Text: anton waldt aus De:Bug 07

KIRLIAN Anton Waldt Carlos Abraham “Abe” Duque, Macher von TENSION-Rec., notorisch umtriebig unter verschiedenen Projektnamen, Teil der New York-Wien-Vinyl-Connection, Oberhaupt der fiesen RANCHO RELAXO Gang, hat wieder zugeschlagen: KIRLIAN aka Abe Duque befiehlt eine Doppel-LP lang: “Pleasure Yourself”, das Ganze auf Disko B, mit gewohnt trashigem Cover & Booklet. Die von KIRLIAN bekannte Soundvielfalt von Electro über Techno zu Blubber-Kratz groovt grundsätzlich entspannt, gibt eine angenehme Melange aus DJ-Tool und Zuhausehören, sehr konsumentenfreundlich. Im Booklet der letzten KIRLIAN Disko-B ‘Chicken Wings & Beef Fried Rice’ wurde verraten, dass Abe Duque in Hollis, Queens NYC lebt & dass Hollis der beste Platz der Welt überhaupt sei. Klar im Foo On Restaurant kriegt man halt die größten Portionen Chicken Wings für 3 $. Dazu viele freundliche Homies & spärlich bekleidete Mädchen, warum also nicht sofort hinfahren & KIRLIAN über seine neue Platte befragen? “Keine gute Idee” sagt Abe am Telefon, “Wenn du in Hollis alleine rumläufst, werden sie dir einen Ziegelstein verkaufen wollen & wenn du den nicht kaufen willst, schlagen sie dir damit die Fresse ein. Besser, ich hole dich ab. Sicherer”! HOLLIS In der U-Bahn, auf der Fahrt von Manhatten nach Queens, erklärt Abe: “Eigentlich habe ich drei Autos, den Mustang, der auch auf dem neuen Cover ist, einen Impala Baujahr 74 und neuerdings noch einen Trooper, nur sind die alle verliehen oder kaputt, Scheiße passiert”. Macht ja nichts & außerdem kommt mir alles ganz friedlich vor. “Klar sieht das friedlich aus. Aber es kann jeden Augenblick anders werden. Letztes Jahr wollte ich mit Freunden zur Halloween-Parade nach Manhatten, als 20 Kostümierte kamen. Erst haben sie nur mit Zucchinis geschmissen, aber dann haben sie uns zusammengeschlagen. Nachher hatte ich echt einen Stiefelabdruck im Gesicht! Am gleichen Tag haben sie in Brooklyn jemand aus seinem Auto geholt und ihm eine Hand abgehackt!” In Hollis angekommen, gehen wir in den Park, wo wir Abe’s Cousin Diego treffen, der angeblich mal in Abe’s Vorgarten gewohnt hat. “Dann wurde ihm der Fernseher geklaut & er war echt sauer, aber jetzt ist er der Reichste hier, hat in der Lottorie gewonnen”. Diego selbst: “Als erstes habe ich Disko B gekauft!” Zurück in Europa telefoniere ich mit Ex-Besitzer Upstart: “Diego ist besser als jeder Industrie-Deal. Ich bin jetzt alle Sorgen los & endlich gibt es mal richtige Budgets! Diego war bisher noch nicht hier, aber ich glaube er wird ein guter Chef, Disko B ist doch sowieso nur ein Abschreibungs-Objekt für den. Die einzige Bedingung bei dem Deal war, dass wir ein Sublabel für spanischen HipHop gründen. Kein Problem”. Im Park in Hollis glaube ich Diego natürlich kein Wort, wir trinken Wodka-Orange aus der Papiertüte & ich frage Abe, wie er das mit dem namensgebenden Track “Pleasure Yourself” gemacht hat, auf dem 40 Leute eben das sagen, z.B.: “Hi, I’m Mike Ink and I wanna pleasure myself”. Abe: “Der Track ist der teuerste den je gemacht habe, ist ja alles vom Telefon aufgenommen. Einige Leute waren locker & haben das einfach gesagt, zum Beispiel Jimi Tenor, Electric Indigo oder Cristian Vogel. Viele waren nervös & brauchten eine Weile: Juan Atkins, Dan Bell und Patrick Pulsinger, Patrick war schwer nervös! Aber am Schlimmsten war Richie Hawtin, der wollte das ums verrecken nicht sagen, ich habe x-mal in Kanada anrufen müssen & zum Schluß hat er mir den Satz gefaxt & zwar am Computer geschrieben & ausgedruckt, total unbrauchbar!” Wir geraten in eine Diskussion über Richie’s Sexualleben, ob er sich nun ertappt gefühlt hat, oder so was nie tun würde, wir kennen das ja aus ‘Ein Mountie In Chicago’. Aber ich bringe Abe wieder zum Thema: “Neil Landstrumm war ein bißchen sauer: ‘Erst meldest du dich zwei Monate nicht, und jetzt soll ich -Hi ich bin Neil Landstrumm & befriedige mich selbst sagen?-, aber das wars dann ja schon…”. Natürlich will ich wissen, wie Abe’s Wien-Connection zustande gekommen ist: “Du willst doch bloss wissen, wie ich Patrick Pulsinger kennengelernt habe, das fragen alle Journalisten! Also: Patrick war eine Zeitlang mein Liebhaber, aber dann kam uns Duffy (Tunakan) dazwischen, ich möchte nicht weiter darüber reden!” DER DOKTOR Ich stelle eine ganz harmlose Frage nach Abe’s Arbeitsweise. “Siehst du den alten Mann da drüben, der die Tauben füttert?” fragt Abe “Das ist Dr. Seymeon Davidovich Kirlian, er ist meine Inspiration. Der Doktor ist ein russischer Physiker, der in 60ern in die USA ausgewandert ist. Er hatte gerade einen Apparat konstruiert, mit dem man die Aura eines Menschen photographieren kann & hoffte auf ein besseres Leben hier in den Staaten. Er wohnt in Hollis, seit ich denken kann und seit er ein Kind vor dem Überfahren gerettet hat, ist er ein Lokal-Held.” Ich gucke wohl ziemlich doof: “Kein Scheiß! Alle in der Gegend respektieren ihn, viele zahlen ihm 10% ihres Einkommens, ich auch. Wenn ich einen Track fertig habe, bringe ich das DAT dem Doktor & er spürt dann, ob es gut ist, ohne es anzuhören! Wenn ich Energie oder Inspiration brauche, gehe ich einfach zum Doktor, dieser Mann liest in dir wie aus einem Buch! Erst seitdem ich meine Musik durch und für den Doktor mache ist sie richtig gut. Wenn du wirklich was über meinen Sound erfahren willst, stelle ich dich vor, aber manchmal ist er etwas eigen, der Mann WEISS zuviel”! Als wir zu dem alten Mann im ausgeleierten Anzug rübergehen, erzählt mir Abe, dass der Doktor Blake Baxter nicht kenenlernen wollte, er hätte gespürt: “This guy is danger!” Abe spricht kurz mit dem Doktor, dann winkt er mich heran & ich habe eine Audienz. Zuerst bin ich skeptisch, aber der Mann spricht wirklich mit hartem russischen Akzent & heißt Dr. Kirlian, er ist wohl ganz begeistert von meiner Aura, auf jeden Fall lädt er mich in seine Wohnung ein, direkt neben dem Park, in einem der vergammelten, sechsstöckigen Apartmenthäuser, sie besteht nur aus einem Zimmer & ist sauber & aufgeräumt. Es gibt ein Regal voll kyrillisch beschrifteter Bücher, sieht aber alles sehr technisch aus. Wir trinken Wodka mit Dr. Pepper & der Doktor erzählt mir von seinen Forschertagen in einer dieser geheimen sowjetischen Atomstädte. Dann erzählt er mir noch einiges über meine Aura, aber das geht euch nichts an. Es wird ziemlich spät & in der U-Bahn zurück nach Manhattan grusele ich mich ein bißchen. SCHWEDENPLATZ Einem Monat später treffe ich Abe Duque & seinen Wiener Kumpel BONERIDER zufällig im Mc Donald’s am Schwedenplatz. Die beiden mampfen ihre extra großen Valuemeals, keiner erwähnt Dr. Kirlian, wir reden über den anstehenden Wettlauf auf den Wiener Fernsehturm, der Gewinner darf nach New York, da wird der Weltmeister im Treppen-Rauf-Rennen im Empire State Building ermittelt. Na und ? ICH war in Hollis. ZITATE: Als erstes habe ich Disko B gekauft! Hi, I’m Mike Ink and I wanna pleasure myself

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Elektronische Lebensaspekte.