Die Berliner Chris Flor und Julia Kliemann arbeiten knallhart an butterzarter Musik. Als "Komeit" sind sie die Lieblingsband aller Zugpendler, die gerne durch regennasse Fenster träumen, aber doch glauben, dass im rechten Moment die Dinge auf ihrem angestammten Platz landen.
Text: anett frank aus De:Bug 60

Widerspenstige Zärtlichkeit

Komeit und Zart-Core, das sind zwei zusammmengehörige Dinge, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben. Julia Kliemann und Chris Flor lassen auch mit ihrer neuen Produktion auf Monika-Enterprise klärende Worte und (t)raumfassende Melodien verschmelzen. Was daraus entsteht, sind feinfühlige Songs im behüteten Kinderzimmer des Wohlklangs. Und sie lassen einen spüren, nur so spüren, ohne die Frage nach dem “Was”, in einer Mischung aus Nachdenklichkeit und leicht abschweifender Verträumtheit. Manchmal geht man mit diesen Gedanken im Rucksack eben auch auf Reisen – um neue Horizonte zu sehen. Das Kinderzimmer ist immer mit dabei und doch ein Stück zuhause gelassen. Bevor’s dann konkret losgeht, machen sich Komeit immer viele Gedanken um ihre Musik als Ausdruck und Weitergabe von Empfindungen. Ablenkung tut dann gut, wenn ein Zuviel an Gedankengewalt droht. Schaut man aus dem Fenster des Zugabteils, sieht man in der Spiegelung der Scheibe das Innen und das Draußen. In dieser Zwischenwelt (das Bild dient als sinnbildliche Schnittstelle zwischen Sound und Text) schweift man mit „Falling into Place” ungewollt, bis sich der Sound am Horizont wieder konkretisiert und gewahr wird.

Auf dem im Oktober 2000 erschienen ersten Album ging es noch mehr um Umsetzung von Ideen als um Konkretisierung von Sound. Eine strikt befolgte Ästhetik, eine quasi nur angedeutete Musik via begrenztem Instrumentarium initiierte sich per übersetztem Midi-Signal. Bei dieser Vermittlung von Musik wird eben nur die Tonhöhe und die Tonlänge transportiert, als eine (Steuerungs-)Form, nicht aber als konkreter Sound-Inhalt. Sound ist somit nicht Sinnträger. Der Song als Midi-Signal, der erst im Nachhinein “zusammengehört” wird. Die klassische Intention, ein Stück muss schon beim Produzieren nach einem Stück klingen, wird aufgegeben. Mit der puren Signaleinspeisung in die Verarbeitungsmaschinerie soll die Ausformulierung des eigenen Sounds vermieden werden – aber gerade damit wird ein eigener Sound geschaffen. Das ist jetzt anderthalb Jahren her.

Der Blick aus dem Zugabteil

Bereits auf ihrer ersten EP 1999 auf Lok verleihen die beiden mit hemmungsloser Offenheit und mit Mut zur weichen Klarheit eine bloßlegende Ausdrucksstärke, die imponiert. Komeit haben das niemals aus den Augen verloren. Auch auf dem ersten Album geht es um Offenheit, die manchmal auch schmerzt, aber unvermeidbar ist.
Chris sagt: “Es sind traurige Texte. Es geht um Liebesbeziehungen, die nicht richtig funktionieren, wenn sie vorbei sind, oder auch erst gar nicht wirklich richtig anfangen können, um traurige kleine Missverständnisse innerhalb von Beziehungen. Aber es gibt auch Momente von Klarheit, wo man merkt, deswegen funktionieren Sachen nicht. Man weiß auch, woran es liegt, kann aber nichts daran ändern.”
Traurig, aber auch schön ist auch “Falling into Place”. Die Schönheit birgt denn sogleich auch eine desillusionierende Nüchternheit. Man ist reflektiert genug zu sehen, wie die Dinge um einen herum wirklich stehen, und man versucht aus der Situation das Beste herauszuholen.

Was den Sound betrifft, ist das neue Album weniger kontrolliert. Chris meint, die Songs haben mehr Raum, sich zu entfalten. Es ist weniger konzeptgebunden. Das Thema diesmal ist Kommunikation selbst. Auch Abstraktionen. Der Text ist durch die Auswahl der Worte sehr allgemein gehalten, dafür aber auch für alle zugänglich und deshalb auch ein Text mit Freiräumen. Es geht weiter um Aussöhnung, um den Versuch zu begreifen, wie Kommunikation funktioniert und wie man das wieder hinkriegen kann. Diesmal haben sich Julia Kliemann und Chris Flor auch etwas mehr am Indie-Pop-Kontext orientiert, als Konsequenz aus den Erfahrungen, dass eben doch jeder Ton einen eigenen Sound hat. Das Album ist zum Vorgänger vergleichsweise pragmatisch und die Herangehensweise in der Produktion war wohl dieses Mal weniger idealistisch. Im Sound haben die beiden die große Möglichkeit an Bedeutung mehr eingegrenzt, ihn klanglicher ausformuliert, als noch beim erstem Album, wo es noch darum geht, Klänge direkt aufzunehmen, ohne Räume. Diesmal klingt die Platte mehr, eben durch zaghaftes Einsetzen von Klangräumen. Chris sagt: “Wir wollten auch weiter mit der Idee von Komeit-Sound arbeiten und ihn weiter ausschmücken.” Ähnlich der Soundausformulierung kann auch das Cover gelesen werden. Weniger abstrakt als vorher gibt es mit diesem Blick aus dem Zugabteil einen gegenständlicheren Eindruck wieder, der durch die angehauchte und vom Regen verschleierte Landschaft getragen wird.
DeBug: Wie kam es zum Titel des zweiten Albums, wo es doch sonst keinerlei Labeling bei Komeit-Veröffentlichungen gab?
Chris: Wir wollten den Stücken eine Richtung aufdrücken, doch die Platte hat sich mit Händen und Füßen gewehrt, was auch sehr bald in Verzweiflung gipfelte. Hinzu kam noch erschwerend, dass wir in eine Zeit hineinproduzieren, in der die Idee von ruhiger Musik, die Idee von Zartheit nichts Neues mehr ist. Wir mussten lernen, die Erwartungshaltungen von unseren Freunden, vom Label oder von einem imaginären Auditorium wegzudenken und einfach machen. Die Texte sind dann auch schlicht passiert. “When it starts” ist ein Song, der diesen Losbruch dokumentiert. „Falling into Place” meint, das Sachen automatisch an die Stelle fallen, wo sie eigentlich schon immer hingehörten. Manchmal passt es nicht und man dreht es ein Stück herum und dann geht es ganz einfach. Man kann dann nicht mehr genau sagen, wie man das gemacht hat, aber es hat funktioniert.

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Elektronische Lebensaspekte.