In Cannes gab es dafür Palmenwedel: Gus van Sant hat einen Film über das Massaker von Littleton gemacht. Er folgt dem Geschehen allerdings weniger moralisch, sondern vor allem ästhetisch. Das könnte der Geschichte durchaus Luft zum Atmen geben. Doch während der Einsatz der Kamera durchaus gekonnt die Fäden des Geschehens spinnt, bleibt der Film bei der Charakterisierung der Killer ratlos.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 81

Das Massaker von Littleton, Version 0.2 / Gus van Sants “Elephant”

Bei dem Massaker 1999 erschossen zwei Kids an der Columbine High School in Littleton, Colorado, 13 Schüler. Neben Michael Moore und seiner etwas argen Vorführ-Doku “Bowling for Columbine” hat sich auch Gus Van Sant mit einem Kinofilm an den Hergang gemacht. Moore bekam letztes Jahr den Oscar, Van Sant dafür den Kritikerpreis, die Goldene Palme in Cannes. “Elephant” ist aber kein klassischer Spielfilm, er macht daraus eine Art Gedankenschweiftour zum Thema und lässt seine Eindrücke vorbeiziehen wie Wolken im Zeitraffer. Das sieht alles irgendwie toll aus, ohne dass man am Ende wissen will, was es eigentlich sollte.
Van Sant zeigt einen Normalo-Tag an der Schule, aufgeteilt in Einzelhandlungen mehrerer Teens und Angestellter, dazwischen Wolkenbilder als Gliederung: Erst blassblau romantische Zartwölkchen vor den üblichen Alltagsabläufen, gewittrig duster vor dem Shooting, danach aufgeklärt und ausgedünnt, mehr gibt es dann auch nicht zu sagen.

Die Kamera
Was jetzt und eigentlich passiert, ist, wie die Kamera als zentrales Element Situationen einfängt. Auf dem Sportplatz ist sie noch statischer Mittelpunkt, die Kids gruppieren sich und konzentrieren sich um sie rum. Sonst beobachtet die Kamera vorbeilaufende Schüler und folgt einzelnen: Da ist der blonde Junge, der von seinem besoffenen Vater in die Schule gefahren wird. Das zurückgezogene Mädchen, das sich vor den anderen nicht umziehen mag. Die drei aufgebrezelten Chicks, die nach dem Kantinenessen gemeinschaftlich kotzen. Bis zwei schwerbepackte Jungs in Camouflage-Klamotten an der Schule vorfahren. Die Kamera folgt den Figuren, jedem einzeln und nacheinander. Die Szenen wurden mehrmals gedreht, aus mehreren Richtungen. Für jede Figur eine Version, von hinten über dessen Schulter gefilmt. Eine Choreografie, um das Gefühl von Zeitgleichheit zu vermitteln.
Stellen wir uns dazu mal vor, dass die Kamera auf ihrem Weg den Handlungen der Kids folgend Fäden durchs Haus spinnt, um den Tathergang nachzustellen. Von oben auf den Grundriss der Schule besehen, sähe das aus wie ein rotes Fadensystem in einem Minotaurus-Labyrinth. Die Verwicklungen, Überschneidungen und Verhedderungen würden so die Einzelstränge der Geschichte zum anschaulichen Bild machen.
Klar hat der Regisseur wohl weniger an ein Fadenkonzept gedacht, sondern sich an den Einstellungen von Ego-Shootern wie Counter Strike orientiert. Deshalb verwendet er eine Menge Plansequenzen und filmt Gesprächsrunden, indem er die Kamera in die Mitte stellt und einmal um 360 Grad drehen lässt. Wie bei Counter Strike und ähnlichen Games gibt es schließlich fürs Shooting eine subjektive Kamera, mit der sich unten im Bild ein Gewehrlauf auf etwas vorne richtet. Die Ausarbeitung der beiden Shooter ist dann schon ein Knackpunkt des Dramas.

Die Killer
Die eigentlichen Protagonisten, Eric und Alex, werden irgendwann mal eingeschoben. Van Sant hat sich das so vorgestellt: Die gucken Dokus über das 3. Reich, tragen T-Shirts mit dem Wort “Triomph” drauf und küssen sich unter der Dusche. Am morgen vor dem Finale bowlen sie aber nicht, das käme zu uncool. Denn wesentliches Stilelement von “Elephant” sind hip anzusehende Kids, wie damals River Phoenix und Keanu Reeves in “My Own Private Idaho” von 1991. Was nun die beiden Jungs tun und wie sie es tun, wirkt, als hätte man die Personenprofile der beiden einfallslos zusammengesteckt: In seiner Kellerbude spielt der eine, stillere Junge “Für Elise” auf dem Klavier, der andere hängt auf dem Bett ‘rum und daddelt Ego Shooter auf dem Laptop. Bis nicht der Pizzabringdienst klingelt, sondern die Waffenlieferung mit der Post. Nun ja.

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Elektronische Lebensaspekte.