text
Text: sascha kösch aus De:Bug 31

/electro NIE WIEDER BAUKASTEN KITBUILDERS Wer Mitte der 90er dachte (und das dachten viele, weil man ja vieles sehr schnell vergisst), Electro wäre ein neues Phänomen, der hätte nur einmal in den Kölner Plattenladen Formic gehen müssen, um sich von Rootpowder über die Geschichte von Electro und dessen Zusammenhänge mit jeder anderen Form von elektronischer Musik aufklären zu lassen. Da hätte er erfahren, dass Electro mehr als nur eins der Blueprints für Techno war. Eine ungebrochene Geschichte setzt sich bis heute fort, auch wenn es heute hauptsächlich als Retrophänomen begriffen wird. Teil der von diesem Zentrum ausgehenden Electroposse in Köln sind seit langem schon Kitbuilders, deren Tracks wie viele Electrotracks aus Deutschland gerade in Amerika und England wesentlich bekannter sind als hierzulande. Aber warum? De:Bug: Erklärt ihr noch einmal kurz eure Geschichte? Kit: Anfang der 90er haben wir Obsession Records gegründet, als Sbx-80, Welson und Ripley Technotrax released. Mitte der 90er begannen wir uns für Electro zu interessieren. In unserem Studio, das in einer Tankstelle war (direkt neben einer lauten Autowerkstatt, vielleicht daher der Industrialeinfluss) produzierten wir die ersten Electrotracks. Aber erst 1997 sind wir als Kitbuilders auf einem Elektronikfestival aufgetreten, auf dem auch Rootpowder von Formic Records aufgelegt hat. Da ihm die Show gefiel, bot er uns an, auf Electrocord eine Platte zu machen. Ripley mixt, textet, singt. Benway ist für Sounds und Rhythmen verantwortlich. Live wie im Studio. De:Bug: Ihr habt 1993 die erste Hybrid CD in Deutschland produziert. Was für eine Bewegung war das damals? Kit: 1993 gab es so eine gewisse Aufbruchstimmung in Sachen “Neue Medien”, CD-Roms etc.. Wir haben als erstes Indielabel in Deutschland eine CD-Rom mit elektronischer Musik und Rom-Teil kombiniert, und zwar für 3 verschiedene Plattformen, Mac, PC und Atari. Die Herstellung war ein ziemlicher Trip. Ich glaube, wir haben 12 Master hergestellt, bis das Ding auch wirklich lief. Es gab viel Presseresonanz, und man hat uns sogar zu einem Roundtable der Zeitung Screen/Macup nach Hamburg eingeladen, wo dann mit Multimediadesignern und Majorlabelvertretern über die Zukunft der Musikindustrie philosophiert wurde. Die Majors waren damals vor allem daran interessiert, die CD-Preise durch Romzugaben in die Höhe zu treiben; wir wollten im Grunde nur einen erhöhten Unterhaltungsfaktor. In diesem Zusammenhang möchten wir auf den ersten Multimedia Tonträger überhaupt hinweisen, die Erstpressung der Pete Shelley Lp “Xl 1” von 1983 (Vinyl natürlich), auf der es einen Track mit Daten für den ZX-80 gab, die man via Cassette in den Computer transferieren musste. Zu jedem Song gab es eine Animation, die zum Teil an alte Flugsimulatoren erinnerte. De:Bug: Ist der Wechsel des Labelnamens ein Abschied von einer Ästhetik und Lebensweise? Kit: Obsession Records wird weiterbestehen, ist aber in erster Linie ein Technolabel. Das nächste Release ist eine Zusammenarbeit von Terrance Dixon und uns. Vertical Records ist vor allem für Kitbuilders Tracks und Electroverwandtes gedacht. Das Label will einen vertikalen Kontrast zur im allgemeinen horizontalen Technoästhetik bieten. Ein Bausatz mit vielen Elementen in verschiedensten Farben (z.B. Sci-fi Punk, Industrial, Wave, Songstrukturen, Electrofunk, verstörte Maschinen), die darauf warten, zusammengesetzt zu werden. De:Bug: Wo würdet ihr euch in den viel genannten Begriffen wie Retro, Handmade, Cyborg, Future-Electro, 80er, 90er, Revival, Simulation, Emulation usw. einordnen? Wie wichtig ist Stil für eine “Band” wie Kitbuilders? Kit: Im Vordergrund steht bei uns immer ein Entertainmentfaktor. Wenn es für uns nicht unterhaltsam ist, kann es kein Kitbuilders-Track sein. Wir sind vielleicht die erste Grebo-Electroband. Electro ist unsere Basis, aber im Prinzip könnten wir auch eine Bigband ˆ la Stan Kenton oder Cab Calloway sein. Songstrukturen sind für uns wichtig. Manchmal finden wir es komisch, dass Electro immer mit Retro und Revival in Verbindung gebracht wird; im Technouniversum sind ja in den letzten Jahren auch keine Quantensprünge gemacht worden und Electro ist als Form ziemlich offen, man kann einiges ausprobieren, ohne sich einzugraben. Als die Redakteure von Viva 2 das Video von “Get Out” bekamen, wussten sie nicht, in welcher Sendung sie es unterbringen sollten. Schliesslich wurde es im metal- und industriallastigen Magazin “Virus” gezeigt, in einer Sendung speziell über Metallica. Das war ganz lustig und hat uns gut gefallen. Wenn man sich heute einiger Bausteine aus den 80ern bedient, haben sie natürlich eine völlig andere Bedeutung als früher, sie verweisen nicht mehr auf diese längst untergegangenen Welten, sondern können vor einem aktuellen Hintergrund de-automatisierend wirken. Ein starker Kontrast zu manch gängigem Technostyle, dessen Ziel der Minimalstrukturen wie ein Selbstzweck scheinen kann. Bei manchem Minimaltrack hat man das Gefühl, der Produzent wünscht sich unbewusst, diese Musik möge ganz verschwinden. Ein gutes Beispiel für die “Zurück in die Zukunft” Taktik auf Maschinenseite ist übrigens der neue, von zwei jungen Schweden gebaute Sidstation-Synthesizer, dessen Herzstück der alte Commodore 64 (Brotkasten) Soundchip ist. Sie haben alte Chipbestände aufgekauft und das Ding in eine moderne Umgebung gesteckt. De:Bug: Wie kommt es, dass sich trotz exponierter Stellung von Electro im Umfeld der Formicposse zwar auf Musikerseite, aber immer noch nicht auf der Seite der “Club- und Jugendkultur”, anders als in Detroit z.B., eine Electroszene entwickelt hat? Kit: In erster Linie fehlen DJs, die Electro auflegen. Es gibt nur wenige in Europa, die Electro kompetent, überzeugend und partykompatibel auflegen. Wir machen in Köln im Studio 672 von Zeit zu Zeit eine Electroparty (“Oszillator”) mit Bolz Bolz und Matthias Schaffhäusser, aber das ist die Ausnahme. In der Regel glauben die meisten DJs, den ganzen Abend nur einen Stil (House oder Techno) auflegen zu müssen, um kein Risiko einzugehen. Electrotracks sind im Gegensatz zu Techno unberechenbar, du weisst nie, wie die Leute reagieren. Andererseits fehlen natürlich auch mehr Plattenläden wie Formic, die die entsprechenden Platten anbieten. Wir sind aber ganz froh, dass es keinen Electro-Overkill oder feste Stilklischees gibt, so bleibt die Sache spannend. Im Grunde war Electro immer da, es ist so eine Art Basis elektronischer Tanzmusik überhaupt. Electrocord und das Formic Umfeld waren meist im Ausland bekannter als hier. Third Electric hat z.B. Glückwünsche von Mad Mike von Underground Resistance nach ihren ersten Veröffentlichungen bekommen, haben auf amerikanischen Labels veröffentlicht, ihre Platten (ebenso wie die Bolz Bolz Sachen auf World Electric) werden auch in England hoch gehandelt, aber es gab noch keine Stories in der deutschen Presse über sie. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir nicht so promotion-fixiert sind wie andere.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.