Lauers sinnlicher House
Text: Bjørn Schaeffner aus De:Bug 161


Foto: Bjørn Schaeffner

Phillip Lauer, der Melodien-Mann von Arto Mwambé, macht den sinnlichsten House in ganz Frankfurt. Mindestens. Ob solcher Verlockungen schmilzt schon mal eine 80er-Jahre-Ikone wie Gudrun Landgrebe dahin. Lauers Solo-Album “Phillips” erscheint jetzt auf Running Back. Da tanzen wir gerne in der Rhein-Main-Zentrale an: mit reichlich Wild-Pitch-Feeling und Schneisen fräsendem Trance.

Girls – Fun – Show. Das Heilsversprechen auf der Homepage des Lido Night Clubs in Frankfurt liest sich unmissverständlich. Dass sich das Amüsement an der Moselstraße aber mittlerweile um andere Reize dreht, ist für den Flaneur kaum auszumachen, wären da nicht die üblichen Partyverdächtigen, die in der Schlange stehen. Der einstige Stripschuppen ist jetzt ein Clubprovisorium und bittet mitten im Rotlichtviertel zum Tanz. Betrieben wird das Lido unter anderem von Weekend-Macher Oskar Melzer.
Von drinnen pocht warme Fluffyness. Nacht- und Kunstmenschen ergehen sich an der Bar in Szenegeplauder. Der Dancefloor? Klein und dunkel. Deckenleuchten schimmern in blässlichem Orange. Auf einem Podest liegt eine große Discokugel, im Passivmodus, elegant derangiert. Understatement, klar, darum geht es hier auch. Das Robert Johnson hat für diesen Donnerstag hübsche oldschoolige Flyer gedruckt. Beschworen wird der Geist der Wild-Pitch-Nächte, die in der Region in den Neunzigern für housige Erleuchtung sorgten. Auch Phillip Lauer, der jetzt an einem Rotary Mixer dreht, hat einst seine ersten Clubstunden im Wild-Pitch-Club verbracht.

Zuverlässig bezirzt
Er habe kaum geschlafen, sei müde, meint Lauer später beim ersten gemeinsamen Bier. Wegen seines kleinen Sohns. Clubauftritte versus Vaterpflichten: Das kann sehr wohl an die Ressourcen gehen. Wobei zu erwähnen ist, dass es Lauer just dank seiner Elternpause gelungen ist, konsequent an seinem Solo-Album “Phillips” zu werkeln. Anders sei das bei seinen Maxis gewesen, da habe er immer ewig rumgewurstelt. Nach Solo-EPs für Punkt, Séparée, Permanent Vacation, Brontosaurus und Live at Robert Johnson erscheint nun das Album auf Running Back, dem Label seines Kompagnons Gerd Janson, mit dem er unter dem Namen Tuff City Kids auch gemeinsam produziert. Lauer gilt als Melodien-Mann. Und wie die Melodien jetzt da sind: Das Album ist ein großes, nostalgisches Sehnen zwischen Deep House, Electro und Italo Disco. Abendglühen, Morgenrot. Man könnte auch Verführung sagen. Lauers Sound bezirzt fast so zuverlässig wie Gudrun Landgrebe im Musikvideo von Holger Wüst: Für den Einstiegstrack “70’000 AC” hat der Künstler Szenen aus “Die flambierte Frau” collagiert. Da wird am Ende virtuos mit der Konvention gebrochen: Der Track läuft aus, die balearische Gitarre verstummt, schwarzer Bildschirm. Dann lässt Wüst den Beat nochmals einsetzen. Zu Bildern, die jetzt buchstäblich zum Höhepunkt streben. Respektive zur Zigarette danach.


Foto: Oliver Hafenbauer

Lauers Album kommt ganz gelegen zur neuen Zuckrigkeit, die auf den Tanzflächen um sich greift. Der Erfolg der Running-Back-Teammitglieder Todd Terje, Tensnake und Tiger & Woods etwa hat dazu beigetragen, eine discoide Gangart von House zu etablieren. Der Durchstarter Tensnake hat gleich zwei Remixe für die begleitende Maxi von “Phillips” gemacht, ein weiterer geht aufs Konto des New Yorker Duos Runaway. Lauer: “Vielleicht ist da schon eine kleine Szene entstanden. Jedenfalls werde ich viel weniger dafür belächelt als noch vor drei, vier Jahren.”
Im Lido legt derweil Wild-Pitch-Gründervater Ata mit erstaunlicher Contenance Garage House auf. Der Grafiker Michael Satter erzählt, er habe gerade heute die fast 400-seitige Clubanthologie des Robert Johnson in den Druck gegeben. Oh, Frankfurt. Wo sonst trifft man einen Banker, der den Omar-S-Kanon runterbeten kann? Schließlich drängt ein jüngerer Lauer-Fan hinters Mischpult, der en passant fragt, ob man “Coppers” kenne, den zweiten Track des Albums. Das sei ja mal ein garantierter Hit, das werde sich in den Charts schon zeigen.

Wie eine Alf-Titelmelodie
Hitcharakter hat so vieles auf diesem Album. Zum Beispiel die chromblitzende Nummer “Miamisync”. “Tentatious”, wo der Bass so schön grummelt, während dazu slammende Pianochords Funken sprühen. Oder die weniger offensicht-
lichen Clubgeschichten: “Sheldor”, eine ins Epische tänzelnde Electro-Nummer der alten Schule. Gibt es einen Track, auf den Lauer besonders stolz ist? “Bei ‘TV’ finde ich wenigstens die ersten anderthalb Minuten gelungen. Das klingt ja ein bisschen wie eine Alf-Titelmelodie. Nur bin ich scheinbar der einzige, der diesen Track mag.”
Fragt man Phillip Lauer nach Anekdoten aus der Produktionsphase, meint er: “Es ist ja nicht so, dass ich mich vier Wochen eingeschlossen und nur von Knäckebrot und Tabasco ernährt hätte. Man kann aber sicher sagen, dass die Abmischung ein langer und schwieriger Prozess war. Ich hätte es ja in einem professionelleren Studio machen können, zum Beispiel bei meinem Arto-Mwambé-Partner Chris Beisswenger. Damit das schön fett und clubkonform klingt. Ich habe mich letztlich dagegen entschieden: Es sollte sich anhören, wie es sich eben anhört. So wie das da oben in meinem Studio rauskommt.”


Foto: Bjørn Schaeffner

In Lauers Dachboden in Frankfurt-Nordend regiert ein Durcheinander aus Keyboards, Synthesizern, Drummachines und Effektgeräten. “Wirklich präsent auf dem Album ist sicher ein Oberheim Matrix 1000. Weil der immer so praktisch in Handreichweite war. Und auch sonst eine Reihe billiger Geräte, die einen schönen Charaktersound machen.” Für sein Liveset setzt er auf eine Kombination aus Laptop, Soundkarte und Mischpult. “Ursprünglich hatte ich mir einen Multitrack-Recorder gekauft und diesen mit einer Festplatte aufgerüstet. Dann bin ich einmal damit geflogen und es ging prompt nicht an. Drum gilt jetzt: Man muss es einfach und schnell zusammen bauen können im Club. Auch als Sturzbetrunkener. Wenn ich dran denke, dass wir bei den Arto-Mwambé-Livesets zum Teil alles live geloopt haben, kriege ich immer noch Nervenzusammenbrüche.”

Distinguierter Neo-Trance
Zu später Stunde im Lido: Ata spielt den Caribou-Remix zu Virgo Fours “It’s a Crime”, dem Lauer einen bratzigen Electrotrack des französischen Duos Torb folgen lässt. Ein formidables Manöver, das einen für einen Moment über die Gretchenfrage des Clubbings sinnieren lässt: Was bringt eine Nacht zum Knistern? Wie springt der Funke über? Das Lido brodelt. Und nimmt Kurs in Frankfurter Trance-Gewässer. Dort löst sich dann alles in Arpeggios und flächigem Wohlgefallen auf. Zum Schluss gibt Lauer noch einen drauf. Den Klassiker der Berliner Band Mutter. “Und die Erde wird der schönste Platz im All …“. Jetzt meint man diesen Lauer-Sound begriffen zu haben. Der Mann pflegt einen liebevollen, ja nachsichtigen Umgang mit dem Plakativen. So entsteht dann auf dem Album etwa distinguierter Neo-Trance. Lauer, der Melodien-Mann? Eigentlich ist er vor allem ein cleverer Romantiker.
Tags darauf wird Lauer einem erneut sagen, er sei kaum zum Schlafen gekommen. Die Vaterpflichten. Aber er habe gestern im Lido so richtig tiefe Schneisen in den Dancefloor fräsen können. Und Lauer wird zufrieden grinsen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.