”Das Militär. Die Medien. Der Krieg im Irak. Wer schreibt Geschichte?“, fragt plakativ der Flyer zu ”Control Room“. Um objektive Berichterstattung vs. Infotainment geht's lange nicht mehr: Die Doku zerlegt im Irak-Krieg alle Medienseiten vor Ort im Sendestudio, von al-Dschasira bis zum Central Command. Regisseurin Jehane Noujaim war auf der Berlinale.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 81

Medien und der Krieg im Irak / Control Room

Al-Dschasira ist schon lange ein Pieksedorn im Auge der US-Regierung. Nicht erst, seitdem der kleine arabische Nachrichtensender aus dem Zwergstaat Qatar auf der arabischen Halbinsel Auszüge aus Tapes mit Osama bin Laden zeigt. Zum Ausgleich bebombte das US-Militär während des Irak-Krieges letztes Jahr die Sendestation von al-Dschasira in Bagdad. Und auch gleich noch das Palestine Hotel, in dem Journalisten wohnten. Seit Februar sendet jetzt der US-Satellitensender al-Hurra als amerikanische Antwort in arabische Länder, finanziert von der Regierung, für ein gerade gerücktes Bild von Amerika. Al-Dschasira hat auf jeden Fall seinen Ruf weg als Propagandamaschine und Sprachrohr von bin Laden.

Oder nicht?
Jehane Noujaim, Co-Regisseurin der detaillierten Doku ”Startup.com” (USA 2001), ging kurz vor dem Irak-Krieg nach Qatar. Während des Kriegs guckte sie drei Monate lang abwechselnd in der Sendezentrale von al-Dschasira vorbei und nebenan beim Central Command, der Pressestelle des US-Militärs, wo den internationalen Journalisten häppchenweise Infos zugeworfen wurden. Mal abgesehen von den “Embedded Journalists” auf Kutschenfahrt in den Panzern. Für ihren neuen Film “Control Room” filmt Jehane beide Seiten bei der Arbeit und schneidet die Reaktionen in beiden Sendestationen während der Angriffe dramatisch gegeneinander. Dann lässt sie die Journalisten von al-Dschasira und die aus dem US-Pressebüro sich gegenseitig kommentieren. Alle Beteiligten werden beobachtet und dürfen reden, vom Produzenten bei al-Dschasira über die Presseoffiziere bis zu Reportern von CNN und NBC. Ohne begleitendes Voice Over, ganz in der Optik eines Nachrichtensenders mit Info-Balken. Und vor allem mit viel Footage von al-Dschasira. Die senden alles, so scheint es, von Interviews mit George W. Bush und US-Soldaten über Kinder in irakischen Krankenhäusern bis zu völlig verschreckten amerikanischen POWs, denen ein Mikro vor die Nase gehalten wird. “Wir zeigen den Preis des Kriegs”, sagt Sameer Khader im Film, Senior Producer des Senders.

Disneyland in a box
Bei allen Seiten wird klar, dass es nie um sachliche Berichterstattung geht, eher um den Grad und die Dichte an Infotainment. “Easy Information” nennt es die Regisseurin Jehane, generiert im Central Command, “einer Art Disneyland in einer Box, mitten in der Wüste. Die eigentliche Action fand in Bagdad statt. Sogar die Presseoffiziere versuchten herauszufinden, was passierte”, erzählt sie. Das Schlimmste aber war für sie mitzubekommen, wie schnell sich Nachrichten versenden und von neuen ersetzt werden: “Sie bombardierten al-Dschasira, Abu Dhabi und dann das Palestine Hotel innerhalb von fünf Stunden. Im Hotel waren die Journalisten und sie feuerten auf den 16. Stock. Das Militär behauptet, dass das Feuer von der Lobby aus eröffnet wurde. Aber abgesehen von der ganzen Verwirrung und den offenen Fragen fiel einen Tag später die Saddam-Statue und sie marschierten in Bagdad ein. Ab dem Zeitpunkt war alles Vorherige völlig vergessen”, sagt Jehane. Klar, es muss ständig neue und unterhaltsame Infos geben. “Control Room” zeigt oft genug ratlose Journalisten, die mehr herausfinden wollen, aber mit den gezielten Ablenkungsmanövern des Militärs stehen gelassen werden. Und durch selbst auferlegte Zensur nicht mehr zu sagen wagen: Sie alle haben Verträge unterschrieben, dass sie sich nicht offen äußern dürfen. “Oft geht es bei der Berichterstattung um das System. Tom Mintier von CNN kommt von seiner Aufzeichnung und sagt, er kann nicht glauben, dass sie das Wichtigste unter den Tisch fallen lassen. Am Tag des Truppeneinmarsches in Bagdad sprechen alle von der ’Jessica Lynch Story’. Und darüber muss er dann berichten”, sagt Jehane. “Control Room” lief gerade auf dem Sundance Festival. Man könnte jetzt erwarten, dass da einige patriotische Amis ziemlich böse wurden. War aber gar nicht so. Jehane: “Die beste Vorführung war in Utah, mitten in diesem konservativen Staat. Die Leute standen auf und klatschten. Sie sagten, dass sich ihre Realität verschoben hätte.”

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Elektronische Lebensaspekte.