Kann alles, kickt immer
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 175

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Bulgarien war ein Dancefloor-Niemandsland. Bis Kink auf den Plan trat. Jeder Track von Strahil Velchev ist ein Hit. Sie gehen nahtlos in den eigenen Körper über, schreiben sich ein und werden auch in Zukunft noch genau so frisch und wichtig sein. Aber warum?

Natürlich begann Kinks Karriere in elektronischer Musik wie bei vielen: die Rave-Tapes der frühen 90er, Breakbeats und Techno gemischt in friedlichem Nebeneinander, Prodigy, Beltram, LFO – pure Euphorie ohne Genregrenzen. One Nation, das stimmte selten so sehr wie in diesen wenigen Jahren. Davon zehrt er heute noch, auch wenn man ihn vor allem von seinen wuchtig-housigen, manchmal leicht in Richtung Acid driftenden Tracks kennt, seinen Kollaborationen mit Neville Watson beispielsweise.

Kink, das kann man ständig auf YouTube sehen, ist ein Wizard. Spielt Keyboards mit links, scheint alles live zu arrangieren, oder kann es jedenfalls, zückt auch gerne bei seinen Livesets das Keyboard für unwahrscheinliche Soli. Studio, Live, das scheint für ihn nur ein marginaler Unterschied zu sein. Alles wächst aus diesen Jams, in denen er gerne mit einfachen Maschinen (Kink ist kein digitaler Frickler) herumexperimentiert, später dann werden diese Ideen zu Tracks. Der Prozess seiner Musik ist so offen wie bei wenigen. Manchmal kann man den Hits bei ihrer Entstehung fast zusehen. Alles nähert sich dieser “Echtheit” früher House-Produktionen. Man hat den Eindruck: Hier wird nichts simuliert, emuliert, erinnert, nachprogrammiert und sonst wie in nostalgischer Weise empfunden. Kink lebt die Oldschool, wenn Oldschool heißt, immer etwas Neues zu wagen. Das oft auf analoge Kisten beschränkte Equipment, das im Laufe der Zeit immer mehr wurde, ist kein Zwang. Aber der spielerische Umgang damit ist zentral.

“Ich liebe den Sound klassischer Drummachines, die Roland-Serie. Und Breakbeats aus den 70ern. Eine ‘arme’ Palette, weitgehend ohne Sample-CDs. Aber weniger Tools und Quellen machen mich einfach kreativer.” Natürlich erfindet er Live-Tracks, verwandelt sein Material in völlig Neues, dekonstruiert die Elemente bis zur Unkenntlichkeit und wagt etwas. Keines seiner Sets gleicht einem anderen. Nichts ist vorbestimmt, außer der groben Linie. “Egal ob live oder als DJ, ich liebe es, das Equipment zu ‘missbrauchen’, Risiken einzugehen, die Tools, die mir zur Verfügung stehen, in merkwürdigen Zusammenhängen zu nutzen.”

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Dancefloor jenseits vom Dancefloor
Und dabei ist er verflixt wandelbar. Mal klingt er wie der frühe Aphex Twin, mal wie eine Jack-Legende, mal wie ein vergessener Breakbeat-Hit. Sein kommendes Album, das sich seit Ewigkeiten aufgrund der endlosen Bookings weltweit immer weiter nach hinten schiebt, wird sich dann auch noch weiter vom Dancefloor entfernen. So jedenfalls der Plan. Bei Kink wächst zusammen, was für diese Generation immer schon zusammen gehört hat, aber über Jahrzehnte in getrennten Lagern stattfand. Und selbst heute noch oft – auch wenn man nach den Kollaborationen von Bass und Techno vor Jahren schon eine neue Offenheit gelernt zu haben scheint – kaum Berührungspunkte hat, außer unter den Liebhabern. Seine Breakbeat-Tracks funktionieren sogar mitten in House-Sets der noch so fundamentalen Art, sie sind längst stilbildend geworden und selbst Teil einer ganzen Szene von neuen Produzenten. Mit einem Half-Time-Break und Tempi-Wechsel bringt Kink selbst die stampfigste Crowd zum swingen. Seine Kollaborationen mit Rachel Row machen Live-Gesang endlich wieder floorfähig.

Obwohl Kink mittlerweile Remixe am Fließband zu machen scheint, ist die Energie seiner Tracks ungebrochen. Er verwandelt eigentlich alles in seinen Sound und bringt trotz des enormen Outputs ständig überraschende Live-Session-Videos, in denen er mit Plattenspieler, Gesang, Space-Echos oder sonstigen kleinen Kisten experimentiert. Kink ist ansteckend. Egal ob er mit Rachel Row, Marc Romboy, Catz’n’Dogs, Sierra Sam oder Neville Watson zusammenarbeitet. Sein Sound scheint jeden mitzureißen und zu Höchstform anzustacheln. Hoffen wir, dass es ihm in Zukunft nicht wie vielen anderen ergeht, deren Zeit für Produktionen unter der enormen Menge an Live- und DJ-Gigs leidet. Denn nichts braucht der Dancefloor mehr als die wilde Energie von Kink-Tracks.

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Elektronische Lebensaspekte.