Skream ist der Dubstep-Produzent mit dem Wobble-Bass und der Phobie gegen Grime-MCs.
Text: Alexandra Droener aus De:Bug 101

Skream

Skream freut sich. Endlich hat er ein passendes T-Shirt zu seinem Adidas Tracksuit gefunden. Zurückhaltendes Steingrau mit einem Stich ins Taubenblau ist ohnehin schon eine schwierige Farbe – umso befriedigender, wenn das matchende Mitbringsel mit einem ”Jamaica Super Dub Session“-Aufdruck versehen ist – just perfect.

Womit wir auch schon den Gipfel der Eitelkeiten bei Skream erreicht hätten, der 20-Jährige gibt sich bescheiden, etwas schüchtern und ganz und gar unprätentiös. Behütet von Bruder Frank und Gelegenheits-Party-Host Point ist er nach Berlin gereist, um als erster UK-Gast einer Forward-verbandelten Clubnacht, initiiert vom hiesigen Sublow-Spezialisten DJ Maxximus im Team mit Orson, Something J und Mack Jiggah, den gewünschten Flavour zu verpassen: Wir sprechen Dubstep.

Als Rephlex Records 2004 eine Dubstep Compilation recht ungeschickt mit ”Grime“ betitelt, nimmt die totale Konfusion nicht nur hierzulande ihren Lauf. Ein wütendes Aufbäumen der Schubladenpolizei, wildes Fingergezeige in alle Richtungen und der verbitterte Konsens, dass wie immer die Presse und der Hype an allem Unglück Schuld seien, sind die Folgen. Dabei hat der Mob nicht ganz unrecht, tatsächlich entspringt zumindest das Prädikat Dubstep Anno 2002 den verschlungenen Gehirnwindungen eines Musikjounalisten beim amerikanischen XLR8R und wird dankbar selbst vom Stammzellen-Label Tempa im fernen UK akzeptiert. Die See hat sich inzwischen geglättet, jedes Tierchen hat brav seinen Namen bekommen und wir dürfen uns wieder auf den Inhalt der Verpackungen konzentrieren.
Grime und Dubstep entspringen dem breiten Schoß derselben Mutter: Garage. Väter und Verwandtschaft aber kommen aus verschiedenen Lagern. Was des einen HipHop, ist des anderen Dub, wo es die einen hin zur Sonne, zum großen Geld drängt, schürfen die anderen unschuldig und reinen Herzens in den dunklen Stollen des Untergrunds. Hervorstechendes Unterscheidungsmerkmal bleibt die Abwesenheit von MCs, die Produktion an sich fungiert als Spielmacher von Dubstep- und Sublowtracks. Skreams Abneigung gegen die schier unkontrollierbaren Horden Londoner Grime-MCs scheint der einzige Bruch in seiner ansonsten so toleranten und friedliebenden Weltsicht zu sein. So hat er es noch nicht für nötig befunden, den MC Skepta Remix seines derzeit bekanntesten Tunes ”Midnight Request Line“ auch nur anzuhören. Lieber fiebert er voller Vorfreude dem ersten Birthday Bash seines bevorzugten Labels DMZ entgegen, der neben Digital Mystiks, Loefah, Vex’d und vielen anderen mit Joe Nice sogar einen amerikanischen Dubstepper auf die Bühne der St. Matthews Church in Brixton, South-London bringt. Skream liebt diese Raves, die im Gegensatz zu Poser-verseuchten und bewegungsarmen Grime-Nächten eher an frühe Jungle-Parties erinnern und ein tendenziell älteres, tanzwütiges und – Internet sei Dank – internationales Publikum im Namen der darken, mächtigen 40Hertz vereinen.

New Age Dance?

Skreams eigene Produzentenkarriere beginnt klassisch und wie so oft ganz zufällig: Junge hängt beim großen Bruder im Plattenladen um die Ecke rum, Junge fängt an dort zu arbeiten, Junge wird musikverrückt, lernt die verborgenen Qualitäten der Playstation kennen und fertig ist der selbst gemachte Track.

Derweil es sich bei besagtem Plattenladen um den leider inzwischen geschlossenen Big Apple Store handelt, dessen gleichnamiges Imprint mit dem hübschen Bananenschalen-Logo von Katalognummer 001 an Klassiker wie Artworks “Red EP“ oder Bengas “Skank“ hervorbringt, erklärt sich die musikalische Sozialisation Skreams und der Ort seiner ersten Veröffentlichungen ganz von selbst. Mittlerweile ist er für seinen unverwechselbaren Wobble-Bass, der ihm nach einigem Try&Error-Herumgeschraube mit seiner bevorzugten Software FL Studio 5 bestens gelungen ist, einschlägig bekannt. Parallel zur allgemeinen Entwicklung im Dubstep der letzten vier Jahre verläuft auch bei ihm der Weg weg von den tribaligen, Orient-inspirierten Sounds der Anfangszeit hin zu einer immer dunkleren, dubbigeren aber auch elektronischeren Atmosphäre, die er mit seinem Lieblingswort “sinister“ oder besser noch mit einem Begriff beschreibt, bei dem sich uns allerdings die Nackenhaare sträuben: am Ende wäre das doch alles ”New Age Dance“. Nun gut.
Im Juni erscheint Skreams erstes Album auf Tempa, wo er nach dem Hinscheiden von Big Apple exklusiv released. Noch ist es nicht ganz fertig, viel mehr aber als der letzte Schliff an diesem oder jenem Track liegt dem freundlichen Bassfanatiker der noch fehlende Titel im Magen. Wenn doch nur schon Sin City 2 in den Kinos laufen würde, um für die richtige Inspiration zu sorgen …

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Elektronische Lebensaspekte.