Die norwegischen Barden von Kings Of Convenience haben ein neues Album aufgenommen. Dafür mussten Hobbys und anderen Bands zeitweise auf dem Abstellgleis geparkt werden. Und das bei dieser Krise!
Text: Dennis aus De:Bug 136

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Eirik:
Ich finde kaum mehr Musik, die begeistert. Klar, gelegentlich kaufe ich nioch Platten von Künstlern, die ich auf MySpace entdecke, aber sie berühren mich nicht wirklich. Früher war Musik wie eine Delikatesse, ein Luxus, den man sich leistete. Heutzutage aber ist Musik eher wie Sauerstoff, sie ist einfach da. Also genießen wir sie auch nicht mehr so bewusst.

Erlend: Vielleicht ist ein anderer Grund ja auch, dass unsere Herzen einfach voll sind. Unsere sowieso, weil sie schon längst angefüllt sind mit Musik, die wir lieben, und die neuen Sachen klingen einfach zu ähnlich. Aber heute füllen sich die Herzen der Hörer viel schneller.”

Es hat sich so einiges verändert in den fünf Jahren seit dem letzten “Kings of Convenience”-Album “Riot on an Empty Street”. Die Medien- und Musikindustrie befindet sich im Umbruch, die Herzen sind voll, Pop ist ein Hamburger und Krisen wohin man nur schaut. Erlend Øye ist in dieser Zeit mit Whitest Boy Alive zum internationalen Indie-Star avanciert.

Bei den Kings of Convenience ist allerdings, zumindest musikalisch, stetig alles gleich geblieben. “Declaration of Dependence”, das dritte Album des norwegischen Duos, bricht nicht mit Erwartungen. Es ist liebevoller, melodischer, sanfter Gitarrenpop ohne Schlagzeug, wie ihn die beiden Norweger seit ihrem Debüt “Quiet is the new Loud“ pflegen.

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Während die Musik aber äußerst vertraut tönt, hat sich bei Erlend, der neben Kings of Convenience auch als Hipster-DJ und Whitest Boy Alive-Crooner Aufsehen erregte, und Eirik, dem ruhigeren, ernsteren der beiden, über die Jahre doch so einiges verändert. Erlend hat sich von Berlin verabschiedet und Eirik von seinem Job. Sie haben einen kleinen Rollentausch vollzogen: Eirik ist inzwischen nicht mehr der schüchterne Sidekick, sondern erzählt locker Anekdoten und selbstironische Witze darüber, wie er Ashtanga Yoga macht, oder das Bergsteigen für die Musik aufgegeben hat.

Während Erlend, der nerdige Ausgehtyp, genervt von der falschen Artyness des Berliner Clubbetriebs, zurück nach Bergen gegangen ist. “In Berlin gibt es einfach zu viel Entertainment und Kultur”, meint er. “Ich weiß, dass man hart arbeiten muss, um irgendwas zu erreichen. In Berlin genügt es Leuten aber, das Leben eines Künstlers oder Musikers zu inszenieren.

Es gibt halt immer noch einen Kaffee, den man trinken kann und einen Club, in dem es sich viel zu lange zu bleiben lohnt. In Bergen machen die Clubs um halb drei zu. Das Licht geht an und du musst raus und nach Hause.” “Und es regnet”, wirft Eirik ein, “und du bist allein auf der Straße und singst”.

Romantik, Regen, einsame Straßen. Ein Szenario wie gemacht zur Bebilderung ihrer Musik. Nur: Die scheinbare “Echtheit”, das Akustische, Analoge und Naturverbundene, das häufig skandinavischer Popmusik angedichtet wird, täuscht. Kings of Convenience scheren sich keinen Deut um Echtheit im Sinne von Retro-Gehabe.

“Wir benutzen kein analoges Equipment zum Aufnehmen”, so Erlend, “es geht doch nicht darum, auf was du aufnimmst, sondern was du aufnimmst, wie du die Mikrofone benutzt.” Und auch sonst geht es nicht unbedingt um folkige “Trueness”. “Wir haben uns nie wirklich als ‘Folk’ verstanden”, sagt Eirik sobald das F-Wort fällt, “Ich liebe Pop, ich liebe Jazz und elektronische Musik. Folk spielt bei uns keine zentrale Rolle.

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Uns geht es bei der Produktion darum, ein schönes Gefühl zu erzeugen.” So werden etwa bei den Aufnahmen die Mikros weit von den Instrumenten platziert, damit keine Geräusche von kratzenden Nägeln oder scharrenden Saiten zu hören sind. Kings of Convenience schaffen damit etwas sehr un-folkiges: Musik, die von einer perfekten Realität zeugt, ebenso fehlerlos wie die Videos des Duos, in denen selbst Melancholie wundervoll choreographiert und fast erstrebenswert wirkt.

Nichts zu spüren von Blockhütten-Romantik und 8-Spur-Rekordern. “Declaration of Dependence” ist perfekt orchestrierter Pop. “Wenn Leute diese Platte nicht kaufen, machen wir einfach kein neues Album, ich akzeptiere das dann einfach”, so Erlend. Kings of Convenience wollen 200.000 Alben verkaufen, um weiterzumachen.

Vielleicht ein etwas gewagtes Vorhaben, doch Erlend und Eirik zeigen sich optimistisch. Kein Wunder, verkauften sich die Vorgänger doch wie geschnitten Brot. Es scheint, dass sich die Kings of Convenience eine Nische geschaffen haben und damit für eine breite Zuhörerschaft ansprechend bleiben. Es mag daran liegen, dass hier akustischer Pop zelebriert wird, der sich aber im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, nicht als Antwort oder Hommage an alte Helden sieht, sondern für sich allein stehen will.

Umso interessanter, dass die zarten Songs und die Harmonien so oft den ewigen Simon&Garfunkel-Vergleich in den Raum werfen, von dem sich die Kings of Convenience so hart abgrenzen. “Nein…Simon&Garfunkel haben überhaupt keine Rolle für uns gespielt – wir haben die gleiche Musik wie jeder andere Teenager gehört”, winkt Erlend ab. “Es war keine bewusste Entscheidung, sondern einfach die Art und Wesie wie unsere Stimmen harmonierten. Am Ehesten fühle ich mich Jose Gonzales nahe wenn er etwa Massive Attack covert.”

Die Kings of Convenience nehmen die Harmonien, den Sound vergangener Tage und bereiten ihn neu auf für ein modernes Publikum. “So wird Kunst erneuert.”, sagt Eirik. “Du nimmst etwas Altes und machst es wieder frisch.” Erlend und Eirik wollen keine Nachfolger sein, nicht die letzten Tropfen Ruhm einer längst vergangenen, mystifizierten Zeit abkriegen.

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Die Ähnlichkeit der Stimmen, die Spielweise: “Alles Zufall“, sagt Erlend schmunzelnd. “Eirik und ich haben früher gemeinsam in der Band Skog gespielt und auf norwegisch gesungen. Irgendwann fragte uns jemand, ob wir nicht ein Joy Division Cover machen wollten. Wir kannten Joy Division damals aber gar nicht. Wir hörten uns also ein paar Songs an, suchten einen passenden aus und spielten ihn ein. Auf Englisch harmonierten dann plötzlich unsere Stimmen. Und selbst da sagten Leute, dass wir klingen wie Simon & Garfunkel, die Joy Division covern.“

Für den Moment bleibt aber alles offen: der Erfolg der Platte, Eiriks Yoga-Karriere, die Zukunft der Band. Eirik und Erlend löffeln lieber eine “pretty bitter damn good”-mäßige Suppe, freuen sich über Leute, die für ihren Sound “morden würden”, und regen sich über die Fragen zum Album auf.

“Alle fragen nach der Bedeutung des Titels,” seufzt Eirik. “Nächstes Mal suchen wir uns lieber was völlig Bedeutungsloses aus.” Wir schlagen den immer wieder guten Aschenbecher vor, das kreisrunde Ding, das man immer seltener sieht. “Ashtray … darüber muss ich mir mal Gedanken machen.”

Kings of Convenience, Declaraation of dependence, ist auf EMI erschienen.
http://www.kingsofconvenience.com

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Elektronische Lebensaspekte.

5 Responses

  1. Murath

    YEEEAAAH ihr seid voll astronomisches Fernrohr!!!!!!!!