Immer weniger sieht man ein, warum Werbung als einziges in den Stadtraum eingreifen dürfen soll. KM4042 arbeiten dagegen an. MIt ihren Produktionen zwischen Streetart, Design und Stadtdokumentation mischen die zwei aus Halle die herkömmlichen Grenzen neu. KM4042 verstehen dabei den öffentlichen Raum allerdings nicht nur als Plattform, die man sich aneignet, sondern ist daran interessiert, Teile der Stadt selbst wieder sichtbar zu machen. Stromkästen zum Beispiel.
Text: Arne Linde aus De:Bug 84

Tag Halle/ KM4042 sondiert Straßenbilder

Halle an der Saale hat einen architektonisch skurril zusammengewürfelten Marktplatz und eine Kunsthochschule. Letztere heißt “die Burg”, rund um den erstgenannten brechen sich Radfahrerinnen und Radfahrer regelmäßig die Knochen. Das desolate Kopfsteinpflaster des beschaulichen Örtchens ist inzwischen eindeutig ein Fall für die WHO, wahlweise amnesty international. Die Stadt ist pleite – und das sieht man auch. “Graffiti ist auch eine Form von Protest gegen die Verhältnisse”, sagt Christian Heinicke von KM4042. “Uns ist es wichtig, diese andere Seite zu zeigen. Man ist den ganzen Tag umgeben von Design und Gestaltung, von Werbung und Werbebotschaften. Hier in Halle sieht man sehr viel Verfall, Dreck und runtergekommene Ecken.” Auf der Website des Dokumentationsprojektes KM4042 sind Streifzüge durch die Stadt an der Saale festgehalten. Hunderte von Fotos zeigen Graffitis, verwitterte Plakate, Streetart, bröckelnde Fassaden. Die Bilder, die KM4042 präsentiert, stellen bewusst gesetzte Zeichen im öffentlichen Raum und die Spuren des Zerfalls kurzerhand auf eine Ebene: Beide Faktoren bestimmen Straßenbilder nicht nur in Halle. Aus beiden generiert sich eine Ästhetik des Unsauberen im urbanen Raum. “Das sind Informationen, die wirtschaftlich völlig uninteressant sind, frei von Marktmechanismen und keinen Verkaufswert haben.” Genau das steht in der Bildsprache, die KM4042 entwickelt hat, im Vordergrund. Der fotografische Ausschnitt rückt die Graffitis und Streetart-Arbeiten in den Fokus, ohne ihre Kontexte auszublenden. Die Stadt, ihre kulturelle und soziale Prägungsmacht sind ständig gegenwärtig. Und das Auge der Kamera zollt beidem Respekt – der intendierten Signatur und der Urbanität als ihrem Trägermedium.

Bastelbögen für Stromkästen

Daniela Krause, die andere Hälfte des Projektes, und Christian Heinicke studieren an der Burg Giebichenstein Design. Was als selbst gestellte Semesteraufgabe zum Thema visueller öffentlicher Raum entstanden ist, hat sich längst weiterentwickelt. Anfang des Jahres wurde die Website http://www.km4042.de online gestellt, monatlich oder öfter wird sie aktualisiert, kommen Fotoserien auch aus anderen Städten, Interviews mit Streetartists, Wissenschaftlern und Texte zum Thema “öffentlicher Raum” hinzu. Auffallend ist die stark an den Vorlagen aus dem Straßenraum angelehnte Gestaltung. Collagenhaft überlagern sich Tags, Writings, Fragmente von Plakaten und Fotos. Den designstudentischen Hintergrund kann KM4042 nicht leugnen. Und Produktgestaltung spielt ebenfalls eine Rolle. Jeden Monat gibt es neue, vollendet gestaltete Artikel zu erwerben. Die Taschen sind hergestellt aus einem Trägermaterial aus dem Baustoffhandel und Fundstücken aus der Stadt, die entweder direkt eingearbeitet oder als Tags per Aerolsol übertragen werden. Jedes Stück ist ein Unikat urbaner Kultur.
In Serie existieren Bastelbögen für Stromkästen, diese grauen Klötze, die in den Städten an jeder Ecke stehen und vor allem dadurch auffallen, dass man Plakate draufkleben und ein Fahrrad daran anlehnen kann. . “Der Sinn der Bastelbögen und des Slotmachine-Kartenspiels ist es, die Wahrnehmung spielerisch zu sensibilisieren für die Umwelt”, erzählt Christian, “viele Leute erkennen nicht auf den ersten Blick, dass es sich bei den Modellen um Stromkästen handelt.” Ein paar Schriften gibt es ganz umsonst, zum Herunterladen. Geld verdienen die zwei mit KM4042 ohnehin nicht. “Das ist auch nicht die Zielstellung. Wir lassen es auf uns zukommen, was passiert, und wünschen uns, dass sich mehr Leute beteiligen.” Aber schon jetzt ist die Website ein gehaltvolles Frühstück für alle, die mit Stadt, Gestaltung, Raum und Öffentlichkeit zu tun haben. Und sie erfüllt konsequent, was das Intro verheißt: “KM4042 bietet eine Alternative an, eine Entspannung für unsere Augen, eine neue Sichtweise der Dinge, die uns illusionslos und nüchtern die Ästhetik der Realität des urbanen Raums näher bringt.”

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Elektronische Lebensaspekte.