Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 28

Imaginary Music Kit Clayton: Heute Dub, morgen Noise ”Musik als Kunstform ist ein Verbrauchsartikel geworden. Mir ist das zuwiderÒ, erzählt ein etwas müder Joshua Kit Clayton, der früher Keyboard in einer PunkSka-Band gespielt hat, gerade seinen derzeitigen Kontostand von ungefähr 1 Dollar 25 beklagt hat und demnächst mit ãNek SanaletÒ ein Album veröffentlichen wird, das ganz nebenbei die Welt verändern wird. Der derzeit in San Francisco lebende Softwareentwickler und Chef der Labels Cytrax und Delay hat sich auf seinen Produktionen für das Berliner Label ~scape dem modernen, urbanen Dub verschrieben, also einer Spielart dieses uns allen ans Herz gewachsenen Genres, die weniger für die Fortschreibung musikalischer Geschichte, sondern vielmehr die Übertragung konzeptioneller Ideen in andere sonische Zusammenhänge steht. Bei Kit Clayton ist das Techno. “Die Phylyps Tracks von Basic Channel waren in meiner Uni in Conneticut ein absoluter Hit, plötzlich begann ich mich für Detroit, Aphex Twin und Plastikman zu interessieren, kaufte mir einen Drumcomputer und einen Synthesizer und spielte in einer Schulband New Order Coverversionen. Dann habe ich mein Physikstudium geschmissen und angefangen, mich mit Informatik zu beschäftigen, weil ich wissen wollte, wie diese Musiksoftware funktioniert und vor allem wie man sie verbessern kann.Ò Kein Wunder, dass er inzwischen bei Cycling 74, einer Firma, die für die von Opcode konzipierte Software Max, die gerade dabei ist, die digitale Klangerzeugung zu revolutionieren, Environments entwickelt, als Programmierer arbeitet. Kit Claytons Output seit seiner ersten Veröffentlchung auf Cytrax 1996 ist ein bunter Strauß Techno, voll mit den unterschiedlichsten musikalischen Gewächsen. Neben knochentrockenen 4/4 Orgien war es vor allem seine letztjährige E.P. ÔThe Mimic & The ModelÕ, die ihn in Europa als Künstler etablierte, auf den man zukünftig würde achten müssen. “Viele Musiker machen jahrelang dasselbe, weil sie so einfach besser vermarkten können. Es gibt nur noch eine Soundtrademark pro Künstler. Das interessiert mich nicht. Ich möchte lieber unterschiedliche Dinge ausprobieren. Bei The Mimic & The Model geht es darum, die visuelle Kunst mit in das gut funktinierende Netzwerk von Undergroundmusik mit einzubeziehen. Beide Komponenten sind komplett gleichberechtig. Der Name kam von einer Geschichte, in der ein Geschäftsmann ein Double engagiert, nur um es gleich danach umzubringen, damit er sich in Ruhe ein neues Leben aufbauen kann. Mimikry spielt auch bei der Platte eine grosse Rolle. Beide Kunstformen beeinflussen sich gegenseitig. The Model sind die Originalelemente und The Mimic sind Reflektionen, Variationen, Interpretationen. Dann gab mir ein Freund ein Buch über einen Indianerstamm und dessen Philosophie, dass alles in unserer realen Welt ein unsichtbares, spirituelles Pendant hat. Der Baum da drüben, du, ich… es gibt immer ein Gegenstück. Das ist meine Dubidee. Ich nehme einen Sound, der wirklich existiert und produziere im Studio ein imaginäres Abbild, eine Verzerrung des Originals. Dub ist eine komplett imaginäre Musik. Für mein Album auf ~scape waren Tracktitel aus der Indianersprache also mehr als passend.” In der Tat ruft einem Kit Clayton mit Titeln wie ÔArt des TeufelsÕ, ÔDer SeherÕ oder ÔGeistige BurgÕ die Weite und Unendlichkeit von Dub eindringlich ins Gedächtnis. Es geht um den Bass und seine unvermeidlichen Folgen. Die Tiefe des Basses drückt den gesammten klanglichen Ballast gnadenlos auf die Seite. Übrig bleibt eine groovende, minimalistisch anmutende musikalische Sparsamkeit, die den groben Rahmen zwar absteckt, letztendlich aber nur eine gedankliche Spielwiese ist, die jeder für sich individuell füllen muss. Dieser Sparsamkeit ist es zu verdanken, dass Dub als Musik in den unterschiedlichsten Environments problemlos funktioniert, in urbanen Strukturen genauso wie in der freien Natur. ãIch habe kein bestimmes Ziel vor Augen, wenn ich Musik mache… solange sie emotional ist. Das passt bei Dub natürlich hervorragend. Musik ist einer der wenigen Kanäle, durch die meine Gefühle überhaupt an die Oberfläche gelangen. Wenn ich Musik mache… das ist der magische Moment. Sonst bin ich ziemlich unemotional.Ò Auch wenn Kit Clayton im Zuge des Albumreleases auf ~scape im nächsten halben Jahr noch bestimmt das eine oder andere Mal seine Affinität zu Dub erklären muss… er selber ist inzwischen schon wieder ganz anders unterwegs. ãMeine Arbeit bei Cycling 74 hat mich zum Noise Fan werden lassen. Diese Software ist so umfangreich, dass man einfach in die Versuchung kommen muss, alle Klangelemente miteinander zu verketten. Natürlich ist das Ergebnis kompletter Krach. Aber ich mag Krach und denke, dass das ein logischer Prozess ist. Nach dem endlosen Zusammenpatchen kommt das grosse Aufräumen. Es ist erfreulich zu beobachten, dass so komplexe Software ihren Weg in den Consumerbereich findet und endlich die Klanglabors der Universitäten hinter sich lässt. Die Clubgänger sind im Moment völlig gelangweilt, von allen bereits existierenden Genres, und suchen nach neuen Alternativen. Ideal wären Clubs, in denen zunächst ganz intensiv zugehört und erst dann Bier getrunken wird. Aber das wird wahrscheinlich ein Wunschtraum bleiben. Nicht ohne Grund hat Joshua gerade eine neues Label names Orthlong Music gegründet, auf dem er einzig und allein Ôfucked up musicÕ herausbringen möchte. ãOhrthlong soll eine Stimme des Ungewöhnlichen werden, das viel zu oft einfach auf die Seite gekehrt wird. Mir schwebt vor, jeden Release zu einem Juwel der bisher vernachlässigten Seite musikalischen Ausdrucks zu machen, die in den Händen oder unter den Kopfhörern der Neugierigen plötzlich zu ungeahnter Größe erblühen… als Reaktion auf oder als Parasiten unsere(r) klinisch formatierte(n) Welt. Manchmal träume ich nachts, dass in zwei Jahren nur noch solche Musik im Radio laufen wird. Ein schöner Traum… ich weiss genau, dass ich dann immer noch mit meinen Freunden auf dem Sofa sitzen werde und diese Produktionen in totaler Isolation genießen werde.Ò Hoffentlich nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.