Gesteigerte Empfänglichkeit bei gleichzeitig hoher Zerstreutheit, nirgends ist das so geboten wie im Werbevorspann bei Kinovorführungen. Die A-Clips machen sich das zunutze. Mit politischen und künstlerischen Miniiinterventionen quetschen sie sich zur konstruktiven Irritation zwichen die Kommerzclips. Aufklärung in Guerilla-Taktik jenseits der institutionellen Vorgaben.
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 73

Los, schnapp dir das Kino!
A-Clip – Die neue Staffel

Zum dritten Mal mischt A-Clip mit ihren thematischen Kurzfilmen das Kino, unser vielgeliebtes “double impact” von Kommerz und Kultur, auf. Hier laufen Besucherzahlen auf, von denen Kunsthallenbetreiber noch nicht einmal mehr zu träumen wagen. Und die kann man nutzen. Der perfekte Raum für eine Einmischung. Warum sollte nur die Werbung das Potential der ästhetisch aufgeladenen Black Box für sich beanspruchen? Die frühere Vorfilmkultur hat sie zwar bereits entsorgt, das muss man aber nicht so stehen lassen.

Die offene Produktionsgruppe A-Clip in Berlin mit Netzwerk in München, London und Los Angeles, die bewusst auf kollektive Praxis mit durchaus subjektivistischem Blickwinkel setzt, produziert politische Kurzfilme, die sie – hintenrum sozusagen – ins Dunkle des Kinos einspeist. Der lockere Produktionszusammenhang des Kollektivs besteht meist aus Künstlern und Künstlerinnen, die politische Statements und künstlerische Strategien miteinander verbinden. Inoffiziell, am Kinobesitzer vorbei werden die A-Clips ins Kino geschleust. Der Filmvorführer koppelt als wichtigster Verbündeter der Aktion den A-Clip in die Werbespur ein. Ein Werbespot ohne Kaufaufforderung, aber mit politischer Message, doch ohne alles wieder ins liberale Licht rückende Signatur der Bundeszentrale für politische Bildung. Effekt erzielt: Verunsicherung.

Geschickt setzen die Macher von A-Clip auf die unangekündigte Umleitung. Die irritierende politisch-soziale Szenerie im Werbegewand ist meist mittels Video aufgenommenen, wird dann auf 35 mm Filme kopiert und der Sound Kinoformat-tragend nachbearbeitet. Die Clips sind zwischen 40 und 120 Sekunden lang, das ist für das Kino Werbecliplänge. Man passt sich also ein, setzt aber auf Irritation: Das Auftauchen im Raum eines Multiplexkinos ist dabei einerseits das Rezept, die Erwartungen einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu unterlaufen; andererseits die Möglichkeit, Öffentlichkeit ungefragt anzueignen.
A-Clips sind Interventionen in die soziale Realität. Die können schon mal drastisch ausfallen. Dabei gab es dieses Mal gar kein bestimmtes Thema. War in der ersten Staffel die Stadt und mit ihr die Probleme des öffentlichen Raumes und seines Ausverkaufs zentral, in der zweiten Staffel dann Migration, ist es nun ein subtil-indifferentes Gefühl der “inneren Unsicherheit” wegen maximierter gesellschaftlicher Sicherheitsvorkehrungen, das sich artikuliert. Dass dabei eine Vielzahl von den A-Clips zu Antikriegs-Spots geworden sind, hängt wohl nicht nur mit dem Abdreh-Termin April zusammen.

56 Clips zählt das Staffelangebot. Nicht alle, aber einige überzeugen künstlerisch, die meisten pflegen einen Humor des Absurden. Aber wenn Rolf Pilarsky die perfekte Oberfläche abgefilmter Wasserwerke mit überlagerten Info-Diagrammen vorbeirauschen lässt, um auf Cross-Border-Leasing amerikanischer Firmen aufmerksam zu machen, Sean Reynard in “Kitchensink” einen Murphys-Day-Exzess in der eigenen Küche veranstaltet und den Schrei als politisches Moment stark macht oder Sharon Ben Joseph an graffitibesprühten Häuserwänden entlangzieht, um im letzten Bild ein gespraytes “No” einzufangen, oder bei Martin Ebner poetisch ein freiheitsversprechender Heißluftballon mit Sat1-Logo aus dem Horizont heraushüpft, dann gibt es so einen utopischen Moment, an dem minoritäre Politik, kulturelle Produktion als Aneignung und ästhetische Vielschichtigkeit zusammenzukommen und zu funktionieren scheinen. Gleichzeitig markiert ein kulturpolitisches Statement auf der Kinoleinwand deutlich ein Ungenügen an den Spielregeln der Kunstinstitutionen. Dass am Ende vieler Spots Melancholie stehen bleibt, schreibt sich auch als Symptom derjenigen ein, die nicht die Mittel der Macht besitzen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.