Bootlegs pumpen in England zur Zeit aus jeder Umkleidekabine. Missy Elliott vs. Nirvana, Outcast vs. Autechre, Public Enemy vs. Dexy's Midnight Runner. Die Majors gucken interessiert zu, reiben sich die Hände und zücken die Scheckbücher. Während Superstar Richard X bei der Virgin unterschrieben hat und mit den Sugarbabes von Null auf Eins ging, treiben sich die anderen Protagonisten in Europa rum. Auch in Berlin.
Text: sven von thülen aus De:Bug 60

Im Lab mit Freelance Hellraiser, Osymyso und Cartel Communique

Die Geister von Bomb the Bass, Coldcut und S-Express wandeln durch die Bedroomstudios unzähliger Kids. “This is how it started. Heard you on the radio. Sayin’ all that crap about how we sample Given examples Think we’ll let you get away with that? You criticize our method of how we make records you said it wasn’t art, so now we’re gonna rip you apart”, singen Stetsasonic freundlich aus einiger Entfernung und Winken. Vor etwa drei Jahren tauchte plötzlich ein Bootleg auf, auf dem Herb Alpert mit den Lyrics von Public Enemys Terminator X gekreuzt wurde, und die wenigen, die diese 7″ ihr eigen nennen durften, tanzten wochenlang mit einem Grinsen durch ihre Wohnungen, so perfekt harmonierten Terminator X und die Tijuana Brass Band. Ein Jahr später sorgte ein Bootleg für Aufregung, der für viele bis heute der vielleicht bestgemachte ist; und Kraftwerk traf Whitney. Verantwortlich dafür zeichnete sich ein gewisser Richard X, der kurze Zeit später die Sugababes mit Gary Numan bekannt machte. Die Idee, ein populäres Accapella mit einem populären Instrumental zu kombinieren, war zwar nicht so wahnsinnig neu, traf aber voll ins Mark und nach und nach wuchs die Bootleggemeinde im Netz in unbekannte Dimensionen. Alles wurde mit allem kombiniert. Je seltsamer die Kombination desto besser das Ergebnis. George Michael mit Missy und Missy mit The Normal. Die Plattenfirma der Sugababes begriff schnell und kaufte sich Richard X samt Idee gleich als Produzenten ein, und in diesem Moment ist das Remake seines Bootlegs “Freak like me” Nummer eins der englischen Charts. Bumm. Der letzte Tropfen, der fehlte, um den neusten Hype, den man gleichzeitig je nach Bedarf medienwirksam mit Copyright- und Musik im Netz-Diskussionen aufpeppen konnte, auszurufen. Da wollte selbst das Sat1-Nachtmagazin nicht hinten anstehen und überraschte mit einer Story kurz vor Mitternacht. Mit Osymyso, der auf seiner 12″ “Introspection” gerade bewiesen hat, dass man 101 Intros sehr wohl funky zusammen cutten kann, dem Freelance Hellraiser, der die Strokes und Christina Aguilera einander vorstellte und den Mike und Jonny von Cartel Communique, die das ganze Bootleg-Konzept im Videoformat kongenial umsetzen, waren vier der Hauptprotagonisten zu einer kurzen musikalischen Achterbahnfahrt in Berlin und plauderten ein wenig über Copyrightfragen, HipHop und warum es nicht reicht, dass Bootlegpartys die besseren Studentenpartys sind.

Jonny: Wir sind sehr überrascht, wie schnell der Hype hierher geschwappt ist, weil es eigentlich auch in London gerade erst richtig angefangen hat.

Freelance Hellraiser: Naja, die Musik, die wir benutzen, ist universelle Popmusik. Hits. Kein special-interest Kram. Deswegen das große Potential, über alle Grenzen hinweg schnell bekannt zu werden.

Debug: Hat sich eure Herangehensweise in den letzten Jahren verändert?
FH: Nein, es ist natürlich einfacher geworden. Aber Roy (Osymyso) und ich machen das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich habe nie über Bootlegs nachgedacht. Für mich war das immer nur Editieren bekannter Tracks. Vor ein paar Jahren hat es eben drei Tage gedauert und heute drei Stunden. Die Geschwindigkeit hat sich wahnsinnig erhöht. Sobald ein Accapella erhältlich ist, gibt es im Netz diverse Bootlegs noch an dem selben Tag. Das Netz ist eigentlich der Hauptmultiplikator.

Debug: Mit welcher Intention habt ihr damals angefangen, Tracks zu editieren?
Osymyso: Ich wollte eigentlich nur ein paar exklusive Tracks für meine DJ-Sets haben. Ich habe nie daran gedacht sie rauszubringen. Es war lediglich meine Art, meine DJ-Sets interessanter zu machen.
FH: Lass uns mal klären, was überhaupt ein Bootleg ist. Immer mehr Musik wird mit dem Label Bootleg versehen. Und meiner Meinung nach ist ein Bootleg ein Accapella über ein Instrumental. Alles andere ist kein Bootleg. Was wir mittlerweile machen und spielen, sind keine Bootlegs.
Osymyso: Was man meistens in Bootlegs hört, sind die Accapellas von R&B- und Hip Hop-Nummern. Heutzutage ist Hip Hop Popmusik. Vor vier, fünf Jahren hättest du ein Accapella über alles mögliche machen können und die Leute hätten es nicht erkannt. Es hätte sie wahrscheinlich nicht interessiert.
FH: Die andere Sache mit HipHop ist, dass es nie das Ziel war, einen populären Song über einen anderen zu legen. Sie haben irgendwelche raren, schwer erhältlichen Samples und Breaks genommen und deswegen würde man das Ganze nie als Bootleg bezeichenen, was es im Endeffekt aber ist. Puff Daddy und Will Smith sind doch die besten Beispiele.

Jonny: So viel zu den “schwer erhältlichen Samples und Breaks”. (Gelächter)

Debug: Wie seht ihr die Copyright Situation? Wächst nicht mit der Popularität die Gefahr, von den Plattenfirmen verklagt zu werden?
Mike: Niemand ist jemals verklagt worden. Die großen Plattenfirmen pressen die Accapella-Versionen doch auf die Maxis, damit z.B. ein Missy Track im Club gespielt wird.

Osymyso: Eine andere Sache mit Bootlegs ist, das die wirklich guten Sachen einfach nach oben gespült werden. Und ein guter Tune ist ein guter Tune, egal ob du es dann Bootleg nennst oder nicht. Richard X hat einen wirklich großartigen Track geschaffen und die Plattenfirma hat es gehört und verstanden und die Idee dann sozusagen von ihm abgekauft. Im Endeffekt zählt, dass so lange du in einem gewissen Rahmen bleibst, dich keine Plattenfirma anpissen wird.

Debug: Aber ist das nicht ein wenig sehr idealistisch?
Jonny: Nein. Die Plattenfirmen sehen momentan eher die Möglichkeit, damit eine Menge Geld zu verdienen. Wir haben schon so viele Anfragen bekommen, Bootlegs von langweilligen unbekannten Songs zu machen, um sie via Bootleg im Endeffekt berühmt zu machen. Das musst du dir mal vorstellen. Die haben echt nichts kapiert.

Mike: Kylies Auftritt bei den Brit Awards hat eigentlich den ganzen Hype losgetreten.

Osymyso: Aber Craig David hat schon letztes Jahr genau dasselbe bei den Brit Awards gemacht. Mit dem Unterschied, dass er einen Pharaoe Monch Track benutzt hat, den natürlich nur eine handvoll HipHop-Heads erkannt haben.

FH: Ich weiß gar nicht, was daran der große Deal sein sollen. Nichts von dem, was wir hier jetzt gesagt haben, wurde nicht schon vor zehn Jahren gesagt, die selben Argumente zu Copyright und Sampling. Alle Jahre wieder kommt ganz einfach ein neuer Name für die Sache auf, und das Ganze wird wieder hochgekocht.

Osymyso: Na ja, es gibt schon Unterschiede. Die ganze “Fuck You”-Haltung und dass Dinge zusammengebracht werden, die eigentlich nicht zusammen gehören. Denk nur an Whitney Houston und Kraftwerk oder 101 Intros in einem Song. Normalerweise funktioniert so etwas nicht, aber wir haben einen Weg gefunden, wie es doch funktioniert.

FH: Ich meine ja auch nur, das es vom Ansatz her das selbe ist. Natürlich hat sich die Technik weiterentwickelt etc. Aber im Endeffekt sind das doch alles nur Permutationen derselben Idee.

Debug: Habt ihr eigentlich Kontakt zu anderen Bootlegern, zum Beispiel den V/VM Leuten?
Mike: Wir haben Videos für sie gemacht und ich liebe ihre Einstellung. Sie sind so hardcore independent. Es ist nicht gerade einfach, mit ihnen zu sprechen. Sie weigern sich zum Beispiel nach London zu kommen. Sie wollen mit der Industrie nichts zu tun haben. Die Hälfte der Sachen, die sie machen, ist unhörbarer Müll, die andere Hälfte sehr cleveres, lustiges Zeug.

Debug: Im Vergleich zu euch sind sie aber schon verdammt anti. Von der gesamten Ästhetik her.
Mike: Na ja, du kannst nicht wirklich dazu tanzen.

FH: Sie haben schon diese Anti-Haltung, die ich zum Beispiel nicht habe. Ich nehme keine Platten, weil ich sie hasse. Ich benutze Teile, die ich mag, und versuche, sie zusammen zu mixen. Manchmal geht es auch darum, aus etwas Schlechtem etwas Gutes zu machen.

Osymyso: Das ist ein guter Punkt. Manche Menschen denken, dass man die Strokes abgrundtief hassen muss, um sie mit Christina Aguilera zu mixen. Aber das stimmt nicht. Ich liebe die Strokes und ich finde auch “Genie in a Bottle” großartig. Ein toller Popsong. Ich könnte nicht mit Sachen arbeiten, die ich nicht mag, nur um Leuten ans Bein zu pissen.

Debug: Wie kam die Idee zu “Cartel Communique”?
Jonny: Wir haben durch unseren Arbeitgeber, den wir natürlich nicht nennen können, Zugang zu einer Menge Material. Wir können auf ziemlich große Archive zurückgreifen. Einige Jahre haben wir MTV-Videos geschnitten. Das war unglaublich langweilig. Bis wir irgendwann angefangen haben, uns zu überlegen, wie man das Material, mit dem wir täglich arbeiten, benutzen kann, um etwas Neues, Cooles zu machen.
Mike: Angefangen hat es dann mit V/Vm. Wir bekamen ein Album von ihnen in die Hände und suchten die ganzen original Popvideos zu den verwursteten Stücken heraus. Das Lustige ist, das V/Vm nicht die Geschwindigkeit der Songs verändert, sondern nur den Sound. Also haben wir die beiden Sachen übereinandergelegt, und so kommt es, dass du Lionel Richie wirklich ehrlich und voller Emotionen singen siehst, seine Stimme aber die von V/Vm verfremdete ist. Das war brilliant. Wir fanden das so witzig, dass wir für ein halbes Jahr nichts anderes gemacht haben als diese Zombie Popvideos.

Jonny: Das Lustige ist doch, dass die Plattenfirmen jetzt schon zu uns kommen, damit wir CutUp-Videos von ihren Artists machen. Die suchen auch hier gerade eher nach einem Weg, damit Geld zu machen, ein kommerzielles Format zu finden, als uns zu verklagen. Wir haben solche Angebote von großen Labels bis jetzt immer abgelehnt. Deren Reaktion war meistens “okay, wir können uns immer noch jemand anderes dafür holen”. Sollen sie es doch versuchen, die haben doch keinen blassen Schimmer.

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Elektronische Lebensaspekte.