Die Zitronen on the road. Als Dokumentarfilm. Schorsch Kamerun erzählt.
Text: Christian Meyer aus De:Bug 74

Nach gut 20 Dienstjahren gibt es die Goldenen Zitronen erstmals im Kino zu sehen. Ihre US-Tour als Vorgruppe des schizophrenen und autistischen Musikers Wesley Willis bildet den Rahmen für den Tourfilm “Golden Lemons”. Regisseur Jörg Siepmann begleitete die Band knapp zwei Wochen durch die Provinzstädte des Westen der USA und liefert ein Portrait der Band unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen. Ganz glücklich sind die mit dem Film jedoch nicht. Schorsch Kamerun erläutert warum.

Debug: Wart ihr auf der Tour die verrückten Deutschen, die coolen Deutschen, oder war Irritation eher vorherrschend? Der Film gibt darüber nicht so recht Aufschluss.
SK: Das scheint mir eines der Probleme des Films zu sein. Er ignoriert weitestgehend die kommunikativen Erlebnisse zwischen den Leuten vor Ort und uns – nach, aber auch während der Auftritte. Es gab viele spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten, breit gefächert über Themen aus meist subkulturellen und politischen Breichen, die der Film komplett auslässt.

Debug: Der Film zeigt u.a. auch eure Konflikte untereinander. Wie empfindet ihr diese Offenheit?
SK: Das wäre im Grunde okay mit uns. Wir finden nur, dass der Film Band-Interna sehr populistisch wiedergibt. Außerdem ist das wirklich unverständlich schwach klischiert, wenn man Bilder ausstellt, wo sich Gitarrist und Sänger über zu laute Verstärker streiten. Wen interessiert das noch? Wir haben diese Tournee zu, sagen wir, 50% anders empfunden, als der Film das wieder gibt. Es gab unendlich viele Kontakte, Gespräche, Diskussionen, aber auch diverse persönliche Erlebnisse mit Leuten vor Ort. Stattdessen sieht man massenhaft ästhetisierte Szenen von melancholischen Musikreisenden, die traurig aus dem Tourbus sinnieren. Der Film sollte in dieser Form zumindest nicht so heißen wie die Band. Er ist handwerklich nicht ungelungen, ignoriert aber zu großen Teilen unser Anliegen im Allgemeinen und noch mal mehr im Speziellen die dieser USA-Reise.

Debug: Eindeutige, sichere Zustände interessieren Euch anscheinend nicht. Als deutlich links positionierte politische Punkband tourt Ihr durch die eher konservativen Provinzstädte des US-Amerikanischen Westens. War das eine bewusste Entscheidung für einen Konfrontationskurs?
SK: Es waren schon klar Subkultur- orientierte Umgebungen in denen wir dort aufgetreten sind. Insofern empfanden wir die unmittelbaren Auftrittsorte nicht unbedingt „konservativer“ als ein Kulturzentrum wie „die Fabrik“ in Hamburg- Altona. Konfrontationen durch unser Auftreten waren so vorab erstmal nicht angelegt. Es gab eher ein erstauntes Empfinden über unsere klareren politischen Statements (beispielsweise über den aktuellen Präsidenten), aber niemals eine verärgerte Reaktion. Auch sehen wir unser Amerikabild durch die Interviewfetzen als sehr einseitig negativ wieder gegeben. Wir haben wie die meisten Leute aus unserem direkten Kulturkreis verständlicher Weise ein sehr gemischtes Verhältnis zu den heutigen USA. Einerseits sind auch wir geprägt von allerlei Wunderbarem aus Musik, Literatur, Film etc. Wir haben Freunde und Freundinnen mit US-Pass, die wir lieben und schätzen wie vergleichbare andere aus unserer unmittelbaren Umgebung. Anderseits stehen wir der amerikanischen Gesellschaftsform und ihrem Führungsanspruch selbstverständlich skeptisch gegenüber. Die Verschärfungen nach dem 11. September (z.B, die Durchsetzung des Patriot Act), der Irak- Krieg, sowie arrogantes Sonderbenehmen bei Völkerbeschlüssen oder Umweltabkommen sind inakzeptabel, nur stehen sie nicht für alle Amerikaner. Das ist auch der Grund, warum wir das Touren dort mit Freuden fortsetzten. Das könnten wir nicht wenn die Filmdarstellung Realität wäre, weil er so tut, als würde eine desillusionierte, alternde Rockband völlig exotisch und unpassend durch ein fremdartiges Territorium reisen.

http://www.goldenlemons.de

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Elektronische Lebensaspekte.