Pixars neues Riesenprjekt "Findet Nemo" gibt Nachhilfe in Vernünftigkeit. Wenn Babyfisch von einem Taucher entführt wird, setzt Papafisch Himmel und Hölle in Bewegung, um ihn wieder zu finden. Was der Traum aller Kinder ist, hat tief auf dem animierten Meeresgrund jede Menge Pixar-typische Sidekicks. Toller Film!
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 76

Ab zum Zahnarzt / Findet Nemo

Ein hochwohliges Lob auf die Produktionsstätte von “Findet Nemo“: PIXAR. Die berühmteste Animationsklitsche ist brillant in der CGI (Computer Generated Imagery), gleichzeitig extrem erfolgreich. Ursprünglich das CGI-Department von Lucasfilm unter Animationsikone John Lasseter, kaufte es Steve Jobs 1986 für 10 Mio. Dollar und gründete das eigenständige “PIXAR“. Zwischenzeitlich und heute wieder ist Jobs gleichzeitig Chef von PIXAR und Apple, von dem ersteres einige Oskars, Golden Globes und mit “Findet Nemo“ bisher mehr als das Vierfache seiner Produktionskosten von 94 Millionen eingespielt hat. Dieser wie jeder seiner raren Filme brauchen leider immer elend lange. Das liegt halt am Entwickeln und Rendern der Figuren mit fettem Fuhrpark für die Kleinrechenarbeit. Feintuning heißt da, eben 12 996 Korallen dreidimensional zu bauen. Das Speziellere ist nun an einem PIXAR Kinder-Erwachsenenfilm, dass er persönlich wird in dem, was er in seinen Geschichten erzählt. “Toy Story”, “Bugs”, “Monster Inc.” waren alle nicht bloß liebenswert knuddelig auf selbstironisch. Der Startpunkt der Story ist vielleicht ein über den Weg gelaufener, diesmal war es, als Regisseur und Autor Andrew Stanton einen Meerespark besuchte. Viel lieber hat er sich an seine Kindheit erinnert und an das Aquarium seines Zahnarztes, bei dem er sich gefragt hat, ob die Fischis da raus möchten und ihr zu Hause vermissen. Ein Produkt aus dem Studio macht aber vor allem aus, zielgenau Charaktertypen wieder zu geben und Verhalten und Üblichsituationen aus dem Alltag eine Ebene weiter zu schieben. Wie beim Puppentheater, bei dem man sich wieder erkennt und über sich lachen kann, weil die Puppenform die Kritik niedlich empfänglich aufweicht, statt direkt zu konfrontieren. PIXAR-Animationen funktionieren zwar wie alle anderen, bei denen auf dem offensichtlichen Level vorne Entertainment für die Kids steht, drüber werden aber Zitate reingestopft und Seitenkicks. Selbst die Zielgruppe der Teens bekommen sie spätestens mit dem Schnucki Robbie Williams. Der hat ein Herz für Fische und ist beim Soundtrack dabei.

Vegi, anyone?
Außerdem: Wie schön, dass bei der Animationshandlung wieder der Weg das Ziel sein muss. Es gibt das Abenteuer und die Chance auf ein ordentliches Durchgerüttelt-Werden: Papa Clownfisch und Sohn Nemo leben in einer Anemone im australischen Great Barrier Reef. Beim ersten Schultag wird Nemo von einem Taucher gefangen und landet im Aquarium einer Zahnarztpraxis in Sydney. Da soll er das nächste Geburtstagsgeschenk der Nichte auf Gedeih und Verderb werden. Gottseidank arbeiten die schrulli Aquarium-Insassen schon Fluchtpläne aus. Derweil reißt sich der Papi zusammen und macht sich auf die Suche nach Nemo, begleitet von einer Doktorfisch-Miss, die an Gedächtnisschwund leidet. Praktisch, weil sie immer gleich vergisst, dass er ihr gerade mit seiner Verzagtheit auf die Nerven gegangen ist. Jeder hat so seine Macke, das geht noch weiter: Unterwegs treffen sie auf eine Haifraktion, die in der Selbsthilfegruppe vom Fisch-Essen wegkommen will. Man kann sich verbiegen, aber nur, bis in der Praxis das Futter vor der Nase schwimmt. Man arbeitet wenigstens dran.
“Findet Nemo” gibt Nachhilfe in Vernünftigkeit. Es hängt davon ab, wie weit man sich in Richtung Selbstakzeptanz bewegen kann. Das kleine Clownfischchen hat nämlich eine verkrüppelte linke Flosse und ist vom Papa konditioniert auf das Dauerbewusstmachen seiner Unzulänglichkeit. Und dann, wie weit man seine Ängste überholt wie der Clownfisch-Daddy. Die Mutter hatte Nemo vor der Geburt verloren, Vater und Sohn schleppen seitdem ihr Trauma mit. Nun ist der Clownfisch-Papa überängstlich, überprotektionierend und will seinen Kleinen vor allem bewahren – und letztendlich allem vorenthalten. Man sieht, es geht um normal Eingemachtes in farbenfroher Unterwasserflora, was selbst die deutsche Synchro ausnahmsweise nicht kaputt machen kann. Auch wenn das Duo Erkan & Stefan als Haie Hammer & Hart in der Position einer neu gegründeten Vegi-Fraktion krass rumnölen.

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Elektronische Lebensaspekte.