Stefan Heidenreich über das obligatorische D-Wort
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 112


Annie Leibovitz: Knut – Vanity Fair, USA 03/ 07

Eigentlich bietet sich der weiße kleine Eisbär gut wie kaum ein anderes Bildobjekt an, die Funktion eines alltäglichen Mythos zu erfüllen, das heißt: eine doppelte Codierung zu erzeugen, wie sie die Image-Werbe-Industrie so liebt. Annie Leibovitz hat sich gegen diese Versuchung erfolgreich zur Wehr gesetzt. Sie hat den Bären nicht als Symbol und nicht als Projektionsobjekt in Szene gesetzt – für die Klimakatastrophe, den Naturschutz, den Feinstaub, die Kinderarmut oder was weiß ich. Sondern sie hat ihn in ein anderes, für sie ganz un-typisches Foto-Genre eingeordnet: die Reportage. Dort zählt nicht der Bär, sondern seine Welt. Ein rammeliges Kopfkissen, ein Rechen, ein altes Handtuch, hölzerne Verschläge, ein bärtiger Mann. Wo sind wir? In einem Slum in Mexiko? Was hat der Mann vor? Sind wir Zeuge eines Verbrechens?

Geschickt entfernt sie den Bären aus einem visuellen Umfeld, das ihn zum Postkartenmotiv und Publikumsmagneten werden ließ. Keine Sonne. Keine Landschaft. Keine Freiheit. Ein tristes Zooleben hat seinen Anfang genommen. Und wenn sich der Kleine innerhalb der nächsten Monate zum kräftigen Raubtier auswächst, wird sie Recht gehabt haben.

Wer einen Pressetermin bei Knut beantragt, muss mittlerweile übrigens zusichern, die “Materialien nicht für Darstellungen zu verwenden oder zu überlassen, die die Zoologischer Garten Berlin AG oder ihre Mitarbeiter in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen”.

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Oliver Mark, Cover, Vanity Fair Deutschland Nr.14

Ja, Deutschland, das Spiegelstadium lässt grüssen. Gerade sagt das eben Neugeborene noch Ich, schon folgt das obligatorische D-Wort. Wenn Leibovitz der Doppelcodierung geschickt ausgewichen ist, so forciert im Gegenteil die D-Vanity-Fair ein Image, auf das man gar nicht ohne weiteres kommt. Knut ist nicht nur süß, knuddelig, cute, klimaschonend, herzig und lieb – nein, er ist auch deutsch, pardon: aus Deutschland.

Oliver Mark hat das Bärchen so abgelichtet, wie Ulf Poschardt den Deutschen mag. Ernst, entschlossen, aufrecht aus dem Schatten ins Licht tretend, am besten ins Licht der Weltgeschichte, warum nicht.

Wieder ein deutscher Weltstar. Einer mehr, in einer Reihe mit dem Benedikt, dem Florian Donnerbalken und dem Supermodel Heidi. Und Arnold Schwarzenegger. Nein, der ist Österreicher. Immer wieder diese Österreicher, die uns in unserem Deutsch-Sein-Wollen so schwer zu schaffen machen.

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Elektronische Lebensaspekte.