Das Spielen, das Laufenlassen ist alles in diesem Film. Der Improv-Film "Jeans" von Nicolette Krebitz schaut neugierig im wilden Leben nach, ob immer noch was anderes geht, und sammelt dabei zugezogene Berliner Szene-Gestalten ein, um die eine Geschichte mit schlichten Anforderungen an Mädchen herumgesponnen wird. Jeans eben.
Text: Thomas Khurana aus De:Bug 65

“Oschi, morgen wird Nina angerufen, und dann – – der Sommer ist nämlich noch lang nicht vorbei, das ist der Punkt”, sagt Rainald (Rainald Goetz) zu Oskar (Oskar Melzer), nachdem der Abspann abgelaufen ist und das Bild schon nichts mehr zeigt außer schwarz. Das ist nicht ganz unbezeichnend für diesen Film, der zwei Dinge in jeder Sekunde will: 1. möglichst viel Spielraum, Offenheit, ein Gefühl, dass immer noch nicht Schluss ist, dass irgendwo noch was geht – und 2. einen schönen, immer wie beiläufigen Sound: der spezifische Rhythmus dahingesagter, mal genau sitzender, mal verhaspelter Sätze, das Xylophon-Geklimper von Terranova, ein Lächeln am falschen Platz, eine echte Geste aus dem Nichts.

Aber was ist da der Punkt? Weiß nicht. Erst mal zusehen, zuhören, zuschauen, sehen, was geht und was nicht. Das Spielen, das Laufenlassen ist alles in diesem Film. Eine Begrüßung, eine Frage, eine Berührung ist immer im Begriff, zu einem Spiel zu werden, dessen Regeln, Ziele und Einsätze noch keiner kennt, erst während des Spielens gemacht und laufend geändert werden. So wird aus einem Wettlauf irgendwie langsam eine Art Ringen, aus einem Beobachten ein Imitieren, ein Hinterherlaufen, ein gemeinsam Joggen, ein Zurückfallen und schließlich ein Nestraub. Aus einem “Klar, kommt hoch” wird eine verschlossene Tür und ein “Was wollt ihr denn?”.

Da ist es fast ein bisschen schade, dass die Absichten von zwei männlichen Spielern – Oschi und Dogge (Marc Hosemann) – zum Leitfaden werden, an dem man die einzelnen Szenen dieses verallgemeinerten Spiels langsam auffädeln kann. Oskar, der oft kindtraurige Junge, sucht ein Mädchen, dass den etwas, äh, sagen wir mal, schlichten Anforderungen entsprechen soll: wie Minimaus auszusehen, ihn zu küssen und nur dafür gemacht zu sein. Dogge (Marc Hosemann) hat eigentlich nur zwei Dinge im Kopf: weibliche Körperteile und Sex. Beide brauchen dringend einen Platz zum Schlafen, da sie aus ihrer Wohnung geflogen sind. So landen sie in Angies Wohnung, Oskar lernt, dirigiert durch eine Sms von Coco (Nicolette Krebitz), die für ihn nach einer wie Minimaus sucht, Nina kennen und Dogge lässt sich, nachdem er in einer Telefonzelle von zwei Mädchen was auf die Fresse bekommen hat, schließlich von einer Siebzigjährigen beim Schlittschuhfahren führen.

Selbst wenn die Variation von Boy meets Girl-Konstellationen “Jeans” ziemlich regiert, entsteht die Handlung dennoch nicht einfach aus der einen großen Geschichte. Handlung ist der Effekt des Zusammentreffens besonderer Personen mit einem jeweils eigenen Habitus: Da ist Coco, das leicht maliziöse Mädchen, das sich immer dann diebisch freut, wenn etwas Trauriges passiert, Mavie (Mavie Hörbiger), die im Koma wartet, bis sich ihre Probleme von selbst gelöst haben, Angie (Angie Ojciec), die sich zu dem sehr schönen Wort “Ohgottohgottohgottohgottohgottohgott” ein paar Mal um die eigene Achse dreht. Und Nina (Jana Pallaske), die Schauspielerin werden will und die Oskar für “Minimaus” hält.

Das besondere Interesse an den Personen hat natürlich damit zu tun, dass der Film mit dem Leben, den Sätzen, den Gesten und den Namen seiner Darsteller arbeitet: Mavie Hörbiger spielt Mavie, Oskar Melzer Oschi, Jana Pallaske spielt Nina, die, genau wie Jana selbst das damals gerade tat, im WMF kellnert und dabei ist, Schauspielerin zu werden – und so weiter. Diese Durchdringung von Realperson und Filmfigur klingt sehr nach “Dekonspiratione” – bleibt aber ohne die Kompliziertheit und Reflektiertheit von Goetz‘ Text. “Jeans” ist in diesem Sinne kein Film, der sich für sich als Dokufiktion interessiert und die wechselseitige Fiktionalisierung von Filmfigur und Realfigur ausstellt. Er reklamiert über das Mitführen der realen Personen eher nur einen gewissen Echtheitsanspruch.

Ob aber ein bloßer ‚Es war so‘- und ‚Wir waren da‘-Gestus schon immer ein echter Gewinn ist, fragt man sich dann doch – besonders bei den Aufnahmen aus dem Nachtleben, die sich im Film finden. Hier wird einfach das Pogo in dunklem rotem Licht platt abgefilmt. Ein bisschen Selbstfeier. Gerettet wird die Szene vielleicht durch einen Moment, in dem Rainald Goetz diejenige, die gerade das Pogo filmt, mit seiner Kleinbildkamera knipst, ins Gesicht des Zuschauers blitzt und so das Filmen, das Gesehenwerden, das Inszenierungsmoment mit in die Szene zieht. So wird auch das Polaroidgefühl ein bisschen ausgestellt, dem der Film an dieser Stelle etwas zu sehr nachzujagen scheint: das Gefühl, etwas in Echtzeit von sich wegzurücken und darüber wie über eine abgeschlossene Sache zu staunen. Etwas in Echtzeit zur Erinnerung zu machen. Zu etwas, über das man schon währenddessen, während des Filmens im Sommer 2001 sagen will: “dieser Wahnsinnssommer 2001”.

“Der Sommer” aber ist ja eben immer auf gewisse Weise noch nicht vorbei. Er ist ein verallgemeinertes, wirres Spiel ohne klares Ende, in das man heillos verwickelt ist. Das ist ja gerade der Punkt.

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Elektronische Lebensaspekte.