Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Denken sich die Schüler einer Berliner 10b und versauen sich so ihre erste Liebe zwischen Kirmestechno, Wodkaexzessen und polnischer Resopalhotellangeweile. Der adoleszente Tanz auf dem Sprachlosigkeitsvulkan.
Text: Silke Kettelhake aus De:Bug 64

Eigentlich ist nichts passiert – und trotzdem bleibt nichts wie es war. Mit seinem Debutfilm gelingen Henner Winckler unprätentiöse Momentaufnahmen aus einem Lebensabschnitt, dessen extensive Auflösung in authentischen Bildern von der Kamerafrau Janne Busse überzeugend kontrolliert eingefangen werden. Die stumpfe Alltäglichkeit der Sprachlosigkeit wird mit großem Mut zur Langsamkeit zelebriert, die innere Ödnis einer gescheiterten Liebe fast in Echtzeitszenen ausgelebt.

Eine Klassenfahrt in die Nachsaison. Die Sonne hat keine Kraft mehr, die Schatten der Sanatoriumsgäste werden immer länger. Nichts los in dem Kurkaff an der polnischen Ostseeküste. Zwischen sozialistischen Resopalcharme im zehnstöckigen Hotel und wodkagepushter Provinzdisco schlägt die Berliner 10b unter der Leitung ihres pseudoliberalen Klassenlehrers die Zeit der Herbstferien tot. Lasst uns doch drüber reden – aber Ronny redet nicht.

Der unscheinbare 16-Jährige mit den schönen braunen Augen ist einer dieser stillen komischen Jungen, die mit Aktenkoffern und Kombinationsschloss in der letzten Reihe sitzen und deren Namen die schicken Mädchen sofort wieder vergessen. In seinem Kopf scheinen noch die Märklineisenbahnen sich mit Playmobilhorden wilder Indianer zu kreuzen – und Isa, sein heimlicher Schwarm. Während ihre Freundin sich im Buffalo Plateauschuh-Contest der Beischlafquote der Klasse anpasst, verzieht Isa sich in ihren Kapuzenpulli am Strand. Wie von selbst gehen Isa und Ronny plötzlich nebeneinander Hand in Hand, einfach, weil die anderen zu laut sind. Sie reden nicht viel. Das macht die Laiendarsteller umso authentischer und den Film stark, der größtenteils die Dialoge aus dem Lexikon der Jugendsprache zu meiden weiß.

Stattdessen sprechen die Bilder. Marek, der Bademeistergehilfe aus der neureichen Hotelklitsche “Amber Baltic” erscheint auf der Tanzfläche und die klassich unglückliche menage à trois nimmt ihren Lauf. Als eine tragische Schicksalsgemeinschaft torkeln sie nachts über den Strand, sternhagelvoll. Tagsüber sonnt Isa sich in Mareks Aufmerksamkeiten und Ronny läuft Amok im Hamsterrad. Der Versuch, übers platte pommersche Land nach Berlin zu entkommen, scheitert, niemand nimmt ihn mit und der Gedanke an Isa lässt ihn nicht los. Um ihn herum rotiert der Ferienalltag aus Pingpongmatches, heimlichen Drogen- und Alkoholexzessen und penetrant aufklärenden Gesprächen des Klassenlehrers, der sich den Zugang zu seinen Schülern mit sozialdemokratischem Geschwätz vollkommen verbaut. Weiter ins trostlose Nirvana einer Endlosjugend ohne Fragen und Antworten: Der polnische Kirmestechno diktiert die öden Abende, das Lachen der anderen schallt über den Strand und Ronny implodiert in seinem selbstgewählten Außenseitertum vor Traurigkeit.

Die Schwere der Langeweile erinnert streckenweise an die Filme von Bruno Dumont (la vie de Jesus). Wie in der latenten Gewaltbereitschaft bei Dumont brodelt auch hier unter der vermeintlichen Ereignislosigkeit ein dramatischer Showdown. Und der Zuschauer ist dabei, gefesselt, als wäre er einer der Mitschüler, noch unscheinbarer und unauffälliger als Ronny.

Ein Film über das Leben, realismusgeladen und mit Steven Sperling als Ronny, Sophie Kempe (Isa) und Bartek Blasczyk (Marek) stilsicher besetzt. Kurz hinter Berlin liegt die deutsch-polnische Grenze. Pzygodda heißt Abenteuer!

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Mike

    Der Film lief gestern (22.01.2012) auf ZDF.Theaterkanal. Ich dachte mir, schaust´ ihn dir mal an. Deutsche Filme sind i. d. R. ja nicht so schlecht, wie oftmals zu Unrecht behauptet. Aber ganz ehrlich, ich hätte mir die Zeit sparen sollen. Der Streifen war genauso dröge und unlustig, wie die gesamte Kulisse: ein polnisches Ostessebad aus sozialistischer Zeit in der Nebensaison. Mein Gott, eine Stimmung wie auf dem Wolgograder Friedhof bei Graupelschauer! Dazu eine ostdeutsche Schulklasse mit lauter halbwüchsigen Krauthacken, die außer Saufen und Sprüchedreschen nix auf der Naht haben, gespielt von drittklassigen Schauspielern. Dazu eine Story, die man auch binnen 2 Minuten hätte erzählen können. Stattdessen zieht sich dieser Film jedoch an vielen witz- und sinnlosen Nebensächlichkeiten entlang wie ein Kaugummi in die Länge. Schlimm! Wer sich als Zuschauer im Abstand von 5 bis 10 Minuten mit dem Hammer auf den Schädel haut und dadurch bis zum Ende dieses Langweilers durchhält ohne einzuschlafen, der wird zu allem Überfluss auch noch mit einem offenen Ende “belohnt”, welches den Anschein hat, als habe sich irgendein Mitglied der Filmcrew mit dem Rest des ohnehin schon kargen Budgets aus dem Staub gemacht (was in Polen ja durchaus fix passieren kann). Alles in Allem war dieser “Filmgenuss” einer von jener Sorte, den man getrost in die Recyclingbox werfen kann. Obwohl… Nein, lieber doch gleich in den Sondermüll damit, denn die Gefahr, dass auch nur einige Elemente dieses Schrotts – z. B. einige der Laiendarsteller aus den tiefsten Tiefen des bildungsfernen Ostens unserer Republik – irgendwo anders wieder auftauchen, ist einfach zu groß.

  2. alex

    Ich muss dem vorredner (leider) recht geben!
    Habe hier etwas im netz gesucht um etwas zu dem Film zu finden.
    Mir hat er allerdings ein bisschen gefallen aber ! dann das offene Ende . .. hat meine Stimmung total zerstört.