. “Dann geht eben dieser indische Loop gerade gut mit dem Punk-Sample. Cross-Cultur is happening! Da passieren die Happy Accidents. Aber: I´m not here to get all scientific!” Die Nova Dream Sequence-Tour im September macht dann eh Schluss mit Theorie: Mehrere DJs, Laptop, Gitarre, VJ und natürlich Gesang sollen auf die Bühne: “Für die nächsten Tracks will ich eine Sängerinnen, ich mag Frauenstimmen – I wanna get a girl!”

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Elektronische Lebensaspekte.

King Britt hat schon im Kindesalter auf Sun Ras Schoß gesessen und Black Sabbath gehört. Jetzt sitzt er in Philadelphia im Produktionsstuhl und lehnt sich immer tiefer durch die Jahrzehnte nach vorn.
Text: ekrem aydin & Lars Dorsch | cream@wu-tal.de aus De:Bug 49

Keiner klebt wie King Pritt
King Britt

Trotz der unmittelbaren Nachbarschaft zu New York hat Philadelphia, die Stadt unseres Helden, so gut wie gar nichts mit dem Big Apple zu tun. Im Gegenteil: Gerade erlebt der Philly-Sound eine Art Revival und lockt Stars von Rang und Namen in die Studios. Seit Gamble & Huff diesen Sound Ende der Siebziger, der so typisch für die Stadt werden sollte, in die Welt getragen haben, arbeitet jeder mit jedem zusammen und das bis heute. Die daraus erwachsenen heutigen Vertreter heißen The Roots, Jill Scott, Josh Wink, Pete Moss, Wamdue Project und auch King Britt. Alles dort, der Sound, seine Umgebung, die Menschen, die Architektur und vieles mehr fließen in seine Musik ein. Mr. Britt war seines Zeichens großer Anhänger des Soul- und Funksounds, während Mrs. Britt bestens in der Jazzszene bewandert war. Zum gemeinsamen Freundeskreis der beiden gehörten unter anderem Legenden wie Sun Ra, Art Blakey oder Shirley Scott.

Von Sun Ra zu Black Sabbath zu Blondie

Zwar waren die ersten sieben Jahre King Britts erfüllt von der musikalischen Vorliebe der Eltern, doch Gerüchte, dass er auf Sun Ras Schoß das Klavierspielen erlernt hätte, kann er nicht bestätigen. “Ich war doch noch ein Kind, und ich sah all diese Leute zwischen diesen komischen Instrumenten zusammen sitzen und sich über Musik aus anderen Realitäten unterhalten. Bei Sun Ra standen so viele Instrumente, doch ich habe ihn nie darauf spielen sehen.” Ab dem achten Lebensjahr waren es Gruppen wie Black Sabbath, Led Zeppelin und Iron Maiden, die Britts Aufmerksamkeit erregten. Kurz darauf entdeckte er das Radio für sich und damit die Achtziger. Nach ersten Punkrockausflügen waren es Künstler wie Blondie, die ihn begeisterten.

Amerikanische Musik hat mich krank gemacht

Mitte der Achtziger kaufte sich der heute diplomierte Marketingfachmann Britt einen Roland S-10 Sampler und weitere Geräte, um selber Musik zu machen. “Zu der Zeit war ich voll auf dem Electrotrip und ein großer Fan von Leuten wie Art of Noise und Depeche Mode. Allein der Umstand, Trevor Horn zu hören, bewegte mich dazu, Keyboards und Drum Machines zu kaufen.” Während ein späterer Freund mit Namen Jazzy Jeff zusammen mit seinem Partner Fresh Prince (Na, wer kennt “Big Willie” nicht?” Anm. d. Verf.) die High School Parties rockte, gründete King Britt eine Depeche Mode Coverband. “Wir lernten in dieser Zeit einfach das Spielen durch zuhören und nicht nach Noten. Amerikanische Musik hat mich damals krank gemacht. Mit Jazzy Jeff bin ich viel nach New York gefahren, um Leute wie Grandmaster Flash oder Afrika Bambaataa zu sehen, doch das wurde irgendwann sehr langweilig, und wir hielten nach neuen Sachen Ausschau. So kamen wir an Sachen wie 4 A.D. und Colour Box. Das war damals der heiße Scheiß. Im Radio gab es die John Peel-Show aus England, und so sind wir auf Leute wie The Smiths aufmerksam geworden”. In Deutschland waren es Gruppen wie Kraftwerk, Grauzone oder D.A.F., die für ihn zu Musik gewordene “Perfektion” darstellten. “Keinerlei Fehler. Heute setzt Jazzanova diese Tradition fort. Der Grund dafür, dass ich Dixon sehr mag, ist der Umstand, dass ihm diese Perfektion fehlt. Er ist viel roher und hat seinen völlig eigenen Sound. Es ist eine Mixtur aus deutschem und amerikanischem Style. Sehr einfach und doch so groovy. Compost macht ebenfalls sehr gute Sachen.”

Josh Wink

In einem Laden für Bandauftritte der gerade völlig gehypten New Wave Bands traf King Britt irgendwann auf einen Kellner, der nur zum Gläser einsammeln dort war und den er vom sehen her kannte. Auf dem College lernte er ihn dann unter dem Namen Josh Wink kennen. Bevor sie ihr Label Ovum-Records gründeten, aus dem King Britt erst kürzlich wieder ausgestiegen ist, schlossen sie sich zu E-Culture zusammen und veröffentlichten “Tribal Confusion” auf Strictly Rhythm. Die Single wurde zu einer kleinen Hymne, und erstmalig verließ King Britt zusammen mit Josh Wink die Staaten, um in England zu spielen. Josh im Hacienda, King im Brain Club, einem Laden, der für den sehr liberalen Umgang mit “Psychopharmaka” zu weltweiter Berühmtheit gelangen sollte.

Sie sind hier!

Für King Britt waren solche Dinge abgesehen einzelner “Ausflüge” kein wirkliches Thema. Doch bei einem dieser Experimente, bei dem sein Freund und DJ Dozia (seines Zeichens der Neffe von Art Blakey. Anm. d. Verf.) zugegen war, geschah etwas Merkwürdiges. “Ich nahm etwas ein und kam auf einen echten Trip. Das brachte mich dazu, um vier, fünf Uhr morgens die Straße rauf und runter zu rennen und ‘Sie sind hier’ zu rufen. Dozia bekam dies mit und kam sofort herunter, um zu erfahren, was mit mir sei. Ich sagte jedoch immer wieder ‘Sie sind hier’, und er wusste nicht, was ich meinte. Also zog ich ihn um die Ecke zu diesem Donutbäcker und zeigte nur auf das Fenster. Dozia erzählte mir all das Tage später, denn ich konnte mich an gar nichts davon erinnern. Ich zeigte auf die im Ofen aufgehenden Donuts und wiederholte stetig ‘Schau, sie sind hier’. Er half mir danach wieder nach Hause, wo ich sofort nach oben rannte und mich für drei Tage einschloss. Ich aß nichts und verließ das Zimmer nur für den Gang zur Toilette. Nach diesen drei Tagen war ein Song auf meinem Pult. Ich hatte keine Ahnung, wie er dort hin gelangt war, nur dass er von mir sein musste. Ich nannte ihn ‘Where the wild things are’, es war mein erster Scuba-Track. Dozia erzählte ich, ‘Sie’ hätten via Midi mit mir kommuniziert und dass sie von einer Wasserwelt kamen, daher Scuba. Heute kann ich – auch ohne ‘Hilfe’ – zwischen meinen verschiedenen Identitäten wechseln. Ich weiß stets, was ich machen möchte, wenn ich mich ans Produzieren mache.”

Einmal um die ganze Welt

Ein Hit allein macht noch nicht reich. So jobbte King im örtlichen Tower Records. Hier traf er diesen Typen aus Seattle namens Ishmael, der ihm sein Demo vorspielte. Ohne es zu wissen, kam er in den Genuss von Digable Planets Stücken, denn Ishmael war niemand anderes als Butterfly. “Es war… Ich hatte nie zuvor solchen Hip Hop gehört. Das Album, das danach erschien, klang nicht im entferntesten wie dieses Demo. Ursprünglich war alles viel tiefer, DJ Shadow ähnlich und völlig roh. Er hatte alles mit nur einem Gerät aufgenommen und sogar ein völlig abgedrehtes Video dazu gemacht. Er wollte damit bei den Plattenfirmen anklopfen, und ich wünschte ihm viel Glück dafür.” Aufgrund seiner Arbeit mit Josh Wink lehnte Britt Butterflys Angebot, Teil der Band zu werden, zunächst ab. Als die Gruppe mehr und mehr Erfolg auch jenseits des heimischen Kontinents hatte, trat Butterfly erneut an King Britt heran, um ihn als DJ für die Welttournee zu gewinnen. Welttournee! Das klang dann doch zu verlockend. Und nachdem King Britt im Sinne des Kafka-Fans Butterfly seine Verwandlung in Silkworm vollzogen hatte, waren die ersten Stops in Übersee Hamburg und Köln. “Ich ging direkt zu Groove Attack, da ich eine bestimmte Platte von Ramon Morris ‘First come, first serve’ suchte, welche ich für den ‘City’-Remix verwendet habe. Dort lernte ich dann Lars Vegas (Karma) kennen, denn er war der Typ, der mir die Scheibe verkaufte.” Danach ging es um die ganze Welt, daheim wurde ein Grammy gewonnen und man genoss die gemeinsame Zeit. Als die Band kurze Zeit darauf mit der Arbeit zum zweiten Album anfing, verließ Britt das Team. Er hatte bei seinen Aufenthalten rund um den ganzen Globus so unglaublich viele neue Eindrücke gewonnen, die neue Ideen hervor brachten. Eine davon war Sylk 130. “Sylk kommt einfach daher, dass Philadelphia die Seidenstadt ist, die 130 wiederum war unsere damalige Hausnummer.”

Jammin’

“Sylk 130 ist eine Band zusammengestellt aus großartigen Musikern und Gästen. Das ganze ist eine Trilogie, die eine Art musikalische Biographie meiner Einflüsse darstellt.” Der erste Teil der Trilogie hieß dann auch dem persönlichen Werdegang entsprechend “When the funk hits the fan”. Darauf die ersten, so stark durch die Musik der Eltern beeinflussten Sounds. Auch wenn King Britt direkt mit der Arbeit am zweiten Album anfing, verhinderten Schwierigkeiten als Sublabel von Columbia/ Ruff House die unmittelbare Fortsetzung durch die erst Anfang diesen Jahres erschienene “Re-Members Only”. Hier sind ganz klar die Achtziger, die durch Gäste wie Alison Moyet und Martin Fry herausgestellt werden, das Thema. “Für jedes Album habe ich eine Wunschliste. Für das nächste Album ist sie wahrlich riesig… Ich nehme mir diese Liste und rufe diese Leute an, so z.B. Wendy & Lisa (vom Prince-Fame, Anm. d. Verf.) oder Chaka Khan. Leider hat sie gerade etwas mit De La Soul gemacht, und so hat sich das auch erledigt. Außer Jody Watley habe ich so ziemlich jeden bekommen, den ich haben wollte.”

The Future

Während der ganzen Dauer des Interviews weiß King Britt stets durch solche kleine Geschichten zu unterhalten. Sehr nett auch die Geschichte von einer Erykah Badu, die begeistert nach dem gerade vorgetragenen Song “I’ll do it for you”, den Vikter Duplaix für das Re-Members Only-Album aufgenommen hat, fragt und King ihr erzählt, dass er den Song eigentlich für sie geschrieben hatte, jedoch nie etwas von Ihr gehört hätte, worauf hin sie mit ihrem March-Simpson-dimensionierten Kopftuchaufbau davonzuckelte. Überhaupt scheint Britt im Epicenter einer äußerst kreativen Ansammlung von Künstlern zu sitzen. So wird der nächste Teil seiner Sylk 130-Trilogie die Neunziger einfach überspringen und sich mit Leuten wie Björk, Stereolab, Matmos und anderen der Zukunft widmen. Das Line-Up seiner Beatgeneration-Compilation für BBE hat er auch zusammen (ebenfalls in der Reihe erschienen: Jay Dee “Welcome to Detroit” und Pete Rock “Petestramentals”) und wartet nur noch auf das Budget für die Umsetzung. Es wird eine Art Erweiterung der Digable Planets werden, basierend auf einem Buch von Cornell West. Im August soll es dann bereits mit dem Scuba-Album losgehen. Dazwischen jettet er einmal im Monat nach London ins “The End”, in dem er die “Cosmic Lounge” veranstaltet. “Ich lade alle meine Freunde ein, um dort aufzulegen oder zu performen. Der Sound ist sehr kosmisch, spacig und trippy. Es kann alles sein, von House über Jazz bis zu Funk & Soul, doch es muss abgedreht sein.”

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