Der Japaner Takeshi Kitano gilt seit
Text: Konrad Lischka aus De:Bug 42

Amerika auf dem Prüfstand
Takeshi Kitanos neuer Film “Brother”

Es fällt leicht, Takeshi Kitano als Nihilisten zu sehen. Selbst in seinem lichtesten, ungrausamsten Film “Kikujiros Sommer” ist der Verfall unübersehbar. Denn eigentlich gehören zu diesem japanischen Genre “matatabi-mono” der Road- oder besser Wandermovies wunderschöne Landschaftsaufnahmen. Doch Kikujiro irrt mit seinem Schützling durch ein Land zugemüllter Pfuhle und verfallener Haltestellen, in dem an Rasenflächen Schilder großformatig das Betreten verbieten. Kitanos neuen Film “Brother” kann man aber noch viel leichter als existentialistisch-düsteres Etwas labeln. Der japanische Regisseur ist nach den helleren “Hana-Bi” und “Kikujiros Sommer” zu seinem Yakuza-Genre zurückgekehrt, mit erbitterterer Unbarmherzigkeit als zuvor. Den Aufstieg des aus Japan verstoßenen Yakuza Yamamoto in der Unterwelt von Los Angeles säumen abgeschnittene Finger, aufgeschlitzte Bäuche, heraushängende Gedärme und viel Blut. Nicht die Gewalt erschüttert, sondern die lakonische Beiläufigkeit, mit der sie plötzlich ausbricht und ebenso unvermittelt wieder aufhört. Sie wird nicht verherrlicht, sie geschieht. Kalt und hoffnungslos scheint “Brother”: Yamamoto sieht das Leben ebenso teilnahmslos auf sich herumtrampeln, wie er es auf Opfern tut.
Haftet dieser Weltsicht nicht etwas Faschistisches an? Der Glaube, dass aus dem stinkenden Sündenpfuhl dieser Welt nur nach der Katharsis maßlos zerstörerischer Gewalt etwas Neues, Gutes auferstehen kann? Kitano liebt das Japan der hyperkapitalistischen Gegenwart gewiss nicht. “Auf der Jagd nach Erfolg haben sich die Japaner allein für das Geld entschieden. Eine gewisse Hoffnung habe ich allerdings noch: Derzeit verschlechtert sich in Japan die Konjunktur rapide”, sagte er vor zwei Jahren. Seine Filme mögen die japanische Gegenwart ebenso wenig. In “Hana-Bi” wird ein Polizist von Frau und Kind verlassen, als ihn ein Yakuza querschnittsgelähmt und berufsunfähig schießt. Und in “Brother” muss Yamamoto Japan verlassen, weil seine Yakuza-Familie sich einer anderen, größeren anschließt. Gerade weil Yamamoto loyal und erbittert gegen diese kämpfte, als sie noch Feinde waren, wird er verstoßen. Dem Tod entgeht er allein durch die Loyalität eines Mitarbeiters. Solche Opfer gibt es heute bei jeder Fusion von Großkonzernen. Warum nicht auch in der Yakuza. Aber so selbstverständlich ist das nicht. Noch stärker als die Mafia wird das organisierte Verbrechen Japans durch Tradition zusammengehalten. Sorgfältig breitet “Brother” die Symbolik bei der Zeremonie der Aufnahme der gegnerischen Familienangehörigen aus. Doch offenbar ist selbst die Yakuza als letzte Institution eines Moralkodex vom Hyperkapitalismus unterwandert. Nachdem kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Tenno – dem absoluten, göttlichen Kaiserherrscher Japans – die moralische Instanz für das sich als Kollektiv begreifende Volk verschwand, scheinen nun auch die letzten Traditionen verdorben. “Die Yakuza sind ein Mikrokosmos der japanischen Gesellschaft”, sagte Kitano dem SPIEGEL. Warum das für Kitano einer Apokalypse gleichkommen muss, verdeutlich eine Anekdote: In Japan war Kitano lange Zeit allein als TV-Showmaster bekannt. “Sonatine” lief in Tokio gerade mal eine Woche. Doch als Kitano 1998 in Venedig für “Hana-Bi” der Goldene Löwe verliehen wurde, unterbrachen japanische Fernsehsender das laufende Programm für diese Meldung. Kitano meinte damals, dass sei typisch für sein Land: Man wälze Verantwortung auf andere ab, wage nie, eine eigene Entscheidung zu treffen. Wenn das Kollektiv nicht moralisch integer ist, gibt es keine Hoffnung mehr. Zur Praxis japanischer Schülerinnen, ihre gebrauchte Unterwäsche zu verkaufen, meinte Kitano: “Die Mädchen wissen eben, dass sie schnell alles verkaufen müssen. Wenn sie älter werden, nimmt ihnen niemand mehr etwas ab.” Der Mensch ist total der Verwertung unterworfen. Bisher konnte man die Weltsicht Kitanos als japanspezifisch abtun, obwohl der Konflikt des einsamen Helden gegen ein übermächtiges Kollektiv dem westlichen Kino auch nicht wirklich fremd ist. Nun ist “Brother” aber eine japanisch-amerikanische Produktion. Die Unterwelt Los Angeles, in der Yamamoto sich hochkämpft, beschreibt die amerikanische Gesellschaft ähnlich präzise wie der Mikrokosmos Yakuza in Kitanos vorherigen Filmen die japanische. Es ist eine ernüchternde Analyse. Das freie Amerika ist alles andere als ein Gegenbild zum regulierten, hierarchischen, traditionsgebundenen, kollektivdenkenden Japan: Auf der Straße dealen die Afroamerikaner, sie führen Geld an Hispanics ab, die kleine Territorien kontrollieren. Darüber kommt die japanische Yakuza, und alle müssen schließlich etwas an die italienische Mafia abführen. Die soziale Ordnung des liberalen Musterstaates ist ebenso undurchlässig wie die Japans. Mit dem Unterschied, dass sie hier vielleicht noch offener zu Tage tritt: als diskriminierende Worte wie “Japs”. Amerika ist vom selben Gift zerfressen wie Japan: Der Hotelboy erwartet von Yamamoto viel eher eine weitere Banknote als den Stadtplan und die Bitte um Hilfe.
Wenn Yamamoto regungslos vor Hoffnungslosigkeit durch die Straßen dieser irdischen Hölle läuft und einem Kleinkriminellen, der sich in seinen Weg stellt, eine abgebrochene Flasche ins Auge rammt, sieht man den Faschismusverdacht bestätigt. Aber Kitanos Lösung ist nicht die Zerstörung. In all seinen Filmen gibt es Momente, in denen die undurchdringliche, beklemmende Struktur kurz aufreißt. Man tritt heraus aus der Hölle, hinein in ein Jenseits. In “Brother” wirft Yamamoto eine Papierschwalbe vom Dach eines Hochhauses. Minutenlang beobachtet er ihren Flug, die Kamera zuckt dem vom Wind umhergewehten Flieger hinterher. Die Szene ist leicht, kindlich-beschwingt. In “Sonatine” riss in der Mitte des Films die Kamera den Horizont der Yakuzas zum Weitwinkelblick auf einen Strand und den Horizont über dem Meer auf. Hier müssen sie sich wegen eines Bandenkrieges verstecken. Sie spielen, tanzen, falten Papierfiguren, bauen Fallgruben. In “Brother” lacht Yamamoto vor Freude wie ein Kind, als er mit einem einfachen Trick beim Hütchenspiel gewinnt.
Diese Augenblicke der Freiheit im kindlichen Spiel schweben irgendwo jenseits der Wirklichkeit. Sie erinnern an David Lynchs schwermütig-kitschige Momente in der Düsternis von “Blue Velvet” oder “Lost Highway”: Die Idylle des abgezäunten Reihenhaus-Kleingartens in Suburbia, deren Unmöglichkeit auf Dauer in jeder Sekunde bewusst ist. Kitano ist keineswegs ein Nihilist, er träumt von jenem besseren Irgendwo. Dieses Träumen kann man konservativ nennen, weil er Besserung allein durch das Klammern an Werte beschreibt. Doch andererseits revolutioniert Kitano eben diese Werte: Am Ende von “Brother” opfert sich Yamamoto für einen anderen. Er tut dies aus dem Glauben an einen von ihm abgewandelten Yakuza-Kodex: Nicht dem Kollektiv als Abstraktum, sondern seinen Mitbrüdern als Individuen ist er verpflichtet. Bis in den Tod.

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Elektronische Lebensaspekte.