Köln hat Soul
Text: Maximilian Best aus De:Bug 166

Damiano von Erckert – das ist der Name eines jungen Burschen, der letztes Jahr das Label “ava.” gründete und seitdem eine Hit-Platte nach der anderen veröffentlicht. Mit dabei auf “ava.” – persisch für Ton oder Geräusch – sind Murat Tepeli, Lowtec, Christopher Rau und auch von Erckert selbst. Was den 22-Jährigen antreibt und was sein Vater damit zu tun hatte, erklärt er uns in seiner Kölner Wohnung in der Südstadt.

Damiano ist nicht wie die meisten seiner Freunde zu elektronischer Musik gekommen. Er wurde nicht mit in Clubs geschleppt, ihm wurden keine Platten aufgedrängt und er hat auch nicht zu oft “Berlin Calling” geguckt. Bei ihm war das alles anders: Zwischen 1990 und 1998 war sein Vater im Ruhrpott Resident-DJ eines Clubs namens Nachtcafe. Und dort kamen die Leute nicht wegen irgendwelchen herumreisenden Star-DJs in den Laden. Die Residents standen im Zentrum der Aufmerksamkeit, erzählt der heute 22-Jährige, somit auch sein Vater. Der hat damals angefangen, Black Music mit House zu mixen, was zu der Zeit für diese Gegend noch relativ untypisch war. Er wächst also schon mit den cheesigen Housetunes von Strictly Rhythm und Nite Grooves auf. Später zieht Damiano dann weg aus dem Pott in Richtung Köln. Er lernt seinen Label-Kollegen Funkycan kennen, der zu dem Zeitpunkt schon zwei Technics 1210 besitzt und sogar ein bisschen Produktions- Know-How. Damiano beschäftigt sich aber erst einmal mit anderen Stilen. Punk, HipHop und R’n’B stehen höher im Kurs als alles Elektronische. Mit Funkycan und seiner ersten Ableton-Version findet er aber schnell wieder den Anschluss an House und fängt an, eigene Tracks zusammenzubasteln. Die ersten Kontakte in die unterschiedlichsten musikalischen Richtungen werden geknüpft und die ersten Studiobestandteile zusammengekauft.



Power bündeln

Nachdem Damiano von Erckert aber sein Demo an ein paar Labels verschickt und zum Großteil Absagen kassiert hat, ist ganz schnell die Entscheidung zu “ava.” gefällt. Natürlich war das Veröffentlichen der eigenen Musik nicht alleiniger Grund für die Gründung des eigenen Labels. Damiano sah das Potential, das über die Jahre in Köln heranwuchs, und vor allem sah er die Leute, die nicht nach Berlin abgehauen waren und trotzdem gute Musik produzierten. Aber die Kölner Szene war gespalten. Viele der Produzenten kannten sich, hatten aber nichts miteinander zu tun. “Power bündeln, um weiter nach vorne zu kommen” – das ist Damianos Antrieb. Und Power ist das richtige Stichwort, denn mit der Ava 001 gab es sofort ein kunterbuntes Kuddelmuddel: einen Track von Damiano selbst, einen Remix von Murat Tepeli, einen Track von Christopher Rau und einen Kollaborations-Track mit dem Weggefährten Funkycan. Weiter folgen Solo-EPs von Funkycan, die beiden “Köln” EPs – unter anderem mit Andy Vaz, Martin Beume, Hary Swinger und Ugly Drums – und natürlich Damianos erste Solo-EP. Obwohl Damiano eigentlich keine musikalischen Einschränkungen und Festlegungen duldet, war die Stoßrichtung der ersten Veröffentlichungen klar: House. Als ich danach frage, was sich über die letzten Jahre in Köln verändert hat, strahlt er und erklärt, dass das Publikum offener geworden ist. Leute, die auf Partys gehen, erwarten nicht immer nur den stumpfen Technosound, die ganze Szene ist souliger geworden und dank der riesigen House-Welle der letzten drei Jahre ist dieser Soul nun auch endlich in Köln angekommen. Die Clubs bieten mittlerweile auch ein breiteres Spektrum an DJs. Es gibt kaum noch reine Techno -oder House-Partys. Es wird viel gemischt und kombiniert. “Köln hat Soul”, versichert mir Damiano.

Kein Umzug!
Für ihn ist es nie in Frage gekommen, mit seinem Label nach Berlin zu ziehen. Die Vorstellung eines solchen Melting Pots ist für ihn nicht nur positiv behaftet. “Sicher ist es super, in so einem kreativen Umfeld am Start zu sein und einen gewissen Vibe zu spüren.” Aber das ist für ihn nicht alles. Seine Inspiration zieht er vor allem aus der Musik, die er nicht selbst produziert. Zwar hört er viel elektronische Musik, die besten Ideen aber kommen ihm bei Soul, Funk und Jazz. Deshalb findet er es im Grunde egal, wo man sich aufhält, es ist nur wichtig, was man daraus macht. Durch das Internet seien Standpunkte überflüssig geworden.
Gestartet ist “ava.” 2011 als reines Vinyl-Label. Zu der Zeit war von Erckert noch sehr von Idealen getrieben und die Schallplatte war das Heiligste. Jetzt sieht er das ein bisschen anders: Die Käufer seiner Veröffentlichungen verbreiten sich mittlerweile über den gesamten Globus. Leute aus Südamerika und Südafrika wollen seine Musik hören, das Bestellen des physikalischen Tonträgers lohnt aber oft nicht. Er findet es unfair, diesen Menschen seine Musik vorzuenthalten. So fing er 2012 an, seine “ava.”-Releases online anzubieten und sie somit jedermann zugänglich zu machen. Ob da nicht vielleicht ein wirtschaftlicher Aspekt mit reingespielt hat, frage ich ihn: “Beim Musikhören gibt es keine Klassengesellschaft. Kunst soll das Leben der Menschen verschönern, deshalb tun Künstler das, was sie tun – nicht um Profit daraus zu schlagen.” Der Idealismus der ersten Tage ist ein wenig abgeklungen, aber auch aus gutem Grund: “Idealismus ist mit einer extremen Einstellung verbunden. Und die ist oft nur bis zu einem gewissen Grad akzeptabel, weil man sich dadurch gerne auch selbst im Weg steht.” Was in nächster Zeit noch so bei ihm anstehe, frage ich ihn. Vorrangig wird er an seinem Album weiterproduzieren, was ihm augenscheinlich die größte Freude bereitet. Er tobt sich gerne in seinem Studio aus, das sich direkt gegenüber vom Gewölbe Club befindet. Weiterhin wird auch noch eine neue “ava.” Platte das Licht der Welt entdecken, unter anderem mit Remixen von Damianos Buddy Murat Tepeli und dessen langjährigem Brother In Crime Prosumer. In Anbetracht dessen frage ich ihn halbironisch, ob er sich schon darauf freut, die neuen Plattencover zu basteln, denn die sind bislang 100% Handarbeit. Damiano versichert, dass das eine höllische Arbeit ist, er aber immer genug Unterstützung von seinen Kumpels und natürlich den Künstlern von “ava.” hat – alles lokaler Support im D.I.Y.-Spirit. Scheinbar ist das in Köln einfach so – alles läuft eher als Familien-Ding und über Sympathie, keiner muss sich durch irgendetwas beweisen und die Uhren laufen insgesamt ein schönes Stückchen langsamer.

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Elektronische Lebensaspekte.