Musik ist der Weg, eine Modeboutique in jeder Metropole das Ziel. Das Pariser Label Kitsuné macht keinen Hehl daraus, dass sie hauptsächlich hip und erst in zweiter Linie Musikliebhaber sind. Das schafft ihnen viele Freunde.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 97

Kitsuné
Savoir faire qqc

Paris, erstes Arrondissement. Vorbei führt mein Weg am Palais Royal, an der kleinen Comédie Francaise hin bis zur Rue Thèrese. Nach dem Klingeln öffnet mir ein gut gelaunter Masaya die Tür zum Reich von Kitsuné auf zwei Etagen und ca. 50 Quadratmetern. Bei einem Glas Wasser kommt man ins Gespräch. Zu Recht vergleicht Masaya das Leben hier mit einem guten alten Bordeaux. Am Anfang noch ein bisschen streng, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, gibt es nichts Schöneres. Schließlich die Arbeit. Die neueste Compilation: Kitsuné Maison. Jeder der über vierhundert Köpfe auf dem Cover ist “Hand“-gezeichnet. Alles Bekannte der sechsköpfigen Kitsuné-Familie. Masaya berichtet, dass man vor Jahren angefangen hat zu zeichnen. Mit der Zeit haben die Leute dann geheiratet, Kinder bekommen, man hat Freunde von Freunden getroffen und so ist die Zahl der Köpfe gewachsen. 461 sind es auf dem CD-, 459 auf dem Vinyl-Cover. Ähnlich aufwendig werden Pullover, Jeans oder Polohemden hergestellt. Neben den Entwürfen war vor allem die Suche nach hochwertigen Stoffen bzw. Anbietern, die solche in kleinen Mengen fertigen, sehr zeitintensiv. Cashmere aus Schottland, Polos aus Frankreich und Denim aus Japan. Inzwischen ist auch Gildas eingetroffen. Einer seiner Schützlinge von Daft Punk, die Gildas seit Anbeginn managet, hat sich gerade eine neue Wohnung zugelegt. Nach kurzem Bericht über die Größe und vor allem den phänomenalen Ausblick auf Paris kommen wir zurück zum Thema. Während sich Masaya (als studierter Architekt) um die Modelinie kümmert, ist Gildas für all das verantwortlich, was mit dem musikalischen Output von Kitsuné zu tun hat. Mit “Maison“ erscheint schon die vierte Compilation. Neben der Exklusivität der Tracks (zum Zeitpunkt der VÖ) zeichnen sich die Zusammenstellungen vor allem dadurch aus, dass sie dem Zeitgeist in Echtzeit auf der Spur sind. Die richtigen Knaller wie Hot Chip oder Captain Comatose werden direkt für die nächste Veröffentlichung verpflichtet. Inzwischen wurde Digitalism aus Hamburg als erster Labelact gesignt. Hinzu kommt eine Verpackung, die sowohl ästhetisch als auch intellektuell ansprechend ist. Für die Illustration ist dabei die Londoner Fraktion um das “Abake“-Designteam verantwortlich. Hier zeigt sich auch eine der großen Stärken von Kitsuné: perfekte Arbeitsteilung. Schließlich ist Kitsuné japanisch für “Fuchs“, ein Tier, das im Land der aufgehenden Sonne für Intelligenz und Schönheit steht. Nimmt man die kulturhistorische Bedeutung des Fuchses in Frankreich hinzu, kommt man auch dem Konzept dieser multikulturellen Kreativmaschinerie um einiges näher.
Jede Veröffentlichung wurde von einem einzelnen Abake-Mitglied bebildert. Eine Analogie zwischen der grafisch-inhaltlichen Seite der Compilations und der Zusammenstellung der einzelnen Stücke lässt sich oft nicht wirklich ausmachen, ist aber, wie Gildas eingesteht, auch nicht unbedingt notwendig. Wichtig ist, dass jedes einzelne Element in Sachen Qualität und Aussagekraft für sich bestehen kann. Die sich aus dem Zusammenspiel von Musik, Mode und Grafikdesign ergebenden Querverweise dürfen getrost als Plus verstanden werden, sind aber eben nicht konstitutiv für die einzelnen Produkte. Dass es nämlich darum geht, bei aller Vielfalt stets den Anspruch im Auge zu behalten, wird auch ein paar Tage später deutlich, als ich mich noch einmal zum Interview in der Rue Thèrese einfinde:

Wie würdet ihr eure Arbeitsweise beschreiben?
Gildas: Viele Leute arbeiten eher vertikal und betonen den Punkt, dass sie eben genau “ihr Ding“ machen. D.h. zum Beispiel bei einem Musiklabel, dass man ihm einen bestimmten Track aus einer bestimmten Musikrichtung zuschreiben kann. Wir versuchen hingegen verschiedene Leute für uns zu interessieren, versuchen mit so vielen Leuten wie möglich zu kollaborieren und neue Leute zu finden, die wiederum interessant für uns sein könnten. Außerdem ist es wichtig für uns mit Leuten zu arbeiten, die gute Qualität produzieren, die das “Savoir faire“ haben, eben wissen, wie was zu tun ist.

Welche Rolle spielt die Qualität da genau? Masaya, du betonst z.B. immer wieder, wie viel Zeit du allein in die Jeans gesteckt hast?
Masaya: Ja, es ist wirklich eine Frage von Weitblick. Ich meine z.B., wie viele Marken sind in dem ganzen Pret-a-porter-Ding? Einfach zu viele! Also z.B. APC. Für mich haben die eine der besten Geschichten. Für die Jeans … einfach für alles. Die haben schon viele verschiedene Sachen gemacht, aber deren Chef-Designer Jean Touitou arbeitet sehr langfristig, immer mit Weitblick. Wenn man einfach nur einen kurzfristigen Erfolg landet – wunderbar – das machen wir mit unseren Kollaborationen. Einfach um eine neue Verbindung zu schaffen und etwas Cooles zu machen. Aber es ist auch etwas sehr Oberflächliches. Diese Sachen existieren nur eine Saison und danach ist es gut und vorbei.

Wie sieht das bei der Musik aus?
G: Das ist auch eine wirtschaftliche Überlegung. Weil wir inzwischen schon in einer Position sind, wo Leute genau schauen, was wir machen. Zu einem gewissen Zeitpunkt präsentieren wir einen Künstler natürlich auch einer bestimmten Zuhörerschaft, die wir haben. Auf der anderen Seite können wir viel lernen mit neuen Artists.

Wie entscheidet ihr als großes Team, was eure Prioritäten sind?
M: Alles in allem haben wir alle sechs Geschmack. Sechs unterschiedliche Geschmäcker, die sich wiederum dauernd ändern.
G: Am Ende funktioniert die Lösung eines Konfliktes so, dass derjenige die finale Entscheidung trifft, der an der Sache arbeitet. Wenn es z.B. um das Tracklisting geht, wäre ich derjenige, bei der Kleidung Masaya usw.

Kitsuné in zehn Jahren?
G: Im Grund wird es um die Kleidung gehen und unseren kleinen Shop. Einen kleinen Shop in Paris zu haben, einen kleinen Shop in Tokyo, einen in London, einen in New York. Und natürlich die Möglichkeit zu haben, überall zu arbeiten. So haben wir auch die Firma aufgestellt, dass Masaya und ich von überall aus arbeiten könnten.
D: Und in der nahen Zukunft.
G: Die wichtigste Sache ist Digitalism. Wir haben gutes Feedback bekommen von vielen, vielen …
M: … eigentlich von überall.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.