Kirk Degiorgio gilt als der Hauptvertreter einer neuen Strömung, die das darbende Genre Fusion mit gebrochenen Beats, Detroit-Techno und allerlei anderen Zutaten des relativ aktuellen Musikgeschehens wieder beleben will.
Text: Michael Lachmeier aus De:Bug 54

Mit Pattex geht alles
Kirk Degiorgio

Es tut sich was in West-London. Die schicke Gegend rund um Notting Hill wiegt sich im Rhythmus von mit Besen bearbeiteten Snares, gebrochenen und verschachtelten Rhythmuspatterns, Housebeats mit Saxophonornamenten und latin-infizierten Vokaleinlagen. Die dort heimschen Künstler Alex Attias, Domu, Ian Simmonds und vor allem Kirk Degiorgio arbeiten eifrig am Revival einer Musikform, die ihren Ursprung in den Siebzigern hat – Fusion. Nur wird Jazz diesmal nicht mit Rock oder Funk vermischt, sondern mit den Fragmenten von Techno, Ambient, Downbeat und Electronic Listening. “Jazz ist keine spezifische Sache, sondern eher eine Attitude,” erklärt Degiorgio. “Es geht eher darum, neue musikalische Ausdrucksformen zu finden auf einem modernen, zeitgemäßen Weg, der auch viel Platz für Improvisation bietet – ich finde die aktuellen Entwicklungen mit Acts wie Fauna Flash sehr aufregend. Hier geschehen einfach neue Dinge, es ist wie damals mit Acid Jazz: Mische einen alten Stil mit neuen Strömungen und du hast eine neue Ausdrucksform. In der West Londoner Szene wird nicht imitiert, sondern es passiert etwas Neues, Aufregendes.”

Broken Beats sind Krampf im Klassenkampf?

Aus der Hydra “NuJazz” – die ja seltsamerweise Cinematic Orchestra und Aqua Bassino gleichzeitig umfasst – ploppt also ein neuer Kopf, der aussieht wie der bisher unbekannte Bruder von Herbie Hancock und Juan Atkins. Detroit liegt plötzlich in Jazzland und die Frage drängt sich auf, wer eigentlich auf die Verschränkung von Jazzgitarre und Streicherfläche gewartet hat. “Ich war der erste Musiker, der Jazz und Techno gemischt hat,” führt Mr. Degiorgio weiter aus, “und dabei ging’s nicht um Musik für Clubs, sondern einfach darum, neue Wege zu entdecken. Die komplexe Rhythmik der Stücke von Diego, Alex Attias und den Sachen, die auf Archive und 2000 Black erscheinen, sind viel zu schwierig für Clubs. Zumindest für die meisten Clubs.” Also eine scheinbar recht elitäre Angelegenheit. Wäre das eine politische Abhandlung, könnte sofort der Klassenkampf ausgerufen werden. Tanzmusik nur für jene, die genug kulturelles Vorschusswissen im Rückgrat haben, um den vertrackten Rhythmus zu kapieren? Oder doch nur ein Beatbastel-Wettbewerb, den derjenige gewinnt, der den kompliziertesten Beatteppich knüpft.

Unter Bleeps und Blubber

Wie sich nun vermuten lässt, handelt es sich beim klanglichen Output der NuFusion-Riege um eine eher kopflastige Angelegenheit, die eher Fontanelle als Fußsohle anspricht. Rock’n’Roll, move over, hier hast du nichts verloren. Oder warte, dürfen wir uns nicht doch noch ein paar Breaks ausborgen? Doch fast wichtiger als Jazz ist für die genannten Protagonisten der Soul – “21st Century Soul”, das neue Album Kirk Degiorgios’ unter seinem Alias As One, vermengt die oben genannten Zutaten Jazz, Detroit-Techno, Breakbeat, House und Ambient mit der Stimme von Simon Jinardu und erklärt auf 11 Tracks seine Vision vom Soul des laufenden Jahrtausends – und tappt dabei in die gleiche Falle wie Spacer auf seinem letzten Album “The Beamer”. Gute Ansätze und Ideen werden mit dicken Streicherlagen zugedeckt, subtile Regungen mit jeder Menge Bleeps, Plonks und Blubber erstickt und zu guter Letzt auch noch Blechbläser und Vokalisten unvorbereitet vor den Vorhang gerempelt. Auf der nun auch neu erschienenen Platte “Kirk Degiorgio’s Offworld – Two Worlds” (Far Out Recordings / Groove Attack) arbeitet Degiorgio schlüssiger Weise mit den gut abgehangenen JazzRockFunkBossa-Menschen von Azymuth aus Rio zusammen, was dem Album im Vergleich zu “21St Century Soul” auch sehr gut bekommt, zu hören gibt es allerdings auch nicht weiter Aufregendes: Synthie-Jazz, Blubberfunk, Ambient-Rock und hymnische Gesangseinlagen. Aber After Work Clubs prosperieren ja immer noch.

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Elektronische Lebensaspekte.