Die Future Cinema-Ausstellung im Karlsruher ZKM will den alternativen Diskurs zur Zukunft des Kinos angehen – und stellt nur die Fragen, die Hollywood zurzeit zu beantworten versucht. Die allerdings dann in alle möglichen Richtungen.
Text: Oliver Köhler aus De:Bug 68

Es sind paradoxe Zeiten: Auf der einen Seite gibt es eine Medienvielfalt wie nie zuvor, auf der anderen Seite ragt aus dieser Vielfalt eines hervor wie der Monolith in “2001 – Eine Weltraum Odyssee”: Das KINO. Es kann scheinbar kommen, was will, irgendwie lockt uns Hollywood immer wieder aus unseren voll ausgerüsteten Heimunterhaltungszellen heraus und rein in die Kinoplexe. Bar jeder ökonomischen Logik können wir nicht die Finger davon lassen: 15 bis 20 Euro sind doch auch okay für einen Monstertopf Gen-manipuliertes Popcorn, eine Dreiviertelstunde Fitness Studio Werbung und zwei Stunden meist banalstem Kino-Entertainment. Was will man mehr? Eine ganze Menge, glauben zumindest die Kuratoren Jeffrey Shaw und Peter Weibel. Interaktivität, aufwendige, außerirdische Projektionsflächen und neue erzähltechnische Features sind die Stichpunkte, unter denen die beiden ihre laufende Ausstellung “Future Cinema – The Cinematic Imaginary after Film” im Karlsruher ZKM zusammengestellt haben. Was sie sich mit ihrer Ausstellung erlauben, ist die alternative Thematisierung einer Reform des Kinos: Fernab von Hollywood und trotzdem unter Berücksichtigung der heute gegebenen Produktions-, Vertriebs- und Rezeptionsfaktoren. Als Kunstausstellung konzipiert, nicht als reines Film Festival, erlauben sie sich ebenfalls eine große Freiheit bei der Auswahl an Künstlern, Theoretikern und Theorien aus den alten analogen und neuen digitalen Kinoschulen.

Kino reformieren?
Alles schön und gut, nur sind wir noch nicht an der ersten Frage vorbeigekommen: Ob wir diese neuen Theorien brauchen? Wie wir 2002 gesehen haben, war es eindeutig das Jahr der Blockbuster wie Spiderman oder eben besagtem Lord of the Rings. Überleg einfach mal, wie oft der Satz “Das muss man auf der großen Leinwand sehen” gefallen ist. Wo ist also das Problem? Sind das alles nur Verdruss-Erscheinungsformen nach zu vielen Quicktime-Dateien? Erleben wir die letzten Wehen eines sterbenden Medien-Dinosauriers? Ganz zu Unrecht äußern Shaw und Weibel ihre Reform Annahme nicht: Trotz Hochkonjunktur zerfleischt sich die Traumfabrik Hollywood gerade selber. Mit der digitalen Revolution stehen neue Zeiten und neue Regeln in Hollywood an. Nur fordern die weit reichenden Entwicklungen die Frage heraus, ob das der Anfang oder das Ende des cineastischen Umbruchs bedeutet? Wenn wir Weibel und Shaw Glauben schenken mögen, dann birgt die Zukunft des Kinos – was Projektion, Produktion, Interaktion und letzten Endes Narration betrifft – noch einige grundlegende Veränderungen.

Das Imax Paradigma – Endlose Projektionsflächen
Zum Thema Rave hat mal einer gesagt: Bei Rock-Konzerten gucken alle in die eine Richtung nach vorne, bei Raves, dagegen, schaut sich das Publikum gegenseitig an. Ähnlich verhält es sich mit dem Unterschied zwischen Classic Cinema und Future Cinema: Auf dem Weg ins ZKM ist auf der linken Seite ein Kinoplex. Außerhalb des Gebäudes steht einer der Kinosäle auf Stelzen und sieht aus wie ein riesiger Silberwal, eine Art Leviathan des Kinos. Der Rumpf deutet auf die absteigenden Sitzreihen mit gleichgeschaltetem Blick nach vorne. Beim Betreten der FutureCinema Ausstellungsräume tauchen viele Kinosaalformen auf – riesige Kugeln, Kisten und gefächerte Leinwände. In diesen Projektionskonzepten der Zukunft wird das Auge nicht auf ein Punkt gerichtet, sondern wird zum Multitasking herausgefordert. Das fängt mit den auf zwei oder drei Projektionen aufgeteilten Leinwänden von Eija-Liisa Ahtila oder Isaac Julien an und findet seine Vollendung in dem Werk “Pedestrian” (2002) von Paul Kaiser und Shelley Eshkar. Konsequent stellt die Projektion einer 3D-Straßenszene auf den Bürgersteig die Frage, wie weit in Zukunft die Erfahrung des Kino geht. Ganz zu schweigen von der Frage was passiert, wenn sich Fiktion und Realität vollkommen überlappen… Zwischen diesen zwei Polen der gesplitterten und der omnipräsenten Leinwände finden sich jegliche Permutationen. Dreidimensionale narrative Netze, wie in Masaki Fujihatas Installation “Fieldwork@Alsace”, die das zeitliche als auch räumliche Koordinatensystem des Topos mit dem Filmmaterial in Einstimmung bringen. Mini-Kinolounges, wie die in Lev Manovichs Exponat “Soft Cinema”. Eine Kupfer Halbschale, geschaffen von Luc Courchesne, in die der Besucher sein Kopf reinhebt und mit dem Film interagiert. Am nächsten dran an den derzeitigen Hollywood Träumen kommt vermutlich Jean Michel Bruyères “Si Poteris Narrare, Licet”-Installation: In einer riesigen, aufblasbaren Kugel steht ein Joystick zur Auswahl des Projektionsausschnittes. Der Film wird nicht wie in einem nassen iMax-Traum auf die ganze Leinwand projiziert, sondern nur auf ein ca. 2m x 2m Teildetail des Ganzen: Welches, das bestimmen wir und nicht das Studio.

Vom Skript zum Script – Drehbücher aus Code
Dass die Selbstbestimmung in Hollywood nicht nur durch äußere, sondern auch durch interne Faktoren tangiert wird, ist eine Tatsache, die seit Anfang des Millenniums deutlich wird: Waren die Studios noch in den Achtzigern und Neunziger vom Faktor Mensch abhängig, so sind sie inzwischen auf dem besten Wege, clean zu werden. Nicht umsonst machen sich zurzeit Schauspieler um ihre Jobs Sorgen, wenn im Namen des Profits Menschen von der Festplatte dargestellt werden. Das ist erst der Anfang: Nach Auffassung von FutureCinema sollten sich Drehbuchschreiber und Regisseure auch nicht allzu sicher wähnen. Zum einen wird der narrative Zauberstab zunehmend in die Hände der Betrachter gelegt, zum anderen beweist die Ausstellung, dass in Zukunft Filme vollständig von der Festplatte kommen können und nicht erst die drehbuchschreibenden Barton Finks dieser Welt benötigen. Zwar nur eine Handvoll Exponate, doch die haben es in sich: Paul Johnson beispielsweise geht den konsequentesten Weg mit seiner Vision einer filmischen Erzählung, die von drei verschiedenen Videospielen gesteuert wird. In “Red v. 2.0, Green v. 2.0, Blue v. 2.0” wird nicht nur der Programmierer ins Zentrum der Filmmaschinerie gerückt, sondern auch ein Denkanreiz gegeben, inwiefern Videospiele schon die heutige Filmindustrie dominieren und beeinflussen – nicht nur kommerziell, sondern auch inhaltlich. Abgelöst wird selbst der Programmierer aus dem Regiesessel durch Karl Sims’ “Evolved Virtual Creatures” aus dem Jahre 1994. Ursprünglich vermutlich als Reflektion der künstlichen Intelligenz entstanden, äußert das Werk im Kontext des cineastischen Diskurses eine dramatische These: Wir sind jetzt imstande, im Computer Verhaltensformen – und damit auch Erzählstrukturen – zu entwickeln. Dass Regisseure noch eine kleine Schonfrist haben und noch nicht durch Programme ersetzt werden, beweist allerdings Jennifer & Kevin McCoys “Horror Chase”, ein Horrorfilm mit eingebauter Endlosschleife auf der Basis eines Algorithmus. An beliebigen Punkten setzt die Software ein und spielt den Film rückwärts ab, wie eine Art Palindrom. Der Zufall verbietet uns, dieselbe Abspielsequenz mehr als ein einziges Mal zu sehen. Haben wir dann den Film überhaupt gesehen?

Interaktives oder Interpassives Kino?
Muss Kino überhaupt interaktiv werden? Übt das Berieseln von einer Riesenleinwand nicht eine seltene Magie aus? Ist es nicht schlimm genug, wenn sich Leute um die Fernbedienung zanken? Die Vorstellung, die Action im Kinosaal den Zuschauern überlassen zu wollen, ist alles andere als positiv-utopisch. Nehmen wir aber mal Shaw und Weibel beim Wort, so muss es scheinbar kommen: Das interaktive Kino. Eine der simpelsten Varianten wird von Michael Naimark mit seinem Exponat “Be Now Here” präsentiert. Auf einer Drehbühne “fährt” der Zuschauer an Bildern heiliger Stätten vorbei. Im Gegensatz zum Kino, wo andere Zuschauer durch die Inneneinrichtung aus dem Bild ausgeblendet sind, werden Zuschauer zu Darsteller und umgekehrt, je nachdem wo sie sich auf der Drehbühne befinden. Technischer wird es mit den Exponaten, die dem Betrachter direkten Zugang zur Leinwandhandlung gewähren, z.B. “Alpha Wolf” von der Synthetic Characters Group des MIT Media Lab. Oder Maurice Benayouns “So.So.So. (Somebody, Somewhere, Sometime)”, bei dem sich der Betrachter durch ein Maelstrom sämtlicher Alltagsszenen klicken kann. Ganz wird man das Gefühl aber nicht los, eine schicke Videospielinstallation auf großer Leinwand zu durchleben. Zur Frage der Zukunft der Linearität macht sich Christian Ziegler in seinem Werk “66movingimages” wohl dennoch die cleversten Gedanken: Auf eine 11 Meter langen Schiene montiert, lässt sich der Bildschirm hin und her durch die Erzählung schieben. Als Topos wählte Ziegler das Genre des Road Movie komplett mit aufwendig-morphender Landschaft, die beim Stillstand dann filmische Segmente vorführt. Die wirklich wichtige Frage, aber ist, wie viel Unlinearität der Zuschauer akzeptiert. Im Gegensatz zu den vielen verzwirbelten Narrativen der Ausstellung schafft Ziegler es den Faden der Erzählung und die Balance beizubehalten – sowohl für den aktiven als auch passiven Zuschauer. Das Verhältnis von Gucken und Tun bleibt intakt. Das ist nicht in allen interaktiven Exponaten der Fall: Wo Zieglers Werk noch so was wie ein “Kinopublikum” hat, setzen beispielsweise Briefmarken große Webcinema Movies jegliches Massenerlebnis außer Kraft. Obwohl Weibel und Shaw in dem Begleitheft zur Ausstellung erklären, dass gerade die verschiedenen neuen Formen des Vertriebs neue Formen des “kollektiven Films” ermöglichen, stellen solche hochsubjektiven Filmerfahrungen trotzdem noch die Frage: Ob diese Paradigma als FutureCinema bewertet werden können, oder doch nicht nur als FutureFilm?

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Elektronische Lebensaspekte.