Immer schön zwischen die Stühle
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 120

Sebastian Meissner setzt sich bei seinem Ambient-Projekt Klimek mit Talk Talk genauso wie mit Ol’ Dirty Bastard auseinander und zwischen alle Stühle. Das ist wahre Dedication.

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Klimek ist in vielerlei Hinsicht eine konsequente Weiterentwicklung von Random Inc./Walking In Jerusalem, Sebastian Meissners Beitrag zur Geschichte von Mille Plateaux. Mit dem neuen Album Dedications geht sein Musikprojekt, in dem er sich mit dem Thema Distanz in seinen verschiedensten Erscheinungsformen beschäftigt, nun in die dritte Runde.

Der Musiker staunte nicht schlecht, als die auffällige Verpackung des Klimek-Debüts ”Milk And Honey“ von 2002 nur in wenigen Rezensionen zur Sprache kam. Dabei war sie explizit genug, um auf das Anliegen der Musik hinzuweisen: Auf dem Frontcover ein Foto der Trennmauer zwischen Israelis und Palästinensern, im Booklet sehr viel Stacheldraht. “Es ist immer wieder faszinierend, wie der Content aus dem elektronischen Musikkontext komplett ausgeblendet werden kann. Damals habe ich mir gesagt: Ich ziehe mich jetzt inhaltlich zurück. Mal schauen, was mit meiner Musik passiert, wenn ich nichts mehr dazuschreibe.“

Bei ”Dedications“ weisen nur noch die Tracktitel auf jene extramusikalischen Zusammenhänge hin, die für Meissners künstlerische Arbeit immer eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die Stücke sind Menschen gewidmet, Charakterpaaren mit einander entgegengesetzten Werten, Diskursen oder Persönlichkeiten – auf popkultureller (Marvin Gaye vs. Ol’ Dirty Bastard) wie auf persönlicher Ebene: Zofia Klimek (Meissners Großmutter) meets Gregory Crewdson, dessen in Hollywood-Dimensionen inszenierte Fotografie nichts anderes abbildet als Einsamkeit.

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Getreu Meissners langjähriger Produktionspraxis kommen bei Klimek ausschließlich Samples zum Einsatz – “die Quelle, die Knetmasse“ – und formen einen äußerst langsamen, subtil beunruhigenden Soundtrack. Die Hooklines sind genau gesetzt: Nach zwei Minuten dicken Streichern beispielsweise reißt ein akustischer Splitter kleine Risse in den John-Williams-Vorhang (For Steven Spielberg & Azza El-Hassan), an anderer Stelle verbinden sich verwehte Klaviertöne mit rosa Rauschen (For Mark Hollis & Giacinto Scelsi). Stille, ergreifende Melodien, die man im Setting erst nach einer Weile bemerkt – und nicht mehr vergisst. “Die Samples sind am Ende nicht wiederzuerkennen. Teilweise haben sie eine ewig lange Geschichte auf meiner Festplatte.“

Klimek begann auf Kompakt, war regelmäßig auf Pop-Ambient-Compilations vertreten, Dedications erscheint nun auf Anticipate, dem Label des New Yorkers Ezekiel Honig.

De:Bug: Warum ist Klimek umgezogen?

Klimek: Schon vom Klangbild her hat sich Klimek vom klassischen Ding, das Kompakt und Pop Ambient vermarkten, immer abgesetzt. Meine eigenen Tracks haben mich auf den Compilations manchmal sogar gestört im Vergleich zu den anderen, viel runder und fetter produzierten Beiträgen. Für Kompakt ist Dedications aus meiner Sicht einfach zu düster. Ich habe den Eindruck, dass ich mich immer zwischen die Stühle setze. Auch bei anderen Sachen – schwer einsortierbar. Ich verstehe mich nicht als Musiker, als Medienkünstler, als Fotograf, Sounddesigner or whatever. Ich verstehe Musik als Mittel. Das ist natürlich ein Vermarktungsmanko. Solange ich aber das Gefühl habe, dass ich noch was zu sagen habe, und es für mich einen Wandlungsprozess oder Bewegung geben kann, ist das zufrieden stellend.

De:Bug: Wie sieht es mit dem 80er-Einfluss auf deine Musik aus?

Klimek: Du, bei mir ist gerade ein ganz krasses Soft-Cell-Revival am Laufen. Ich liebe Pathos.
http://www.anticipaterecordings.com

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Elektronische Lebensaspekte.