Eine feste Burg ist unser Vinyl. Nach diesem Motto arbeitet Kompakt seit Jahren sehr erfolgreich. Doch auch in Köln steht der MP3-Shop in den Startlöchern. Das Vinyl ist codiert.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 85

Kompakt / Jetzt mit Online-Shop

Als ich das erste Mal davon gehört habe, dass Kompakt einen MP3-Shop aufmacht, wollte ich es kaum glauben. Nicht nur weil Wolfgang Voigt sich selber gerne als Digitalmuffel beschreibt, sondern einfach, weil Kompakt für Vinyl steht und auch gerade davon lebt, Vinyl immer hochgehalten zu haben. Wenn der Dom fällt, wer würde dann noch von sich behaupten, standhaft zu sein? Mit Spannung erwartet wird es nun aber tatsächlich in den kommenden Wochen losgehen. Nach dem Vorbild von Bleep.com werden nur MP3s ohne DRM verkauft werden (min. 224 kBit), außerdem gibt es 40-Sekunden-Vorhörschnipsel zum selber aussuchen, man findet exklusive Tracks aus dem endlosen Backstock aller Exklusivlabel und das Ganze gibt es natürlich im klassischen Kompakt-Layout ohne Firlefanz und Kompromisse. Das Vinyl aber bleibt nach wie vor das Zentrum Kölns.

Debug:
Was bringt grade euch dazu, einen MP3-Shop zu starten? Ihr seid ja anerkanntermaßen Vinylverehrer.

Voigt:
Das liegt an Entwicklungen, die im Musikmarkt einfach da sind. Grundsätzlich haben wir hier im Hause als vorrangige Vinylverkäufer und Gläubige einen Widerspruch zu lösen. Den, dass wir einerseits das Format ästhetisch und im sinnlichen Sinne eher als Verlust von Hörkultur erachten. Auch die omnipräsente Verfügbarkeit von allem und das am besten noch umsonst, das ist etwas, das wir philosophisch nicht tragen wollen. Auf der anderen Seite ist es jedoch so, dass wir uns realistisch Entwicklungen stellen müssen und zugeben, dass ein Teil des Marktes dahin geht. Wir sehen weniger den Vinyl-Markt bedroht, der stabil ist und von dem wir auch denken, dass das so bleiben wird. Der CD-Markt ist dagegen allerdings kein wirklicher mehr. Man muss da von einer veränderten Konzeption für das digitale Format ausgehen.
Wir glauben natürlich auch daran, Neukunden generieren zu können. Für unsere Themen, für Leute, die unsere Musik mögen und feiern, aber keine Platten kaufen, weil sie keine DJs sind und auch gar nicht das Geld hätten, sich in adäquater Menge mit Platten einzudecken, um all das zu haben, was sie gerne hätten. Wir denken da, einen bislang ausschließlich illegalen Markt auch partiell gewissermaßen konvertieren zu können. Wenn man mal rauskommt aus dieser rigiden Haltung, nur dafür oder dagegen zu sein oder zu kriminalisieren, dann glauben wir, dass man mit einem guten Angebot und einem guten Preis etwas aufstellen kann. Wir gehen aber nicht mit der Haltung ran, das ist der Markt der Zukunft, das wird alle bekannten Formate ersetzen.

Debug:
Gibt es Vorbilder? Vergleichbares?

Voigt:
Womit vergleichen wir uns? Wir kennen ja alle die kommerziellen Angebote, die iTunes-Sagen. Es gibt diese berühmten 99 Cent und es wird günstigere, aber auch teurere Sachen geben. Wir gehen davon aus: Wenn künftig Menschen diese Musik zeitnah und in amtlicher Qualität haben möchten, wird sich auch wieder eine Bereitschaft im Markt durchsetzen, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Wenn man weiß, dass viele MP3-Anbieter eigentlich andere Interessen haben, als Musik zu verkaufen, sondern eher MP3-Player, DSL-Anschlüsse, Klingeltöne oder sonst was vertreiben möchten. Dagegen sind Shops wie unserer natürlich anders, weil wir ein Interesse haben müssen, mit der Musik, mit dem File an sich Geld zu verdienen.
Wenn man will, dass weiterhin Musik wie diese auf dem Markt ist, dann muss es auch möglich sein, dass Leute, die diese Musik machen, irgendwie dafür bezahlt werden können, weil es sonst auf Dauer nicht funktionieren würde. Wir sehen für uns deshalb so ein bisschen das, was der Warp Shop gemacht hat, in groben Zügen, als entsprechend. Man ist eine bestimmte Marke, steht für einen gewissen Sound und glaubt auch damit eine angesehene Plattform machen und die Inhalte, die wir vertreten, transportieren zu können. Wir haben ja beispielsweise auch nicht so starke Einbrüche wie – hat man es hochgerechnet – die Majors. Und ein ehrlicheres Publikum, das weniger brennt. Wir setzen auch im Netzmarkt auf den sprichwörtlichen ehrlichen User. Jener, der sagt: Ich krieg das hier einfach, unkompliziert, keine Popups, keine Werbung, keine Verbote und ich muss mir nicht erst noch irgendeinen Kompakt-Player kaufen. Einloggen, vorhören, sortieren und zu einem adäquaten Preis kaufen, ein Cover ausdrucken und eine Rechnung ausdrucken, das war es.

Debug:
Reicht ihr die Tracks auch weiter?

Voigt:
Grundsätzlich tendiert der Markt ja in diese Richtung, und auch weil es eine neue lizenzrechtliche Situation ist, bei der eigentlich alle mit allen theoretisch machen könnten und vielleicht auch sollen, was möglich ist. Wir glauben aber, dass das mittelfristig nicht sinnvoll ist. Wenn man ein bestimmtes Image auf einer breiten Plattform etablieren möchte, ist ein geschlossenes oder zumindest zum Teil exklusives Repertoire für uns der Garant dafür, dass auch Downloads in adäquater Höhe stattfinden. Wenn alle alles haben, sehen wir stark die Gefahr der Beliebigkeit. Deshalb gehen wir erstmal ran und geben nicht weiter, nötigen aber niemand sonst Exklusivität ab. Langfristig schließen wir Kooperationen aber nicht aus, strategische Zusammenarbeiten, die Sinn machen können.

Debug:
Wie kommt ihr mit den GEMA-Hindernissen klar?

Voigt:
Wir sind von vornherein bei der Lizenzierung der Musik nach dem Lizenzrecht vorgegangen, nach dem Compilationsrecht. Was man gar nicht glauben sollte: Es ist viel Vorleistung, Vorarbeit und Vorwissen in vielerlei Hinsicht erforderlich, um einen legalen MP3-Shop zu machen. Zumal wir ja auch von Kleinstsummen in großer Menge reden. Dies zu verwalten, ist natürlich ein Akt. Die GEMA geht ja, wie alle wissen, die sich da ein wenig reingelesen haben, schräg, experimentell und auch unrealistisch da ran. Es gibt zurzeit zwei Möglichkeiten, wie man mit der GEMA legal verfahren kann. Man dockt sich an die allgemeine einstweilige Klage der IFPI an, die auf eine lizenzrechtliche Lösung mit Schiedsrechtverfahren harrt. Die andere Option ist, mit der GEMA individuelle Einstiegsverträge zu machen, so wie wir und einige andere aus dem VUT-Umfeld das auch vorhaben. Im ersten Jahr verlangt die GEMA 8% vom Netto-Einkommen. Allerdings ist das ganz Neue, was es bisher so im Musikrecht überhaupt nicht gab, vom Endverbraucher-Preis und nicht vom Handelsabgabepreis wie im Lizenzrecht üblich. Wir machen GEMA Abwicklung, die Anmeldung-Abrechnung und alles. Die gesamte Bürokratie, den ganzen Ramsch, den man da so braucht. Und zahlen dann 50 Prozent vom Endverbraucher-Preis an die Label, allerdings incl. GEMA. Viele Label machen das ja heutzutage auch so, dass sie die GEMA intern mit ihren Künstlern abrechnen.

Debug:
Gibt es für euch eine Möglichkeit, das geliebte Format der EPs und Alben auch online zu wahren?

Voigt:
Wir sind von vornherein bei der Gestaltung, dem Layout und nicht zuletzt von dem – wenn du so willst philosophischen – Hintergrund davon ausgegangen, dem ganzen eine Logik und Terminologie zu geben, die auch dem klassischen Plattenmarkt zugrunde liegt. Wir reden nicht über Tracks oder Files, sondern über Katalognummern, Alben. So sind die Tonträger im MP3-Shop auch repräsentiert. Das heißt: Du lädst nicht den neuen Track von – sagen wir mal – Superpitcher, sondern von vorneherein die Kompakt 13 oder die Trapez 43. Das entspricht für uns mehr der Absicht des Künstlers. Wenn du bei uns MP3s kaufst, wirst du auch preislich Vorzüge haben, wenn du ein Album oder eine EP kaufst, so wie sie ist. Natürlich kann man auch Track 3 oder 7 kaufen, das ist jedem überlassen. Aber das Primärformat ist für uns der klassische Tonträger. Wir gehen ja auch davon aus, dass der Kunde, der sich die neue XY kauft, damit eine Identifikation verbindet.

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Elektronische Lebensaspekte.