Text: Ullrich Gutmeir aus De:Bug 13

Deprogram! Reprogram! Kalt glitzernde Momente in Kodwo Eshuns Futurhythmachine. Ulrich Gutmair ulrik@art-bag.net Kodwo Eshun ist auf den englischen Popjournalismus schlecht zu sprechen. Der durchschnittliche Pop-Schreiber begreift schwarze elektronische Musik vor allem als emotionales Rückzugsgebiet und Ruhekissen, ermüdet von den hyperkomplexen Diskursen weisser Popmusik, die das fragwürdige Monopol besitzt, tatsächlich was zu sagen, so Eshun. Mit “More Brilliant Than The Sun” hat Eshun, der ansonsten für Wire und I-D schreibt, jetzt eine Antwort auf den Mythos vorgelegt, man könne gute Grooves nicht erklären, höchstens kaputtschreiben: Good music speaks for itself? Erst nachdem Breakbeats, Bleeps, Clonks und subsonische Bässe die textuelle Ebene von Pop in den Orbit gekickt hatten, wurde klar, wie sehr der traditionelle Popjournalismus an Zeichensystemen und Identitätspolitiken geklebt hat. Eshun kontert mit einer detaillierten Analyse der Òco-evolution of the futurhythmachineÓ, der Interpretation von Sounds und Rhythmen als Interfaces von Technologie und Körper. Seine ÒAdventures In Sonic FictionÓ, so der Untertitel, hören bewußt damit auf, überhaupt von Black Music zu reden und interessieren sich weder für die Mythologien der Strasse noch für extensive Rekonstruktionen schwarzer Geschichte. Stattdessen macht sich Eshun ans Überfällige und analysiert minutiös seine Lieblingsplatten daraufhin, wie Sounds und rhytmische Strukturen – vor allem der Breakbeat – organisiert sind und wie sie wirken. Eshun verzichtet auf Hegel und den Weltgeist, wenn es etwa darum geht, die Breaks von Goldie, die Slogantechniken von Parliament oder das Konzept der Sonic Warfare von UR zu analysieren. Was nicht heißt, daß “More Brilliant Than The Sun” auf theoretischen Background verzichten würde: Um sich von seinen universitären Cultural Studies Programmierungen zu befreien, greift er tief in die Medientheoriekiste, in der neben McLuhan et al. dann auch Vertreter britischer Technotheorien (Sadie Plant etc.) und der Kognitionswissenschaften herumliegen. Damit werden z.B. die Acid-Pioniere Phuture von Künstlergenies zu menschlichen Extensionen des Roland 303 Bass-Sequenzers umdefiniert. Was manchmal allzu aberwitzig selbst in die Popfalle tappt, führt an anderer Stelle dann wieder zu interessanten Wendungen. Die Idee von Soul etwa hat keinen Platz in Eshuns Überlegungen zur Kinaesthetik von Drum&Bass oder den verschiedenen Modellen akustischer Kriegsführung in Public Enemy oder Underground Resistance. Sein Konzept der Sonic Fiction macht sich an der Faszination fürs Maschinelle, Anti-Humanistische fest und argumentiert am liebsten mit dem vorhandenen Material: Plattencover, Tracktitel ,Vinyl, Plattenspieler, Tonarm. Den ÒconceptechnicsÓ, die deren Produzenten zur Abholung bereitgelegt haben. Das, was tatsächlich als Rhythmus, Sample oder Modulation aus den Boxen rauskommt und wie es in den Ohren, in den Beinen oder auf der Haut ankommt: ÒThe skin starts to hear for you.Ó Sonic Fiction überschreibt Eshun all das, was zwischen Plattencover, Vinyl und den Sounds, die darauf abgespeichert sind, passiert. Er verpasst dem Konzept der Black Science Fiction, was aus Veranstaltungen wie dem Berliner “Loving The Alien Kongress” leicht ausgeleiert herauskam, eine Infusion. Durch seine Mitarbeit an ÒLast Angel of HistoryÓ, der Standard-Doku zum Thema, hatte Eshun seinen Beitrag zur Popularisierung des Begriffs geleistet, damit aber auch dafür gesorgt, daß alles plötzlich irgendwie Black Sci-Fi war. Auf die Frage, ob Black Sci-Fi überhaupt mehr als ein netter Slogan sein könne, diktierte Eshun im Interview, das vor einem halben Jahr im Anschluss an Loving The Alien stattfand, eine ad hoc lecture aufs Band. Es folgen minimale Auszüge aus dem Flow des Human Word Processors. ZWISCHENÜBERSCHRIFT black science fiction is certainly not a slogan: its a possibility space Interview/Übersetzung/Slogan-Sampling: Chris Flor + Ulrich Gutmair Als ich mit Musikjournalismus anfing, bemerkte ich, dass man ihn als eine Form von Popanalyse nutzen konnte, die in der Öffentlichkeit stattfindet – Monat für Monat auf den Seiten von I-D oder dem Wire-Magazin. Das waren die Kanäle, wo man das ausprobieren konnte. Ein Schlüsselmoment für die Idee von Black Science Fiction war, als Paul Gilroy in *the black atlantic* argumentierte, die Moderne habe mit der Sklaverei begonnen. Der Massentransport, die Verschleppung von Menschen von Afrika nach Amerika, konstituiert einen absoluten Bruch innerhalb der Moderne, konstituiert eine existentielle Krise, eine weltgeschichtliche Krise, von der auch Nietzsche in seiner *Genealogie der Moral* spricht. Später -1992 – stellte Mark Sinker, der Herausgeber von Wire, die Analogie zwischen Alienentführung und Sklaverei her. Für ihn waren die beiden Dinge dasselbe: die Ausserirdischen sind schon längst gelandet, und zwar im 17ten Jahrhundert. Sie entführten eine ganze Reihe von Menschen und so entstand eine Serie genetischer Mutationen in Amerika. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass wir alle Nachkommen von Aliens sind, Mutationen dieser ersten Mutation. FuÜr mich war das ein extrem mächtiger Zug. Es öffnete ein Kontinuum zwischen Science Fiction auf der einen und Technotheorie und Musik auf der anderen Seite. Im Zusammenhang mit Black Science Fiction gibt es verschiedene Namen, was sehr gut ist, denn es ist sinnvoll, mit einem Cluster von Namen zu arbeiten: Black Science Fiction, Black Futurism, Atlantic Futurism, International Futurism, Sonic Fiction, Phono Fiction: Namen, die sich alle ähneln, sich aber auch wieder voneinander unterscheiden – und zwar simultan. Man muss in einer *swarm logic* denken. Man sieht das ganz gut, wenn man sich die meisten Geschichtsbücher ansieht: Sie setzen Definitionen, nach einer Weile tauchen Ausnahmen zu dieser Definition auf, also wird die Definition aufgegeben. Es ist also besser, nicht mit einer Definition zu beginnen, für die sich später wieder Ausnahmen finden, sondern pluralistisch mit einem ganzen Cluster von Begriffen zu arbeiten, von dem jeder einzelne ein Aggregat ist. Es ist eine *fuzzy logic*. Die Begriffe umkreisen ein Feld, aber sie schliessen es nicht. Also arbeitet man mit 5 oder 6 Konzepten gleichzeitig. Man denkt parallel, es ist ein Möglichkeitsraum, der sich von den traditionellen Ideen von Black Culture entfernt, also der Idee der Strasse, von Maskulinität oder Ethnizität. Das drückt auch eine gewisse Langeweile aus. Ich bin einfach gelangweilt von der Idee der *Identity Politics*, der traditionellen Cultural Studies: die neue Herangehensweise entstand so aus der extremen Trägheit der Alten. Ich selbst bin mit den Cultural Studies aufgewachsen und bin ihnen lange Zeit gefolgt, aber Anfang der neunziger Jahre wurden viele ihrer Ideen träge und statisch. Es wurde so vorhersehbar: jemand gab einen Input ein, und der Output war vollkommen vorhersehbar. Immer wieder hiess es: dies ist *essentialistisch* und das ist *essentialistisch*, das ist *reduktiv* und jenes eine *Aneignung*. Diese Begriffe wurden unaufhörlich benutzt. An so einem Punkt werden Begriffe zu *Concept Toxins*. Sie werden giftige Konzepte, sie haben buchstäblich Auswirkungen auf das Gehirn, man kann beobachten, wie die Körper von Leuten schwer werden, das ist die Wirkung von *Concept Toxins*. Sie erhöhen buchstäblich die Schwerkraft, die auf dem Körper lastet, man kann Menschen zusammensinken sehen, sie werden flüssig, brechen zusammen. Es ist so langweilig 95 habe ich dann angefangen, dieses Buch *More Brilliant Than the Sun* zu schreiben. Das Buch verfolgt die Science Fiction Anteile in verschiedenen Musikfeldern und wird zur gleichen Zeit eine Chronik der Co-Evolution von Menschen und Maschinen. Das ist so gemeint, dass Maschinen eine Mutation des Rhythmus ausgelöst haben, und Rhythmus führt meiner Meinung nach zu einer Mutation des Körpers, da meine Definition von Körper die Unterscheidung zwischen Körper und Geist aufhebt. Für mich ist der Körper ein verteiltes Gehirn. der Körper ist ein grosses gehirn, der ganze Körper denkt. Es stimmt nicht, dass nur das Gehirn denkt, und alles andere ist nur ein Nerv. Zum Beispiel die Wirbelsäule, die den Hals mit dem Rücken verbindet. Dieser gesamte Abschnitt denkt. Er schwimmt in Hormonflüssigkeit, er überträgt chemische, neuronale und neuro-elektrische Informationen. Dann schwimmt das Gehirn selbst in Flüssigkeit. Die Neuronen des Gehirns, die Synapsen, sie sind im Gehirn konzentriert, verteilen sich aber auch über den ganzen Körper. Eine grosse Inspiration waren auch Daniel Dennett und sachen, die Sadie Plant über Konnektionismus geschrieben hat, über neue Entwicklungen in der Robotertechnologie, und dass Intelligenz nicht mehr als zentral verstanden wird. In früherer Robotertechnologie versuchte man noch ein zentral Steuerndes Gehirn zu bauen. Das kannst du immer noch bei R2D2 in *Star Wars* sehen, oder bei *Roby the Robot*. Von *Metropolis* bis hin zu *Star Wars* findet man Anthropomorphe Roboter, verbunden mit der Idee, dass ein Gehirn Nachrichten zu dem Rest des Körpers, den Armen und den Beinen schickt, und dann bewegt er sich. Seit den frühen Achzigern veränderte sich das vollständig, als man erkannte, dass Intelligenz so einfach nicht funktioniert. Intelligenz ist nicht zentral. Intelligenz ist über den ganzen Körper verbreitet. Du hast nur noch lokale Intelligenz. Du brauchst kein Gehirn, das der Hand sagt, wie sie sich zu bewegen hat, die Hand arbeitet von sich aus. Die Komplexität von kleinen Systemen fügt sich zusammen zu einem grösseren, komplexen System, das Bewusstsein generiert. Bewusstsein funktioniert nicht top-down von einem Zentrum aus zum Rest des Körpers hin. Bewusstsein funktioniert bottom-up in kleinen Schritten und das war sehr wichtig. Wir sind genauso das, was wir hören und sehen und fühlen und berühren – so, wie wir das sind, was wir denken. Das ist die Idee, dass jeder Teil des Körpers denkt. Der Taktilist begibt sich auf eine Reise seiner Hand. Und genau das tut der DJ. Der DJ ist ein Raktilist, er begibt sich auf eine Reise seiner Hand. Der DJ hat eine taktile Wahrnehmung. Du kannst das sehen, wenn er die Platte antippt, sie dreht. Der ganze Skratch ist manuelle Wahrnehmung und das ist irgendwie faszinierend. Ich glaube, in der Zukunft wird der DJ extrem entwickelte Fingerspitzen haben – DJ-Mutation! Alle werden diese ekligen Fingerspitzen haben, weil sie super-empfindlich sind, wie Blumenstempel, sehr gross, riesige näpfe, wie bei Fröschen. Ihre Köpfe werden an ihre Schulter angewachsen sein. Ungefähr in zwanzig Jahren werden ihre Beine verkümmert sein, weil sie ja nie tanzen. Sie werden im Rollstuhl sitzen, verkümmert. Auf jeden Fall passiert da ziemlich viel an fingerspitzen-wahrnehmung. Dann gibt es noch die Idee des Körpers auf verschiedenen Ebenen der Evolution. Jungle hat wahrscheinlich die Intelligenz der Füsse stark weiterentwickelt. Die art, wie Jungle den Dtepper und den Dtep betont. Drum&bass betont den Stepper, zum Beispiel bei Jump-up, wenn der Beat wie ein Propeller wirkt. Er ist wie ein Trampolin, das dir einen Schub in die Ferse gibt und deinen Schritt springen lässt. Die ganze Aufmerksamkeit ist auf die Füsse konzentriert. Es ist, als ob sich die Füsse emanzipieren, ihren Status als unterdrückte Einheiten am unteren Ende des Körpers abwerfen. Man muss sich die Intelligenz der Füsse bewusst machen. Ich sehe Rhythmus als eine abstrakte Maschine, die den ganzen Körper anspricht. Rhythmus ist parallele Musik. Um Rhythmus zu verstehen, darf man sich nicht auf die einzelnen Noten konzentrieren. Man muss parallel hören. Das erste mal, als ich Mantronix’ *Kings of the Beats* gehört habe, habe ich mir den Loop angehört und das war wirklich erstaunlich. Ich konnte den Loop-point nicht hören, den Punkt, an dem der Rhythmus sich selbst wiederholt. Um Rhythmus zu verstehen, muss man aufhören, den einzelnen Noten zu folgen und auf Muster-Erkennung umschalten. Das entwickelt deine Fähigkeit, dir zeitlich parallele Systeme anzuhören. Afrikanische Trommelensembles sind parallele Systeme. Sie arbeiten mit einfachen, simultanen Rhythmen, die dann aber parallel übereinanderliegen. Durch diese Verknüpfung der Rhythmen erhält man unglaubliche Ebenen von Komplexität. So kann man sich Rhythmus als *Connection Machine* vorstellen, die kleine Informationseinheiten zu komplexen Gebilden aufbaut. Ich glaube, das spricht den ganzen Körper auf einer Hyperrhythmischen Ebene an. Der ganze Körper wird mutiert. Jungle hat das ermöglicht. Plötzlich hatte man diesen posthumanen Rhythmus, der simultan arbeitet. Die Wiederkehr des Erstaunens des Körpers ist ein sehr wichtiges Zeichen. Es geht um eine erneute Verzauberung der Idee des Körpers, und es gibt eine Menge Musik, die genau das tut. Aber das ist keine Politik mit grossem P, keine Marschieren-Und-Demonstrieren-Politik, sondern sinnlich/sensorische Politik. Und die ist genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, weil deine Hände du selbst sind. Es geht dabei um eine andere Form von Politik, die sehr viel mit Mnemotechnik zu tun hat. (Nietzsche redet in *Genealogie der Moral* sehr viel davon, wie die Konzepte von Wahrheit, Recht, Gesetz und Moral als Resultat eines langen Prozesses der Bestrafung materieller Aspekte entstehen.) Man kann das sehr gut sehen, wenn man sich Tischmanieren ansieht. Ich denke da an Norbert Elias: *Der Prozess der Zivilisation*. Deine Mutter sagt dir: “Nimm den Ellenbogen vom Tisch.” Das ist ein soziales Gesetz, das in den Körper eingeschrieben wird. Es wird muskulär, es wird zu einer Geste, es materialisiert sich. Du hälst dein Kinn auf eine bestimmte Art, und deinen Nacken auf eine andere. Das ist echte Politik. Das ist Politik direkt auf der Ebene des Körpers. Und das ist kafkaesk: Das Edikt des Gesetzes wird in den Körper selbst eingeschrieben. Und bei Musik geht es oft darum, die vom Körper verinnerlichten Gesetze wieder zu verlernen. Als diese Gesetze in den Körper eingeschrieben wurden, hatte man noch keine Chance, sich dagegen aufzulehnen: Als Kind glaubt man seiner Mutter. Und wenn deine Mutter sagt, nimm deine hände vom Tisch, dann macht man das einfach. Dann, mit zehn wunderst du dich, warum du dich verkrampfst, wenn du in einer bestimmten Stimmung bist, oder warum dich bestimmte Gesten so im Griff haben. Und genau das ist Politik. Kodwo Eshun: More Brilliant Than The Sun. Adventures In Sonic Fiction. Quartet Books. London 1998. £10.00 OUT NOW! Das Interview wurde remixt und liegt als RealAudio File unter http://www.art-bag.net/convextv/1jan98.htm ZITATE: Die Platte ist eine Maschine, die dir sagt, daß Du weitere Platten produzieren musst. Menschen haben keine “Ohrenlider”: Musik kann einfach durch die Ohren in ihren Kopf kriechen und den eingerichteten Kopf neu arrangieren.

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Elektronische Lebensaspekte.