Seit zweieinhalb Jahren drückt das TV-Magazin 'Polylux' wöchentlich im sonst eher piefigen Regionalprogramm des Ostdeutschen Rundfunks aufs Gaspedal. Schnelle Geschichten aus der Region, verpackt im Non-Fiction News-Format. Erfunden hat 'Polylux' Kobalt Productions aus Berlin. Und die haben auch noch andere Eisen im Feuer.
Text: robert andersen/ aram lintzel aus De:Bug 33

/medien/tv/open source Fernsehen gern sehen. Kobalt Productions: Non-Fiction für die Popkultur. Kobalt Productions beweisen, dass es trotz aller Emotainment-Shows, Comedy-Derivaten und Daily-Talks noch möglich ist, Fernsehen mal anders zu machen. 1997 wurde die Firma von Stefan Mathieu (Produktion), Tita von Hardenberg (Redaktion) und Michael Khano (Kamera) gegründet. Zunächst produzierte Kobalt lediglich eine Sendung namens ãPolylux”, mittlerweile ist Kobalt zum Protagonisten eines neuen Fernsehformats geworden. Der Grund für diesen Erfolg dürfte wohl sein, dass Kobalt eben nicht Comedy oder Emotainment macht, sondern Non-Fiction Ð also klassischen TV-Journalismus. Ob dieser nun investigativ oder nicht, manchmal sogar ein bisschen populistisch ist, spielt dabei keine Rolle, denn er ist Non-Fiction für die Popkultur Ð nicht mehr und nicht weniger. Aushängeschild dieser neuen Non-Fiction-Art ist das Magazin Polylux, das innerhalb weniger Wochen zum erfolgreichsten Magazin des Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) wurde. Zugegeben Ð das allein wäre noch nicht besonders aussagekräftig, denn für diejenigen, die den ORB öfters einschalten, bekommt das Wort Wiederholungsquote eine ganz neue Qualität. Dass Polylux trotzdem ein Novum in der Medienlandschaft darstellt, liegt nicht so sehr am Inhalt, sondern eher an der Ästhetik des Formats. Man wäre fast versucht zu sagen, dass Polylux so etwas wie die Lokal-Tagesschau im MTV-Stil verkörpert. Auch wenn man dem nicht zustimmen möchte – der Polylux-Redaktion muss zumindest zugestanden werden, dass sie aus unprätentiösen Lokalnews immer noch relativ spannende Beiträge fabrizieren kann. Oberste Regel bei der Themenauswahl ist laut Tita von Hardenberg die eigene Perspektive Ð findet die Redaktion keinen Weg, einem Thema Tempo zu verleihen, fällt es raus. In der Praxis bedeutet das oft, dass Themen trotz ihrer Aktualität nicht gesendet werden. Kobalt leistet sich damit einen Luxus, der im Nachrichtengewerbe nicht gerade gängig ist. Möglich wird dies durch die langfristigen Produktionsverträge des ORB. Sie ermöglichen es den Zulieferern, langfristig zu planen und die Formate konsequent weiterzuentwickeln. Dennoch spielt die Zuschauerquote jedes Magazins eine grosse Rolle. Jeden Dienstag werden die Statistiken ausgewertet und nach Gründen für den Erfolg oder Misserfolg gesucht. Meistens, so Stefan Mathieu, lässt sich weder das eine noch das andere wirklich logisch begründen. So dass die Vermutung nahe liegt, dass man das Zuschauerverhalten trotz aller Erfahrung nicht bis ins letzte Detail durchkalkulieren kann. Gleiches gilt auch für das zweite Non-Fiction Format von Kobalt Ð das Musikmagazin “Tracks”. Es wird für den Kulturkanal arte hergestellt und orientiert sich an ähnlichen Grundvorstellungen. Tracks betreibt eine Art von Soundtourismus: Produktionsteams reisen durch die Welt, um von neuen Musikströmungen zu berichten und die entsprechenden Szenen zu porträtieren. Und obwohl das an sich eine ganz spannende Sache sein könnte und Tracks zudem auch ohne die lokalen Einschränkungen von Polylux agieren kann, wirkt das zweite Produkt aus dem Hause Kobalt Productions weitaus weniger überzeugend. Eine Ursache dafür könnte die wechselnde Produktionsverantwortung sein. Schliesslich wird Tracks nicht nur von Kobalt, sondern auch von zwei weiteren (französischen) Produktionshäusern betreut. Eine andere Erklärung würde sich aus der Zielsetzung von Kobalt ergeben, mit Tracks kein Special-Interest-Programm zu machen. Diese Intention hat natürlich einen inhaltlichen Spagat zwischen Mainstram und Independent zur Folge, der nicht für jeden nachvollziehbar ist. Oder vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Mischung aus Non-Fiction und MTV-Ästhetik seltsamerweise nicht für die Betrachtung von Popkultur eignet. So wirken ein und dieselben Stilelemente bei Tracks wie billige Eyecatcher-Effekte, während sie einem bei Polylux vollkommen adäquat vorkommen. Anscheinend zeigen sich die Grenzen der Non-Fiction für die Popkultur genau dann, wenn es um Popkultur im emphatischen Sinne geht. Dennoch sollte trotz der geringen Reichweite artes nicht ignoriert werden, dass Tracks ebenso wie Polylux ein recht erfolgreiches Magazin ist. Betrachtet man das bisherige Tun von Kobalt Productions (ein neues Content-Modell, zwei Erfolgsmagazine und Auftragsarbeiten für ãSabine Christiansen”, ãKulturreport” oder die BBC-Sendung ãOrpe”), stellt sich einem die Frage, warum Kobalt sich ausschliesslich auf Nachrichtenformate konzentriert. ãWeil wir das am besten können”, antwortet Stefan Mathieu lakonisch. Deshalb ist das nächste Ziel der drei Gründer auch weniger die Entwicklung eines neuen Formats als vielmehr der deutschlandweite Spin-Off von Polylux. Spätestens dann wird sich zeigen, ob ganz Deutschland die Konzeption Kobalts goutiert…

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Elektronische Lebensaspekte.