Kritik am Amerikanismus: Ende November laufen zwei Kurzfilme an, die sich mit den Abgründen der USA auseinandersetzen. "Bowling For Columbine" nimmt den Überfall zweier Schüler auf ihre Highschool in Littleton zum Anlass, um die Waffenfixiertheit der Amerikaner in Bildern dokumentarisch für sich sprechen zu lassen. Und in "11' 09' 01 – September 11" drehen elf renommierte Regisseure aus aller Welt 11-minütige Spots, die eine andere Sicht auf die Anschläge des WTC zeigen. Zwei gute Filme.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 66

Kino

Verrückt
September 11 und Bowling For Columbine

Immer wieder wird auf die Anschläge auf das WTC verwiesen, sei‘s bei den Heckenschützen in Washington D.C. oder den Terroristen in Moskau. WTC ist überall und holt selbst die Filmemacher während ihres Drehs ein. So bei Michael Moores exzellenter Doku “Bowling For Columbine” über die Shootings in Littleton, Colorado, wo vor vier Jahren zwei Schüler eine Schule zusammenschossen. Am selben Tag wurde zufälligerweise die größte Bombenoffensive der USA im Kosovo ausgeführt. Aufgeweckt und zynisch stöbert Moore, warum die Amis sich dauernd abknallen müssen. “Sind wir verrückt nach Waffen – oder sind wir nur verrückt?” fragt er und kann vermutlich beides mit einem ”Ja” beantworten. Er belegt beispielsweise, dass friedlichere Nationen sogar die gleichen Voraussetzungen, sprich Waffengesetze haben – aber weniger hysterisch geschürte Angst und geifernde Medienberichte. Auch wenn Moore zwischendurch den moralischen Finger hebt, bleibt er ernsthaft und versucht, den amerikanischen Irrsinn anhand von skurrilen Begebenheiten vor den Kopf zu hauen. Er zögert selber nicht vor Aktionen, wie auf dem Sofa vom verstockten Waffennarr Charlton Heston zu landen, nur um dann rausgeschmissen zu werden. Oder er initiiert eine Kugel-Rücknahmekampagne, bei der zwei Schüler, der eine seit den Shootings querschnittsgelähmt, der andere mit einiger Munition im Körper, der großen Einkaufskette K-Mart die Ammo wiedergeben möchten. Mit dem Medienrummel erreichen sie, dass die Kette in Zukunft keine Patronen für automatische Waffen mehr verkauft.

Kritik am Amerikanismus

Gezielt nimmt die Kurzfilmreihe “11′ 09′ 01 – September 11” die Anschläge auf das WTC zum Anlass, bei der elf international renommierte Regisseure elfminütige Shorts drehen, kompiliert vom französischen Produzent Alain Brigand. Die großteils grandiosen Filme wollen andere Sehweisen des Ereignisses zeigen. Sicher ist Kritik an amerikanischer Politik gerade im Mainstream nicht angesagt, aber ein effektvolles Politisieren von einzelnen Shorts ließ sich auch nicht immer vermeiden.
Die Iranerin Samira Makhmalbaf bringt das Immer-richtig-Argument: “Die Globalisierung beruht vor allem auf der Macht der Bilderwelt.” Die Bilder der einstürzenden Towers waren für sie eindimensional wie Monologe, die eine einseitige Realität vorgeben. Deswegen zeigen sie afghanische Kinder in einem iranischen Flüchtlingslager, die die Steinigung der Tante mehr berührt als ein umfallender Turm. Und überhaupt, was ist ein Tower? 2,5 Millionen Afghanen sind während der letzten 20 Jahre Krieg gestorben, und die wurden nicht in Echtzeit gezeigt, sagt sie. Der Brite Ken Loach: “Die Interpretation dieser Ereignisse wurde von Massenmedien bestimmt, die … den Politikern und den Interessen, die sie vertreten, dienen, und werden von ihnen manipuliert. Das war zu erwarten gewesen. Deswegen muss es auch andere Stimmen geben.” Prost. Auf das Elend im Rest der Welt hinzuweisen, ist legitim und steht nicht als Gegenpol auf der anderen Straßenseite des Ground Zero, ist sicher keine Relativierung des Unglücks. “Die globale Perspektive unseres Films ist deshalb so wichtig, weil sie klar macht, was der Rest der Welt denkt und fühlt”, so Mira Nair aus Indien.
Interessant daran ist, dass die meisten Regisseure auf einem Fragebogen zum Film einen Bruch zwischen dem “davor” und einer Zeit “nach” den Anschlägen ablehnen. Denn warum, wie der Bosnier sagt: “Nach einer Weile dreht sich die Welt einfach weiter, und dann fängt alles wieder von vorne an – leider.” Die Variety wollte das nicht so hinnehmen und warf zwei Filmen, von Youssef Chahine und Ken Loach, Anti-Amerikanismus vor. Nicht ganz zufällig hat sich bisher kein amerikanischer Verleiher für “11′ 09′ 01 – September 11” gefunden.

Parabel

Ein bemerkenswerter Beitrag ist der des Mexikaners Alejandro González, der ungemütlich bedrückend einen Schwarzbildschirm zeigt, unterlegt mit Soundcrashs und Handyanrufen von Passagieren aus den Flugzeugen. Zwischendurch zerhackt mit Sekundenbildern von Angestellten, die sich aus den Türmen stürzen. Der Regisseur/Schauspieler Sean Penn liefert wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, als Amerikaner darauf einzugehen, indem er dem Thema eine skurrile Scheibe abgewinnt und sich auf die kleinen Freuden des Lebens konzentriert: Ein alter Witwer lebt in einer schäbigen Wohnung im Schatten der Türme und trauert jeden Tag um seine Frau, legt liebevoll ihr Kleid zurecht und begießt ihre verdorrten Blumen. Bis ein Turm umfällt und die Sonne wieder durchs Fenster auf die Blumen scheint.
Es geht natürlich auch stilisierter und in Parabeln wie beim japanischen Beitrag von Shohei Imamura. Er erzählt vom Kriegsheimkehrer, der sich nach einem Trauma für eine Schlange hält und von den Dorfbewohnern verjagt wird. Ken Loach dreht den Spieß um und lässt einen Chilenen im Londoner Exil vom 11.September 1973 erzählen, vom Sturz der Regierung Allendes mit Hilfe des CIA und der darauf folgenden Militärdiktatur unter Pinochet. Der ägyptische Regisseur Youssef Chahine arrangiert ein fiktives Treffen mit sich selbst, einem palästinensischen Selbstmordattentäter und einem in Beirut getöteten GI. Idrissa Ouedraogo aus Burkina Faso erzählt von einem kleinen Jungen, der versucht, an das Kopfgeld für Bin Laden ranzukommen, um Medizin für seine Mutter zu kaufen. Der indische Beitrag von Mira Nair entstand nach einem Tatsachenbericht: Nach den Anschlägen verschwand ein junger New Yorker, dessen pakistanische Familie sich bald mit den übelsten Terrorverdächtigungen rumschlagen musste. Bis herauskam, dass der Junge sofort zu den Towers geeilt war und bei den Rettungsarbeiten umkam.

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Elektronische Lebensaspekte.