M wie Fantasy
Text: Maximilian Best aus De:Bug 166

Fotos: Rudolf Benoit

Kompakt. Kein anderes Label hat die musikalische Entwicklung in Köln derart vorangetrieben und beeinflusst. Und ganz nebenbei über die Jahre den Künstlerstamm verjüngt und das Album das stilprägendes Statement neben der 12″ mit in den nach wie vor fulminanten Output integriert. Michael Mayer, einer der Kompakt-Gründerväter, meldet sich nun selbst nach acht Jahren mit einem Solowerk zurück, einem sehr vielschichtigen Album, das weder auf Dancefloor-fremde Nummern noch auf die gewohnten Smasher verzichtet. Für DE:BUG lässt er eine knappe Dekade Dancefloor und Techno-Business Revue passieren: Wir werfen einen Blick auf den Status Quo am Rhein.

Am ersten Septembertag lädt Kompakt zur Listening-Party des neuen Albums nach Köln ein. Selbst wenn es nichts zu feiern gäbe – Kölsch und Schnittchen gibt’s den Sommer über an Freitagen bei Kompakt im Laden sowieso immer. Das ist sozusagen die Kölsche Frohnatur – einfach aus Spaß an und mit den Freunden. Essen ist überhaupt eine große Sache in Köln. So werde ich auch schon mittags ins Belgische Viertel bestellt. Das ist, wenn ich das richtig verstanden habe, das Berlin-Mitte von Köln – nur halt ein bisschen kleiner. Jedenfalls lässt hier um 13 Uhr in der Kompakt-Zentrale jeder, vom Praktikant bis zu den Chefs, die Finger von der Tastatur, denn dann wird zusammen gespeist. Gekocht von der hauseigenen Köchin, immer vegetarisch. Wie eine große Familie sitzen dann alle in einem wohnzimmerähnlichen Raum über dem eigentlichen Office an langen Bänken. Hier wird zwar auch ein bisschen über das Geschäft gequatscht, aber da viele der Kompaktis selbst Familie haben, wird meistens über die noch schöneren Dinge des Lebens philosophiert. Als ich später durch das Büro geführt werde, steht in der hintersten Ecke des Raumes eine schmale aber große Gestalt mit gütig blickenden Augen und leichtem Lächeln auf und begrüßt mich – das ist also der Mayer. Den Stress, den er gerade hat, merkt man ihm kaum an. Nur schnell noch eine Zigarette und ein kurzes Telefonat, dann treffen wir uns in dem Raum, der gerade noch als großes Familien- Esszimmer fungierte.

Das kompakte Delirium

Für Michael Mayer beginnt das alles in einer Kinderdisco im Schwarzwald. Der DJ, der dort Italosmasher für die Kids zusammenmixt, beeindruckt Mayer sofort. Mit 14 werden also der erste Plattenspieler angeschafft und Schulpartys organisiert. Später wird er von einer halbjährigen Residency in der lokalen Großraumdisco gefeuert, lernt Tobias Thomas kennen und zieht diesem nach Köln hinterher.
1993 dann das große Zusammentreffen: Michael Mayer, Wolfgang Voigt, sein Bruder Reinhard Voigt, Jörg Burger und Jürgen Paape. Mayer war zu der Zeit Techno- und House-DJ und Wolfgang Voigt spielte sich in Sphären um die 150 BPM in Extase. Die Fünf eröffnen den Kölner Ableger einer Plattenladen-Kette aus Frankfurt. Es entsteht Delirium Köln. Warum soll am Rhein nicht auch funktionieren, was in Hamburg, Frankfurt, Berlin und dem Rest der Welt funktioniert? Gute Platten verkaufen. Das Ganze geht gut bis etwa 1998. Voigt und Voigt, Burger, Paape und Mayer haben sich inhaltlich und musikalisch zu weit vom Mutterschiff entfernt, sie werden einfach von anderen Sounds bewegt. Nicht von Goa, nicht von Trance. Damals war es üblich, dass für alle Sub-Genres auch ein Sub-Label gegründet werden musste. Burger und Voigt waren ganz vorne mit dabei. Ein bis zwei Hände voll Labels hatten beide am laufen. Mayer war mit Forever Sweet Records und mit NTA (New Trans Atlantic) beschäftigt. Es musste also etwas passieren – 1998, erklärt Mayer, war es dann soweit: “Es wurde einfach alles viel zu unübersichtlich – der Plattenladen hieß Delirium, alle unsere Labels hatten unterschiedliche Namen und die Partys, die wir veranstaltet haben, hießen auch wieder anders. Es wurde immer schwerer, in einem Satz zu erklären, was wir überhaupt machen. Wir beschlossen also, unsere Einzel- Identitäten zu Gunsten eines größeren Ganzen aufzugeben. Wir wollten es kompakt.”

Ständige Inspirationsquelle
Über die Jahre wurde Kompakt immer ein bestimmter Sound unterstellt. Sei es “Shuffle-House”, “Köln-Minimal” oder “Köln-Techno”. Irgendwie hat man immer versucht, Kompakt musikalisch zu kategorisieren. Aber wieso auch nicht – gab es doch jahrelang im Kölner Stadtbild kein anderes Logo, das präsenter war und keine anderen Platten, die öfter gespielt wurden. Alle sind nach Berlin abgehauen und Kompakt macht das denkbar Beste draus. Die Arbeit zahlt sich aus. Kompakt gehört heute zu den weltweit größten deutschen Techno- und Houselabels, die von nicht wenigen DJ-Größen ständig als Inspirationsquelle zitiert werden. Der Kompakt-Sound hatte trotz viel Schubkraft immer den nötigen Soul mit einer Priese rheinischem Lokalpatriotismus, der sich sowohl im Artwork wie auch in den Veröffentlichungen selbst widerspiegelte – das fanden im Ausland auch alle super. Wie das z.B. auch ihrer Zeit schon bei Kraftwerk aus Düsseldorf der Fall war. Veröffentlichungen wie die “Kafkatrax” von Wolfgang Voigt, Disco-House-Tracks mit deutschen Vocals von Jürgen Paape oder das Kölner Stadtlogo, das sich durch die Veröffentlichungen zieht wie der Rhein von den Alpen bis zur Nordsee. Das alles ist Kompakt.

Drei Pfeiler waren den Kompakt-Gründern Mayer, Paape und Voigt immer wichtig: Techno, Ambient und Pop. Über die Jahre hinweg in ganz unterschiedlichen Ausprägungen, aber das war der Sound von dem alle drei getrieben wurden. Und zu einer Zeit, in der zum Großteil DJ-Tools über die Ladentheke gehen und vor allem auch produziert werden, ziehen die Kölner 1999 das Sub-Label Speicher aus dem Ärmel. Sie hatten genug von stumpfem Gekloppe und Tracks, die keine Geschichte oder eine gewisse Dramaturgie hatten. Man bediente sich schon immer lieber bei Pop-Strukturen, die sich auch in einer Techno-Welt behaupten konnten. Trotz einer weltweiten Distribution hat sich Kompakt immer einen persönlichen Dreh im eigenen Sound bewahrt. Mittlerweile haben sich Paape und Voigt relativ weit aus dem täglichen Geschäft zurückgezogen. Mayer ist der letzte Kapitän an Board, und gerade was die A&R-Geschäfte angeht der Chef vor Ort. Wie er aber die Musik aussucht und was veröffentlicht wird, das entscheidet der Bauch, bzw. das Gen: “Es gibt nach wie vor so etwas wie ein Kompakt-Gen in der Musik – etwas worauf ich reagiere. Die Sensibilität in der Musik, die ich suche, wurde sehr stark durch unsere Anfangsjahre geprägt, durch das Arbeiten mit Wolfgang, Jörg und Jürgen. Diese kollektive Idee des Aufbruchs, sich Dinge zu trauen, die andere nicht machen – einfach mal Behauptungen aufstellen, dass wir das und das super finden. Diese Momente fand ich immer am spannendsten bei Kompakt.” Das ist auch das, was Mayer bei seiner täglichen Arbeit antreibt und was ihn wirklich glücklich macht – die Vielfalt an Sounds und die Vielfalt der vorhandenen Menschen. Er erzählt euphorisch: “Wir haben mittlerweile auch ein ganz tolles Sammelsurium an Charakteren: Präsident Bongo von GusGus, Justus Köhncke, Thomas Fehlmann oder Fetish von Terranova. Das sind alles völlig unterschiedliche Menschen, die ganz andere Hintergründe haben. Aber irgendwo trifft man sich und es fügt sich ein, ohne dass man viel daran rumschrauben muss.

Mayers Fantasy
Und einer dieser Charaktere ist er eben auch selbst. Nach langer Zeit erscheint nun das zweite Soloalbum des passionierten Labelmachers und erfahrenen DJs: “Mantasy” – was soll das eigentlich bedeuten? Michael Mayers Fantasy? Richtig darauf antworten kann er mir nicht, der Mayer. Es habe viele Interpretationen gegeben, vor allem von seinen schwulen Freunden, die fanden das nämlich ganz toll, weil sie wohl an so etwas wie “Male Fantasy” dachten. Scheinbar gab es da in den 70er-Jahren auch mal einen sehr bekannten Porno, der so hieß. Danach hat er dann mal gesucht und das Ganze recherchiert. Es gibt überhaupt tausende von Auslegungsmöglichkeiten, tausend Themen, mit denen man den Titel verknüpfen kann, aber natürlich fasst keiner genau das zusammen, was Mayer sich dabei dachte, als er im Urlaub am Strand stand und ihm dieser Name einfach in den Sinn schoss. “Mantasy” ist nicht seine Fantasie und auch kein Schwulenporno – am genausten beschreibt der Titel noch eine Reise. Die Reise zur Produktion eines Albums, bei der das Ziel von Anfang an überhaupt nicht fest stand und die Produktion eher bauch- und gefühlsgesteuert sein sollte. Seit seiner letzten Platte von 2004, “Touch”, hat sich zwar vieles getan, das Handwerk ist allerdings immer schon dasselbe: “Bei mir steht zu Anfang immer ein Sample, das dann durch den Fleischwolf gedreht wird und oft direkt wieder raus fliegt. Aber die Aura des Samples bleibt immer da. Alles andere ergibt sich erst durch das Sample.” Das Ergebnis dieser Sample-basierten Arbeit hört man sehr schön in der Nummer “Rudi was a punk”, die von einem ganz prägnanten Sample-Loop vorangetrieben wird. Das Album kann auch nicht als die typische “Houseund- Techno-DJ-macht-ein-Album”-Platte bezeichnet werden. Einige der Tracks, wie z.B. “Roses”, “Lamusetwa” und besagtes “Rudi was a Punk” stehen ganz außerhalb des Club-Kontexts – hier herrscht ein ganz anderes Tempo und eine ganz andere Stimmung. Natürlich fehlen nicht die Smasher, die man ruhigen Gewissens zur Peak-Time reinmischen kann. “Mantasy”, der Titeltrack, wäre da ein Spitzenkandidat.
Sieben Monate hat er sich intensiv um die Arbeit an “Mantasy” gekümmert, sich im Studio eingeschlossen, sich temporär von der zweiten Familie Kompakt zurückgezogen und Gigs massiv zurückgefahren. Trauma und Inspiration Inspiration holt sich Mayer vor allem aus anderen Genres. Privat wird kaum House oder Techno gehört, es sei denn, er bereitet sich auf einen Gig vor. Eine der größten Inspirationsquellen ist für ihn die Musik der David-Lynch- Soundtracks, vor allem von Twin Peaks. Einflüsse kommen aus aller Welt: “Ich schätze Musik, über die ich einfach so stolpere und dann ganz toll finde. Weltmusik z.B. Es gab in den letzten Jahren so viele tolle Reissues. Ein großartiger Künstler aus dem Iran, der in den 70er-Jahren tolle psychedelische Musik gemacht hat. Oder Volksmusik aus Pakistan. Ich habe mittlerweile sogar angefangen Jazz zu hören.” Bei allem was ihn inspiriert, lässt er sich erst vom Auge und dann vom Ohr leiten: “Ich kaufe auch oft nur Platten nach dem Aussehen. Jazz, alte Soul-Platten oder Psychedelic – da gehe ich einfach nach der Schönheit des Cover und höre mir das erst zu Hause an. Dabei habe ich schon so tolle Musik entdeckt.” Neben seinen eigenen Produktionen hat Mayer allerdings noch eine andere große Leidenschaft, sein Saxophon, das er für die Produktion von “Mantasy” auch noch mal hemmungslos in Beschlag nehmen konnte. Aber so schön war das nicht immer: “Das ist gleichzeitig eines meiner größten Traumata. Ich bin in den 80er-Jahren mit Musik groß geworden und da gab es in jeder coolen Band einen Saxophonisten. Ich habe dann angefangen Geld zu sparen, um mir endlich ein eigenes Saxophon zu kaufen – das war mein großer Traum. Und als es dann endlich soweit war, ich es endlich hatte und darauf spielen konnte, da kam auf einmal Acid House und Dance Music um die Ecke und dort war das Saxophon völlig verboten. Seitdem gibt es ja auch kaum noch coole Bands, die einen Saxophonisten haben. Das war sehr, sehr ärgerlich für den kleinen Michael.

Michael Mayer, Mantasy, ist auf Kompakt erschienen.

Und sonst so, Herr Mayer?
Weil er nie gerne auch nur einen Teil des Abends abgibt, weder Warm-Up, noch Peak-Time, noch Afterhour, hat er beschlossen, eine “Mantasy”-Tour durch seine persönlichen Lieblingsclubs weltweit zu planen und dort dann die ganze Nacht aufzulegen. Nur er alleine. Dann ist er in seinem Element: “Das ist meine Leidenschaft – Musik sinnvoll aneinander zu ketten, das ist mein Ding.” Hat Michael Mayer Mix-CDs denn einfach lieber als Soloalben? “Ich finde es schade, dass das Format Mix-CD so ein bisschen ins Abseits gekickt wurde. Eine Mix-CD sollte meinem Verständnis nach viel mehr Arbeit machen als ein Club-Set, für die Ewigkeit sein, anders als ein Podcast. Ich vergleiche das gerne mit einem Schnappschuss von der Digitalkamera und einem guten, scharfen Foto einer Spiegelreflexkamera. Als ich letztes Jahr den Mix von Dixon auf dem Robert-Johnson-Label gehört habe, dachte ich mir ‘Okay, das war’s jetzt! Das ist die letzte, das ist die beste. Aber nun ist auch schon wieder ein Jahr vergangen’, sagt er verschmitzt. Wenn man nach dem Mayer-Muster geht, müsste nächstes Jahr eigentlich die “Immer” Nummer 4 rauskommen. Und was Kompakt angeht, hat der Chef auch alle Hände voll zu tun. Es ist die Zeit im Jahr, in der er schon auf den Release-Kalender für das nächste Jahr schielt – da hat sich bereits so mancher mit Alben angekündigt. Aber für diesen Mayer kein Anzeichen von Anspannung oder Nervosität – wie jemand der gerade aus dem Urlaub kommt, sitzt er mir gegenüber. Nach unserem Gespräch gehen wir zurück in den Plattenladen, wo schon einige Leute eingetrudelt sind, um sich von Mayers Album zu überzeugen – es ist ja Listening Party! Eigentlich sollte er “Mantasy” heute persönlich vorstellen, mit Insider-Geschichten zu jedem Track. Dazu hatte er aber keine Lust. Man kann sich die Platte einfach an mehreren CD-Playern anhören und Mayer legt ein paar Platten im Laden auf, das macht ihm mehr Spaß und entspricht Mayer auch irgendwie eher – alles ruhig und gediegen. Meistens legt, wenigstens Zuhause, nämlich nicht er die Platten auf, sondern seine Kinder – die sind heute natürlich samt Ehefrau auch auf der kleinen kompakten Familienfeier und turnen zwischen den Gästen und den Kunden herum. Der Laden ist voll, es gibt Kölsch und Knabbereien in rauen Mengen, junge Leute kommen zum Plattenkaufen oder einfach nur um Gratisbier zu trinken, alte Kölner DJ-Freunde tauchen auf und schnacken den Mayer lustig an, der bescheiden neben der Ladentheke an Platten dreht. Ein ganz normaler Freitag in familiärer Atmosphäre im Belgischen Viertel in Köln.